Die große Glocke von Weenermoor

Geschichte der Glocken in Weenermoor

 

 

Die Glocke der ersten Kirche am Geiseweg

"Kleine Maria" oder "Marienglocke"

 

Erstmals erwähnt wird Weenermoor als "Weninghermór" in einer Urkunde aus dem Jahr 1428, 17 Jahre nach dem Guß der ersten Glocke. Darin wird das Kirchspiel Weenermoor von Häuptling Ocko tom Brok aus dem Eid an dessen Vater entlassen. Weenermoor war also zu dieser Zeit schon ein Kirchspiel mit eigener Kirche. Keramikfunde am heutigen Geiseweg bestätigen, daß dieses Gebiet bereits im 12. Jahrhundert besiedelt war.

 

Die Kirche am Geiseweg war vermutlich mit Reet gedeckt und wurde deshalb "Strohkarken" genannt. Der Glockenturm und die Kirche waren, wie im Rheiderland üblich, räumlich getrennt.

 

Die Glocke im Turm der ersten Kirche trug die lateinische Inschrift: "A. D. MCCCCXI.MARIA. O.REX. GLORIE. VENI. CUM. PACE.", zu deutsch: Im Jahre des Herrn 1411. Maria. O, König(in) der Ehren, komm mit Deinem Frieden". Bei diesem Spruch handelt es sich um ein uraltes Glockengebet.

 

Diese Glocke mit einem wunderschönen Klang tat auch noch in den anderen beiden Kirchen (also der zweiten und der dritten, heutigen Kirche) ihren Dienst, bis sie dann im Ersten Weltkrieg abgeliefert werden mußte und nicht mehr zurückkam.

 

 

Die Glocken der zweiten Kirche in Weenermoor

(Middelweg)

 

 

Die große Glocke (Ton fis) der evangelisch-reformierten Kirche in Weenermoor bei ihrer Abholung 1944.

Das Foto hängt neben der Kanzel in der Weenermoorer Kirche.

 

 

Nach den großen Sturmfluten Anfang und Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das alte Weenermoor nach und nach weiter nach Westen verlegt. In einer Urkunde aus dem Jahr 1581 wird erwähnt, daß "Weninghermohr" und der Ortsteil "Overmohr" bereits in einer Reihe am heutigen Middelweg lagen. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde dann eine zweite Kirche gebaut. Auch diese hatte ihren späteren Glockenturm vom Kirchenschiff räumlich getrennt.

 

In der zweiten Kirche erklangen in Freud und Leid die alte Marienglocke von 1411 und eine zweite, 1644 höchstwahrscheinlich vor Ort am Middelweg oder noch am Geiseweg gegossene "Große Glocke" (Ton: fis, unterer Durchmesser 105 cm).

Der Text in der ersten Zeile auf der Glocke lautet: "-> SI DEUS PRO NOBIS QUIS CONTRA NOS ANNO 1644 WENIGERMOER WILHELMUS GERARDUS PASTOR JOHAN DOLINIK SCHUTTE +"

Der Text in der zweiten Zeile auf der Glocke lautet: "-> MEISTER EGBERT LAMMERS KERCKVOGET M CLAUDI VOILLO ET GODTFRIED BAULARD ET CLADI GAGE AUS LOTHARINGEN ME +"

In der dritten Zeile steht in der Mitte der beginnenden und endenden Sätze noch das Wort: "FECERUNT" zu deutsch: "(haben dies) geschaffen"

 

Der jeweilige Satz beginnt mit einem "Fingerzeig" und endet mit einem Kreuzsymbol auf einem kleinen Hügel. Die Buchstaben und das Muster im Fries sind vorgefertigte Steckelemente, die möglicherweise wiederverwendet wurden. Der Text in der zweiten Zeile war zu lang, sodaß man das letzte Wort in eine dritte Zeile verschieben mußte.

 

Neben den Namen der Glockengießer Godtfried Baulard, Cla(u)di(us) Gage und Claudi(us) Vollio ist auf der Glocke der Spruch zu lesen: „Si deus pro nobis, quis contra nos. Anno 1644 Wenigermoer“ zu deutsch: „Ist Gott für uns, wer mag dann gegen uns sein?“ (Römer 8, V. 31b). Diese drei Glockengießer waren Wanderhandwerker aus Lothringen im heutigen Frankreich und boten ihre Dienste bei Bedarf in den Dörfern an. Daß ihre offensichtlich gute Arbeit bisher 368 Jahre in Freud und Leid gehalten hat, ist erstaunlich.

 

Claudius (auch Claus) Voillo (auch Wollo oder Wolio) war zwischen 1621 und 1650 Glockengießermeister, der zusammen mit Claudi Gage - eigentlich Nicolaus oder Nikolaus Gage - sein Handwerk zwischen 1640 und 1650 im ganzen Raum Weser-Ems anbot.

Mit Godtfried Baulard (auch Gottfried Boulard) wird ein weiterer Gießer genannt. Baulard stammt aus einer großen und bedeutenden Lothringer Glockengießerfamilie und war bis 1648 auch am Guß mehrerer Glocken im Emsland beteiligt. Danach wird er mit anderen Gießern auf den Glocken in Neuenkirchen (1658) und Emden (1659) genannt.

Nicolaus (C.) Gage (*1625 in Lothringen, nach 1675) schloß sich später dem Bruder Claudius Voillos, Steffen (oder Stephan) Voillo (†1670) an und nahm seinen Wohnsitz in Lübeck. Von dort aus zogen sie wieder mit einem weiteren Gießer zu dritt zwischen 1650 und 1667 durch West-Mecklenburg, Holstein und Dithmarschen. In diesen Gebieten wurde ihre Tätigkeit nachgewiesen.

 

Obwohl sie selbst katholisch waren, gossen sie vermehrt Glocken für evangelische Kirchen. Nach 1648 wurde eines ihrer Markenzeichen ein Symbol, das einen Pelikan auf einem Nest zeigt. Es ist auf der Weenermoorer Glocke (noch) nicht angebracht. Dieses ist vor allem auf den späteren Glocken in Nordostdeutschland zu finden und soll ein Zeichen des Protestantismus sein. Nach der christlichen Mythologie wird es einerseits als Zeichen der Mutter Maria gesehen, andererseits für das Heilige Abendmahl.

 

Die Kirchenbücher dieser Zeit berichten etwas bemerkenswertes: Die Arbeiten am Neubau der (zweiten) Weenermoorer Kirche am Middelweg wurden 1660 beendet - 16 Jahre nach dem Guß der großen Glocke. Das Fundament bzw. der Grundstein für den Glockenturm wurde erst am 6. Juni 1744 gelegt, also 84 Jahre nach Fertigstellung der Kirche und 100 Jahre nach dem Guß der Glocke. Wo bis zu diesem Zeitpunkt die Glocken gehangen haben (oder gelagert wurden?) ist nicht bekannt. Vermutlich wurde der alte Glockenturm am Geiseweg weiterhin benutzt, wie dies auch später mit dem Glockenturm der zweiten Kirche geschah.

 

 

Die Glocken der dritten Kirche in Weenermoor

(Weenermoorer Straße - vormals Dorfstraße)

 

Im Jahr 1806 wurde Eskelhoff Carsjen Gravemeyer Pastor in Weenermoor und blieb dies 40 Jahre lang. Er hinterließ neben den Kirchenbüchern eine bemerkenswerte Haus- und Familienchronik. Er berichtet unter anderem, daß durch die schlechten Witterungsverhältnisse und die ungünstige Lage des Ortes viele Einwohner nach dem alten ostfriesischen "Aufstreckungsrecht" weiter westlich in höhergelegene Gebiete ausgewichen waren. Dies war bereits am Ende des 17. und Anfang des 18. begonnen worden.

 

Pastor Gravemeyer berichtet, daß 1815 die (zweite) Kirche bereits so baufällig war, daß der Westgiebel einstürzte. Eine Renovierung wurde verworfen, da sich das Dorf bereits zu weit von der Kirche "entfernt" hatte.  Am 26. Mai 1824 wurde der Grundstein für die neue, dritte Kirche von Weenermoor gelegt und die alte Kirche am Middelweg endgültig abgebrochen. Der Kirchhof und der Glockenturm wurden jedoch noch weiterbenutzt.

 

Während der Bauarbeiten an der neuen Kirche beschädigte ein Blitzschlag den alten Glockenturm am Middelweg so stark, daß man "de groote klok" unverzüglich herunterholen mußte. Was mit den Glocken danach geschah, ist nicht bekannt. Möglicherweise wurde die kleine, leichtere Glocke weiterhin dort genutzt. Erst 1841 wurde die Genehmigung zur Schaffung eines neuen Kirchhofes und die Errichtung eines Kirchturmes bei der neuen Kirche erteilt. Der Bau des Turmes verzögerte sich jedoch aus Kostengründen bis ins Jahr 1867.

 

Im Ersten Weltkrieg mußten die Glocken 1917 abgegeben werden. Leider kehrte die kleine Glocke von 1411 (Marienglocke) nicht mehr zurück. Sie wurde in den 1920er Jahren durch eine neue ersetzt. Im Zweiten Weltkrieg mußten erneut alle Bronzeglocken als Rohstoff für die Herstellung von Kriegsmaterial abgeliefert werden. 1944 wurden die Glocken der Kirchengemeinden im Rheiderland ausgebaut und in Weener bei der St. Georgskirche gesammelt. Der damalige Vorsitzende des Heimatvereins Reiderland, Herr Anton Koolmann, hat die zur Abholung bereitstehenden Glocken fotografiert. Dadurch ist ein einzigartiges Fotodokument mit historischem Wert entstanden, zumal einige Glocken den Krieg nicht überstanden haben (wie z.B. die Glocke von St. Georgiwold). Die große Glocke von Weenermoor kehrte weitgehend unbeschädigt zurück und ruft nach wie vor die Gläubigen zum Gottesdienst. Die kleinere Glocke wurde eingeschmolzen und erst 1957 durch eine Stahlglocke ersetzt.

 

 

Die Glocke aus Gußstahl (Kleine Glocke)

 

Im Jahr 1957 ließ die Kirchengemeinde Weenermoor einen Ersatz für die kleine, im Krieg eingeschmolzene, Bronzeglocke gießen. Auch in den Nachkriegsjahren waren die Materialien knapp und man entschloß sich für eine Glocke aus gegossenem Stahl. Stahlglocken haben gegenüber Bronzeglocken einen völlig anderen Klang. So kam es, daß die neue Gußstahlglocke zwar einen höheren Ton anschlägt, vom Volumen aber etwa genauso groß ist wie die Bronzeglocke aus dem Jahr 1644. Außerdem können Korrosionsschäden und Verschleiß die Glocke stärker in Mitleidenschaft ziehen.

 

Die Glocke trägt die Inschrift: "VERGISS NICHT, WAS ER DIR GUTES GETAN". Dies ist ein Teil des Psalm 103, Vers 2, der vollständig lautet: "Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiß nicht, was ER dir Gutes getan".  Am Fuß der Glocke wird die auftraggebende Gemeinde genannt: "EV.-REF. KIRCHENGEMEINDE WEENERMOOR.1957".

 

Die Stahlglocke im Turm der Weenermoorer Kirche Der schwere Klöppel der Glocke
   
Die Stahlglocke im Turm der Weenermoorer Kirche Das Zeichen des Gießwerkes "Wilhelmshütte"
   
Der Glockenfuß mit dem Namen der Kirchengemeinde Weenermoor

 

 

Die Reparatur der großen Glocke

 

Nachdem 2011 der Zustand der Glocke bekannt geworden und auch die Höhe der möglichen Reparaturkosten ermittelt waren, wurden umfassende Vorbereitungen getroffen. Schon früh hatten sich private Spender gefunden, die dieses Projekt unterstützen wollten. Es wurden viele Gespräche geführt und viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht. Die größte Spende kam aus dem Denkmalschutzprogramm des Bundes in die Kasse. Der Heimatkundliche Arbeitskreis konnte den Sänger "Sanny" zu einem Benefizkonzert zugunsten der Glockenreparatur gewinnen. Auch aus dessen CD-Verkauf kamen weitere Spenden an die Kirchengemeinde. Die Sparkasse LeerWittmund, die Jagdgenossenschaft Weenermoor sowie die Spenden der Vereine, Gruppen und Einzelspender trugen zur Finanzierung der Reparatur bei.

 

Die Firma Smidt & Frieling aus Wymeer stellte ein Gerüst auf und baute sie Schall-Luken aus. Der fachgerechte Ausbau und die Abholung der Glocke erfolgte durch die Firma Herforder Elektromotoren-Werke (HEW), die seit 1892 Glockenmotoren und Läutemaschinen herstellt und wartet. Am 13. und 14.06.2012 waren Meister Jürgen Eichenberger und Michael Kampe vor Ort und bauten die Glocke aus. Sie wurde in Herford gewogen und vermessen, und danach eine metallurgische Analyse durchgeführt. Anschließend wurde sie zur Reparatur bei der Firma Lachenmeyer in Nördlingen gebracht, die auf das Schweißen von Glocken spezialisiert ist.

 

 

Technische Daten der Glocken

 

Die große Weenermoorer Glocke wurde 1644 vor Ort in Weenermoor gegossen. Man geht davon aus, daß sie am Middelweg entstand. Möglicherweise wurde sie auch schon am Geiseweg, dem Standort der ersten Weenermoorer Kirche gegossen. Darauf läßt die Zeitdifferenz zum Bau der zweiten Kirche und des wesentlich später erbauten dortigen Glockenturms schließen.

 

Das Gewicht der Glocke wurde zunächst von den Experten der HEW auf ca. 700 - 750 kg geschätzt, nicht wie bei der letzten Abholung 1944 angegeben etwa 600 kg. Genauere Angaben wurden erst nach der Überprüfung in Herford erwartet. Sie hat den Ton: fis. Ihr unterer Durchmesser beträgt 105 cm. Das tatsächliche Gewicht wurde nach der Reparatur offiziell mit 700 Kg angegeben.

 

 

Der Ausbau und die Abholung der Glocke am 14.06.2012

 

Die Glocke im Turm der Weenermoorer Kirche  
   
   
   
Johann-Heinrich Alberts, der das Projekt ehrenamtlich
 betreut und Jürgen Eichenberger von der HEW
Gespanntes Warten
 
   
Die Glocke wird aus dem Turm gezogen... ...abgesetzt und ausgerichtet.
   
   
   
   
   
   
   
   
   
  Jürgen Eichenberger befestigt die Glocke
   
Der Bibelspruch und der Kichvogt Egbert Lammers Pastor Johan Dolinik Schutte und die Gießer aus Lothringen
   
Satzanfänge und Ende Jahresangabe 1644 und der Ort Wenigermoer
   
Der ausgeschlagene Fuß

 
Mit einem Segen und den besten Wünschen
 für eine gute Rückkehr wird die Glocke auf ihren Weg
 nach Nördlingen geschickt.

 

Die Rückkehr der großen Glocke

 

Nachdem die Glocke zur Reparatur zur Firma Lachenmeyer nach Nördlingen gebracht worden war, stellten Experten mehrere Haarrisse in der Glocke fest. Des Weiteren war die abgebrochene Krone und das alte Material der Glocke ein Problem. Die geplanten Reparaturkosten stiegen, aber sie waren notwendig.  Die renovierte und reparierte Glocke wurde poliert und erhielt ein neues Joch und einen neuen Klöppel.

 

Der fachgerechte Einbau der Glocke erfolgte wieder durch die Firma Herforder Elektromotoren-Werke (HEW), die seit 1892 Glockenmotoren und Läutemaschinen herstellt und wartet. Am 08. und 09.10.2012 waren Meister Jürgen Eichenberger und Michael Brieger vor Ort und bauten die Glocke ein. Die Firma Smidt & Frieling aus Wymeer stellte ein Gerüst auf und baute die Schall-Luken wieder ein. Am Sonnabend, dem 13.10.2012  wird die Glocke wieder in Weenermoor erklingen.

 

Die renovierte Große Glocke mit dem neuen Joch Die Große Glocke von Weenermoor
   
Die reparierte Krone mit dem neuen Joch Die Große Glocke erhält einen neuen Klöppel
   
Die Glocke wird zurück in den Turm gehoben Gespannt verfolgen die Zuschauer das Geschehen
   
Die Glocke wird zurück in den Turm gehoben Pastor Weber hält eine kleine Andacht zur Rückkehr der Glocke