Die untergegangenen Dörfer im Dollartgebiet

Auflistung und Beschreibung

 

 

Vorwort

 

Am 26. September 1509 brach die schwere "Cosmas- und Damianflut" über das Land herein und hatte den endgültigen Untergang der Hälfte des Reiderlandes und eines Großteils des Oldampts zur Folge. Die neuentstandene Meeresbucht, der "Dollart", erreichte seine größte Ausdehnung. 2009 jährte sich dieses denkwürdige Datum zum 500. Mal. An diesem Jahrestag sind in Deutschland und den Niederlanden Gedenkfeiern durchgeführt worden. Schon in den Monaten zuvor fanden zahlreiche Informationsveranstaltungen statt. Mehr dazu im Text zu den Dollartfluten.

 

Die "Cosmas- und Damianflut" vollendete eine Katastrophe, die schon lange vorher begonnen hatte. In allen Aufzeichnungen, die nach der Katastrophe verfaßt worden sind wird eines deutlich hervorgehoben: Sie hätte von Menschenhand verhindert, oder in ihrer Stärke abgeschwächt werden können, wenn die Friesen im Moment der Entscheidung zusammengehalten hätten. Leider jedoch befand sich Friesland zu dieser Zeit im Bürgerkrieg und die streitenden Parteien förderten den Untergang sogar noch, in dem sie selbst Deiche und Siele zerstörten. Sie zahlten einen hohen Preis, denn das was folgte, war nicht mehr aufzuhalten.

 

Der Dollart in seiner größten Ausbreitung

Karte nach Ubbo Emmius 1616

Grundlage war eine ältere Karte von 1574

von Jakob van der Meersch

Quelle: Wikipedia

 

 

Historische Quellen

 

Die Angabe zu den (später) in den Dollartfluten nach und nach untergegangenen oder verlorenen Dörfern und Siedlungen stammen größtenteils aus Dokumenten, Karten, Urkunden und Berichten, die nach der Katastrophe verfaßt worden sind. Angaben zu manchen Orten finden sich aber auch in seltenen Urkunden aus der Zeit selbst z.B. in Gerichtsprotokollen des Ortes Torum.

Einige Namen werden vom Chronisten Ubbo Emmius genannt, der diese aus den Erzählungen seiner Großeltern kannte oder noch selbst zeitgenössische Dokumente lesen konnte, die heute verloren sind. Die Namen einiger Ortschaften werden auch in den Heberegistern (Abgabenlisten) des Klosters Werden an der Ruhr und des Bistums Münster genannt, zu dessen Einflußgebiet damals das Reiderland und das Oldampt gehörten.

Die Schreibweisen der Orte sind sehr unterschiedlich. Viele damalige Chronisten schrieben die Namen nach der Aussprache oder nach ähnlichen Angaben nach Hörensagen. Oft kommt es vor, daß ein Ortsname im gleichen Dokument mehrmals in anderer Schreibweise auftaucht. Man muß außerdem bedenken, daß sich das Entstehen des Dollarts über etwa 200 Jahre hinzog. Manche Dörfer wurden in dieser Zeit an höhergelegene Stellen verlegt und neu gebaut - oft mehrmals. Verwechslungen sind daher nicht ausgeschlossen.

Die Lage der einzelnen Ortschaften in alten Karten ist mehr als unsicher, denn sie sind alle nach der Katastrophe entstanden. Ubbo Emmius beschreibt jedoch die Lage eines Ortes oft mit "südlich von... gelegen", "etwas westlich von...", "an der Reider Ee..." usw. Andere Kartographen haben ihre Angaben aus anderen Quellen bezogen. So kann man z.B. ein bestimmtes Dorf auf drei Karten in unterschiedlichen Lagen finden (im Norden oder Süden), sondern auch in verschiedenen Schreibweisen.

Historiker gehen davon aus, daß es sich bei den Nennungen Orte, die im Dollart versunken sein sollen, vielfach um Fantasieprodukte gehandelt haben könnte. Man brauchte damals ein Mittel, um das Volk zu einigen und das waren Schauergeschichten über versunkene Dörfer, die wegen der Uneinigkeit der Menschen vergangen sind. Experten sind der heutigen Meinung, daß es im Dollartgebiet nur sehr wenige echte Siedlungen gegeben haben muß.

Die historischen Angaben sind nur durch archäologische Funde zu bestätigen. Reste mancher Dörfer hat man nach den Einpolderungen wiedergefunden - oft unter meterdicken Kleischichten. Glaubt man einigen historischen Angaben, so sind ganze Dörfer auf einer aufgeschwommenen Torfschicht weggeschwemmt worden. Wenn dies so war, wird man von ihnen keine Reste mehr finden können.

 

 

Chronisten und Forscher

 

Eggerik Beninga (1490-1562) war ein (ost-)friesischer Geschichtsschreiber aus altem friesischen Häuptlingsgeschlecht. Er war einer der ersten Staatsmänner Ostfrieslands und Drost von Leer. Er verfaßte 1562 die "Cronica der Fresen", eine geschichtliche Abhandlung über Ostfriesland in plattdeutscher Sprache, die er bis zu seinem Tod weiterführte.

 

Ubbo Emmius (1547 - 1625) war ein (ost-)friesischer Theologe, Pädagoge und Historiker. Er war Gründungsrektor der Universität Groningen (Niederlande). Emmius schrieb 1616 sein Werk "Perihaegaesis, id est accurata descriptio chonographica Frisiae Orientalis" (Führung durch Ostfriesland, d.h. geographische Beschreibung Ostfrieslands) in lateinischer Sprache. In diesem Werk beschreibt er die untergegangenen Orte, die Landschaft und die Umstände des Untergangs. Sein berühmtestes Werk ist jedoch "Rerum Frisicarum historiae libri 60" (Die 60 Bücher der friesischen Geschichte).

 

Gerard Outhof

war ein ostfriesischer Historiker und schrieb das Werk "Verhaal van alle hooge Watervloeden in Europa, van Noachs tijden af tot heden", das 1720 in Emden erschienen ist. Outhof befaßte sich vor allem mit den Sturmfluten und deren Geschichte.

 

Jacobus Isebarandus Harkenroht (1676 - 1736) war Pastor und Geschichtsschreiber in Groningen. Er verfaßte die "Oostfriesche Oorspronkelijkheden", die 1731 in Groningen erschienen. Zeitweilig war er auch Pastor und Rektor der Lateinschule in Appingedam, wo er mehrere Bücher zur Altertumskunde Appingedams verfaßte.

 

Eilardus Folcardus Harkenroht (1670-1732)

war ebenfalls Pastor, Heimatforscher und Bruder von Jacobus Harkenroht. Er berichtigte und überarbeitete Eggerik Beningas "Volledige Chronyk van Oostfrieslant" und gab sie 1723 in Emden neu heraus. Beide Brüder haben gemeinsam und ausführlich über die Sturmfluten in den Jahren1717 und 1720.

 

Tilemann Dothias Wiarda

war ein ostfriesischer Historiker und schrieb das fundierte Werk "Ostfriesische Geschichte", das 1797 in Aurich erschien. Er schrieb auch Artikel für mehrere Monatsblätter und Jahrbücher, in denen unter anderem 1786 die Abhandlung "Wann und wie ist der Dollart entstanden?" erschienen sind.

 

Johann Friedrich Heinrich Arends (1782 - 1861)

war ein Geograph, Wirtschaftswissenschaftler, Kulturhistoriker. Er verfaßte mehrere Dutzend Bücher über die ostfriesische Geschichte, darunter auch die "Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes", die 1824 in Emden erschienen ist. Seine detaillierten und fundierten Angaben bildeten die Grundlage weiterer Forschungen.

 

Dr. C. Reinhold

schrieb die "Kurze Darstellung der Entstehung des Dollarts", die im Ostfriesischen Volks-Buch, 1. Jahrgang 1831, erschienen ist.

 

Dr. G. A. Stratingh und S. A. Venema

Dr. Stratingh war Arzt, Philosoph und Naturwissenschaftler. S. A. Venema war Bürgermeister der Stadt Winschoten und Mitglied der Provinzregierung. Beide veröffentlichten im Jahr 1855 ein umfassendes Buch über den Dollart, seine Geschichte und Entstehung, die versunkenen Dollartdörfer und die damalige Naturlandschaft. Daneben beschäftigten sie sich mit der Geschichte des Deichbaus und der Einpolderungen. Dieses Werk räumt unter anderem auf wissenschaftlicher Grundlage mit vielen Legenden auf, die um die versunkenen Dörfer ranken.

 

Otto Galama Houtrouw (1838-1933) war ein berühmter Theologe, Heimatforscher und Ostfrieslandkenner. Ab 1873 schrieb er mehrere Bücher zur friesischen und ostfriesischen Geschichte und brachte neuere Erkenntnisse in Monatsblättern heraus. Viele seiner Untersuchungen sind noch heute Grundlagen für neue Forschungen.

 

Dr. Heinrich Reimers (1879-1942) war Pastor und Historiker. Seine Doktorarbeit machte er mit dem Thema "Die Quellen des Ubbo Emmius". Ausgedehnte Reisen mit vorrangig historischen Zielen führten ihn durch ganz Europa. Dr. Reimers erforschte die friesische Geschichte und veröffentlichte mehr als 200 Publikationen. Mehrere Gemeinden haben Straßen und Plätze nach ihm benannt.

 

 

Karte des versunkenen Reiderlandes

Originaltitel: "Vertooning der carspelen die in den Dullart vergaen zijn

 : uit oude caerten afgeteekent ... 1664"

Quelle: Rijksuniversiteit Groningen

http://irs.ub.rug.nl/ppn/147594707

 

 

Friesische Namensgebung der Dörfer

 

Wilhelm Siebrands Itzen, Ratsherr und Bürgermeister a. D. von Weener, schrieb 1930 in einem Aufsatz über die Besiedelung des Reiderlandes, daß die Namen der Warfdörfer fast ausschließlich auf "-um" und  kleinere Warfsiedlungen fast alle auf "-borg" oder "-weer" enden. Er rechnete alle drei zur Gruppe alter friesischer Siedlungen. Es gibt aber noch andere Namensendungen bei den Dörfern des alten Reiderland und des Oldampts.

 

-um

Die Besiedelung des Reiderlandes begann auf dem hohen Uferrücken an der Ems. Fast alle Dörfer, scheinen sich nacheinander wie an einer Perlenkette aufzureihen. Diese Dörfer lagen in der Regel im Vergleich zum Binnenland hoch und trocken. Dadurch konnten sie größere Ausdehnungen erreichen, wie kleine Warfsiedlungen. Die größeren Dörfer enden fast alle auf "-um".

 

-weer

(auch -wehr) Kleinere Siedlungen im Binnenland, die größtenteils auf Sandrücken oder künstlichen Warften erbaut worden waren und sich so die häufigen Überschwemmungen erwe(e)hrten, hatten oft die Endung "-weer" im Namen. Orte mit dieser Endung lagen in der ersten Folgereihe einer Aufstrecksiedlung. Sie bildeten den Beginn der Moorkultivierung.

 

-borg

 Die Endung "-borg" ist oft verbunden mit "Steinhäusern", die zu Zeiten der Häuptlingsherrschaft errichtet wurden. Großgrundbesitzer bauten sich Häuser aus Backsteinen, die sich die normale Bevölkerung nicht leisten konnten. Die Häuptlinge statteten sie oft mit dicken Mauern und einem Wassergraben aus, sodaß man für ostfriesische Verhältnisse tatsächlich von kleinen Burgen sprechen konnte.

 

-ham

Siedlungen mit der Endung "-ham" lagen oft direkt am Wasser. Das konnten kleinere und größere Flüsse oder Buchten, aber auch künstliche Kanäle sein.  Orte mit diesem Namen lagen häufig an Einmündungen zweier Gewässer. Die genaue Bedeutung im Wortsinn lautet "mit einem Wall umgebenes (Weide-)Land" oder "mit einem Wassergraben umgebenes (Weide-)Land".

 

-wold

(auch "-wolt" oder "-wolde"). Orte mit diesem Namen lagen an wilden, nassen Moorflächen und hatten oft einen kleinen (Busch-)Wald. Auf den armen Moorböden der Region waren dies in erster Linie Erlen-Bruch-Wälder und Birkenhaine. Orte mit dieser Endung bildeten oft die dritte Folgereihe einer Aufstrecksiedlung.

 

-moor

(auch -moer) Wie die Endung bereits erkennen läßt handelt es sich bei den meisten Orten dieses Namens um Dörfer, die von wilden, meist trockenen Moorflächen umgeben sind. Oft waren diese von nur geringer Dicke oder schlechter Qualität, sodaß sie sich nicht zum Torfabbau eignen. In den meisten Dörfern mit dieser Endung wurde daher Weidewirtschaft und Viehzucht betrieben.

 

-fehn

(auch -veen). Bei diesen Orten handelt es sich größtenteils um sogenannte Moorkolonien. Das sind planvoll angelegte Siedlungen an Moorkanälen ("Wieken"). In den Hochmooren der Umgebung wurde in erster Linie Torf gegraben und über die Wieken verschifft.

 

-gast

(auch -gaste) Der Name leitet sich her von Geest und bedeutet altes, hohes und trockenes Sandland, das hauptsächlich zum Anbau von Getreide genutzt wird. Orte dieses Namens lagen also in wirtschaftlich günstigen Bereichen.

 

-horn

(auch -hoorn oder -hörn) Das Wort wird abgeleitet vom friesischen "hôk" (niederländisch: "hoek") für Spitze. Gemeint ist damit eine Landspitze, Landzunge oder eine Ecke oder Winkel auf eine Gegend bezogen.

 

-lee

Der Name kommt aus dem friesischen "lâg" oder "leeg" und bedeutet "tiefliegendes Land". Orte mit dieser Endung haben wohl an tieferen Stellen, wahrscheinlich unter der Meeresspiegelhöhe gelegen. Es ist auch wahrscheinlich, daß Orte mit dieser Endung direkt an einem Gewässer lagen.

 

-verlaat

Der Name "Verlaat" leitet sich vom Wort "verlassen" ab und meint in diesem Sinne das Verlassen einer Schleuse. Orte mit diesem Namen hatten eine Schleuse, durch die Schiffe vom Meer ins niedriger gelegene Binnenland fahren konnten und umgekehrt.

 

-broek

Orte mit dieser Endung lagen oft auf einer morastigen und buschbestandenen Sumpffläche am Rande eines größeren Moores. Das Land, das diese Orte umgab, war meist mit kleinen Rinnsalen durchzogen, weshalb man sie auch "Bruch" nennt.

 

-oort

Der Name leitet sich nicht vom (Wohn-)"Ort" ab, wie man glauben könnte, sondern vom altgermanischen Wort "ôrt", was "scharfe Spitze" oder "Ecke" bedeutet. Leerort heißt daher "Spitze von Leer", da Leerort auf einer Landzunge zwischen Ems und Leda liegt. Ähnliche Namen findet man in "Darßer Ort" und "Ruhrort". Im Volksmund heißt Leerort heute noch "'n Oort". Die alte Fähre hieß "Noortmer Fähre".

 

-loog

(auch log). Der Name leitet sich vom altfriesischen " lôch", "loech", oder "lôg" ab und bezeichnet ein Kirchdorf, oder einem Kirchspiel zugerechnetes eigenständiges Dorf.

 

-hafe

Der Name leitet sich von dem mittelhochdeutschen Wort "haf" für "Hof" ab und meint damit einen im kirchlichen Besitz befindlichen Hof. So war z.B. der Ort Marienhafe bei seiner Entstehung eine kirchliche Anlage.

 

-huis

(auch -haus) Orte mit dieser Endung sind oft Einzelhöfe, große Bauernhöfe oder Vorwerke gewesen. Da sie keine "Steinhäuser", also Häuptlingswohnungen waren, haben sie am Ende des Namens ein "-huis" statt "-borg".

 

-heide

Orte dieses Namens wurden oft in dürren, sandigen, unfruchtbaren und ebenen Gegenden erbaut.

 

-hammrich

Orte mit diesem Zusatz lagen, wie der Name es besagt, in Hammrichen. Ein Hammrich ist eine nasse, saure, unfruchtbaren und tiefliegende Gegend meist hinter einem Uferrücken im Binnenland, auf der nur Viehzucht betrieben werden kann. Eine genaue Beschreibung eines Hammrichs wird an anderer Stelle auf dieser Homepage gegeben.

 

-hee

Orte mit diese Endung lagen meist auf armen, unfruchtbaren Moorböden (siehe auch "-heide")

 

-esch

Ein "Esch" ist der Definition nach ein "fruchtbares, zum Getreideanbau gut geeignetes Land auf der Geest oder auf hochliegendem Kleiland, das wärmer ist, als das gewöhnliche Marschland, und deshalb nicht als Weideland, sondern zum Gemüse- und Getreideanbau genutzt wird."

Orte mit diesem Namen sind in Ostfriesland eher selten.

 

-kamp

Der Name leitet sich vom lateinischen "Campus" ab und bezeichnet ein (mit Wällen) eingehegtes Grundstück (z.B. einen Acker, Weide, Feld) außerhalb der Gemeinschaftsweiden (Meentelande oder Allmende). Orte dieses Namens waren damals oft Einzelhöfe.

 

-hage

Der Name steht für ein eingehegtes bzw. umfriedetes Waldstück außerhalb der größeren Dörfer. Orte dieses Namens waren damals oft kleine Waldsiedlungen.

 

-beek

(auch -back oder -beeke) Orte mit dieser Endung lagen auf etwas höherem Boden (auf einem Sandrücken?) und an kleinen fließenden Gewässern (z.B. Bächen).

 

-boe

Der Name leitet sich vom friesischen Wort "Boe" ab, der für einen Lagerschuppen (Holz, Stroh, Torf) steht. Das altfriesische "" bezeichnet dagegen ein kleines Haus, in dem Menschen und Tiere gemeinsam leben.

 

 

 

Untergegangene Dörfer des Reiderlandes und des Oldampts

Kurzbeschreibung nach alten Chronikangaben

 

In dieser Liste sind die untergegangenen Marktflecken, Klöster und Dörfer aus den Angaben der verschiedenen Chroniken aufgeführt. Die unterschiedlichen Schreibweisen sind in Klammern beigefügt.

 

 

Uiterpogum

(Uiterpawinghe, Ut-Pogum, Uterapaum, Urapaum)

Ein kleines Dorf oder Siedlung in der Nähe des heutigen Pogum (Paum, Pawing, Pawinghe oder Panum). Es lag auf der halben Strecke zwischen Pogum und Torum. Es hat wie Torum noch lange den Fluten standgehalten, da der Ort auf einem hohen, festen Uferrücken stand. Im Münsterschen Kirchenregister wird der Ort noch bis zum Tag der Cosmas- und Daminanflut als bestehender Ort genannt.

 

Torum

(Thorum, Tordingum)

Über den Ort Torum ranken sich viele Legenden. Er soll der Hauptort des Reiderlandes gewesen sein und sogar (für damalige Verhältnisse) eine große Stadt. Es sollen acht Gold- und Silberschmiede im Ort ansässig gewesen sein. Torum hat noch lange den Dollartfluten widerstanden. Noch 1507 ist dort Gericht gehalten worden, wie Urkunden belegen. Torum war also einer der Sitze der drei Landrichter des Emsigerlandes. Aus einer Urkunde aus dem Jahr 1457 wird ein Landrichter mit Namen "Erd van Tordingen" genannt, der in einer Rechtssache des Klosters Langen bei Logum an der Ems (beide Orte sind ebenfalls versunken) verhandelte.

Zu Ubbo Emmius Zeiten (1616) war Torum wegen der zahlreichen Ruinen noch als Stadt zu erkennen gewesen. Von Torum waren neben den Ruinen auch noch Straßen zu erkennen, wenn die Ebbe eingetreten war und der Ostwind das Wasser wegblies. Strandgänger und Wattläufer fanden immer wieder altes Gerümpel und Hausrat. Emmius beschreibt, daß einmal ein Krug gefunden worden sei, der Silbermünzen enthielt, die "vor sehr vielen Jahrhunderten geprägt worden waren".

Historiker haben nach einem aktuellen Fund diese Münzen inzwischen als französische Goldmünzen identifiziert, auf dem das Wort "Tordingum" oder ähnliches zu lesen ist. Offensichtlich machten alte Chronisten dieses Wort zum Namen "Torum" und dichteten die Legende der Goldschmiede hinzu.

 

Duvelee

(Duveller, Duneser, Duncker, Donellen?)

Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes oder Ortes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Es wird nur auf unzuverlässigen Karten in unterschiedlichen Lagen erwähnt. Ob es ein Dorf, eine kleine Siedlung oder nur ein Bauernhof gewesen ist, kann nicht festgestellt werden. Möglicherweise liegt hier eine Namensverwechslung mit "Dune Lee" (Duinkerken) vor.

 

Peterswolde

(Peterswere oder Petersweer)

Der Ort war möglicherweise eher eine kleine Siedlung und kein Kirchdorf - wahrscheinlich aber nur ein Bauernhof. Er soll in einer waldreichen Gegend gelegen haben. Im Münsterschen Kirchenregister wird ein versunkener Ort mit Namen "Upwolde" (heute Sankt Georgiwold) genannt, der eine kleine Kapelle besessen haben soll. Ob es sich bei diesem Ort um "Peterswolde" handelt, wurde früher zwar für möglich gehalten, inzwischen aber bezweifelt. Experten gehen heute davon aus, daß sich der Ort in der Nähe des heutigen Marienchor befunden haben könnte.

 

Liede

(Lidden, Leede)

Ein kleines Dorf, wohl eher wie Jansum eine Siedlung an der "Reider Ee". Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar, da auch dieser Ort nicht im Münsterschen Kirchenregister auftaucht. In einer Erklärung von 1565 wird ein Ort "Lidden" genannt, der allerdings bei Osterreide gelegen haben soll. Ob dieser Ort der gleiche ist, ist fraglich.

 

Beda

(Berda oder Boder)

Ein kleines Dorf an der "Reider Ee". Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar, doch steht im Münsterschen Kirchenregister ein Ort mit Namen "Bedamewalt" verzeichnet. Möglicherweise liegt hier eine Namensverwechslung mit dem weiter südlich gelegenen Ort "Beerta" vor.

 

Hakkelsum

(Hackelsum, Hakelsum oder Haaksum)

Ein kleines Dorf an der "Reider Ee". Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Auf alten unzuverlässigen Karten wird am gleichen Ort oft der Ort "Katelmesincke" genannt. Möglicherweise handelt es sich um den gleichen Ort mit einem anders überlieferten Namen.

 

Wilgum

Der Ort lag an der südöstlichen Seite der Nessehalbinsel. Dort brach ebenfalls der Deich und das Dorf versank später in der von der Natur geschaffenen Emsbegradigung. Bis dahin lag das Restdorf noch bis ins späte 15. Jahrhundert an der Südseite der Nesseinsel, bis die Fluten das Dorf endgültig wegspülten.

Im Jahr 1437 wurde die dortige Häuptlingsburg (ein Steinhaus) von Hamburgischen Truppen erobert und anschließend abgebrochen. Die Steine wurden zur Verstärkung der Verteidigungsanlagen der Stadt Emden benötigt.

Wilgum wird noch im späten 15. Jahrhundert in einer Abgabenliste des Bistums Münster genannt. Danach war Wilgum kein reiches Dorf mehr. Es brachte 8 Schillinge auf, während z.B. Wester- und Osterreide noch je 13 Schillinge aufbrachten. Wilgum gehörte zur Probstei Hatzum.

Im Jahr 1616 versuchten die Emder mit einem Pfahlbauwerk an dieser Stelle das alte Emsbett wiederherzustellen. Emden war von der Ems abgeschnitten und der Emder Hafen verlandete und verschlickte immer mehr.

 

Fletum

(Flyathum)

Der Ort lag einst etwas östlich in der Nähe des heutigen "Punt van Reide" an der heutigen niederländischen Küste. Der Ort soll noch bis 1464 bewohnt gewesen sein. Nach einer alten Chronik hat auf der Glocke der Fletumer Kirche folgender Spruch gestanden: "Anno Dni M.CCC.LXIIII. Maria Ik hete. De van Flet. Hebbet. Mi laten. Ghet." (Im Jahre des Herren 1364. Maria heiße ich. Die [Menschen] von Flet[um] haben mich gießen lassen). In einer Abgabenliste des Bistums Münster wird Fletum noch im späten 15. Jahrhundert genannt. Es scheint kein reicher Ort (mehr) gewesen zu sein, denn er brachte nur 6 Schillinge auf. Fletum gehörte zur Probstei Hatzum. Flüchtlinge aus diesem Ort nahmen nach der Katastrophe den Familiennamen "van Vlyten" (in Hatzum) und "van Fleeten" (in Pogum) an.

 

Nesse

(Nes, Nees, Ness)

Das Nesserland war eine Anhöhe, die von der Ems umflossen wurde. Die Halbinsel ragte wie eine Nase (fries. Nes) in die Ems. Als im flacheren Süden, wo die Dörfer Jansum und Wilgum lagen, die Deiche brachen, wurde Nesse zur Emsinsel. Hier soll einst eine Salzbrennerei (Gewinnung von Salz aus Salztorf) gestanden haben. Lesen Sie bitte weiter unten den Eintrag bei den geretteten Dörfern.

 

Berum

(Bierum)

Der Ort lag einst wie Fletum etwas östlich in der Nähe des heutigen "Punt van Reide" an der heutigen niederländischen Küste. In zwei Verträgen von 1391 und 1420 wird ein Herr Campo als Häuptling von Berum genannt. Berum soll ein großes reiches Dorf gewesen sein mit einer Kirche und einem freistehenden sehr hohen Glockenturm. Das Dorf lag ungefähr gegenüber von Larrelt bei Emden. In einer Abgabenliste des Bistums Münster wird Berum noch im späten 15. Jahrhundert genannt. Es scheint nunmehr ein kleinerer Ort als Fletum gewesen zu sein und auch nicht (mehr) wohlhabend, denn er brachte nur 4 Schillinge auf. Auch Berum gehörte zur Probstei Hatzum.

 

Ter Borg

(De Borg)

Der Ort war möglicherweise ein Steinhaus in der Nähe von Fletum und Berum. Die tatsächliche Existenz dieses Ortes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Aufgrund der Nähe zu Berum könnte es sich um das Steinhaus (Burg) von Häuptling Campo von Berum gehandelt haben. Inzwischen gegen niederländische Historiker davon aus, daß es sich um eine Verwechslung mit der "Homburg" bei Westerreide handelt und eigentlich nur ein Sielhaus gewesen ist.

 

Jansum

Emmius berichtet, daß Jansum für die Nachwelt berühmt wurde, weil es das erste Dorf des alten Reiderlandes war, das infolge der Deichbrüche zerstört wurde. An dieser Stelle soll die Entstehung des späteren Dollarts seinen Anfang genommen haben. Experten zweifeln jedoch daran, daß Jansum ein Dorf gewesen ist, denn in einer Erklärung aus dem Jahr 1565 heißt es, der Ort wäre "bij olts een dijck, nu een diep gat in de see, bij de Lidden toe Reyde gelegen". Jansum ist also kein Kirchdorf, sondern nur eine Siedlung gewesen. Das erklärt auch, warum diese Siedlung nicht im Münsterschen Kirchenregister auftaucht.

Der Ort gelangte zu trauriger Berühmtheit, als hier angeblich im Jahr 1277 die Deiche brachen und das "Jansummer Gat" bzw. "Jansema gat" entstand. Durch den morastigen Boden an dieser Stelle konnten die Fluten schnell ins Land dringen und nach und nach große Teile des Landes "abschälen". Das Jahr 1277 ist Fiktion und wird in alten Chroniken häufig genannt. Historiker gehen dagegen von der Cosmas- und Damianflut 1509 aus.

 

Ludgerskerk

Die Kirche in diesem Ort war dem heiligen Ludger, dem ersten Bischof von Münster, geweiht und beherbergte dessen Heiligtum. Die Kirche dort hieß "Sankt Lutgeri". Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes ist jedoch in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Ubbo Emmius beschreibt diesen Ort jedoch. Möglicherweise wird der Name mit der großen Ludgerikirche in Osterreide verwechselt. Der Ort selbst könnte eine Kapelle gleichen Namens gewesen sein. Auf alten Karten wird der Ort fälschlicherweise als "Rutgerskerk" genannt.

 

Reide

(Reyde)

Der Ort galt in alten Zeiten eigentlich als ein Dorf. Mitten durch den Ort floß die "Reider Ee" oder "Reider Aa". In diesem Flußlauf befand sich ein großes Siel oder eine Schleuse, die "Reidersluis". Da sich durch die Fluten der Fluß immer mehr vergrößerte, sprach man dann später von "Osterreide" und "Westerreide. Möglicherweise hat das "Reiderland" bzw. "Rheiderland" von diesem Ort seinen Namen.

 

Osterreide

(Oosterreide, Ooster-Reide, Asterreide)

In diesem Dorf lag einst ein "Kloster der verschleierten Jungfrauen", das noch bis ins 16. Jahrhundert bestand. Es ist davon auszugehen, daß das Kloster in Osterreide selbst schon früher aufgegeben und nach Westerreide verlegt worden ist. Das Kloster wurde in einem Brief von 1282 erstmalig genannt. Als der Herzog von Gelder Herr über dieses Land wurde, ließ er 1534 das Kloster nach Luxwolde in (West-)Friesland verlegen. Andere Quellen berichten, daß die Nonnen nicht weit nach Delfzijl gezogen sind. In einem Vertrag aus dem Jahr 1535 geht hervor, daß die Einwohner des mittlerweile "außendeichs gelegenen Landes den dort liegenden Kirchhof und den Hauptaltar pflegen" sollten. Möglicherweise sind einige Nonnen in der Gegend geblieben und haben die Deichverpflichtungen wahrgenommen.

In einer Liste von 1542 werden die Deichpflichtigen noch einmal genannt. Aus dieser Liste wird deutlich, wie schnell sich die Dollartfluten über den Rest von Osterreide und Westerreide ausgebreitet haben.

 

Westereide

(Wester-Reide)

Das Dorf fiel vor allem durch seine zwei schönen Kirchen auf, die weithin berühmt waren. Eine davon soll 1575 noch gestanden haben. Um 1600 haben im Ort nur noch drei Häuser gestanden. Trotz der Umstände hat man noch lange jährlich am äußersten Punkt des Ortes den "Reidermarkt" abgehalten.

Emmius vermutete, daß das Reiderland seinen Namen von diesen beiden Orten erhielt. Nachdem Osterreide bereits verloren und von Westerreide im Jahr 1616 nur noch überflutete Ruinen übrig waren, soll sich im äußersten Winkel der Gegend noch ein militärisches Kastell (eine Schanze) befunden haben.

 

Homborg

(Homburg oder nur Borgh)

Der Ort war eigentlich kein Dorf oder Siedlung, sondern vermutlich ein Steinhaus im Nordwesten von Westerreide. Der Ort wird auf einer unzuverlässigen Karte des Zeichners Verburgh genannt. Möglicherweise gehörte das Steinhaus selbst zu Westerreide. In zwei Verträgen von 1413 und 1426 wird dort ein Steinhaus erwähnt. Dieses mußte während des Bürgerkrieges der Schieringer und Vetkoper 1413 an die Stadt Groningen übergeben werden. 1426 wurde es dann an den Probst von Loppersum, Jacob Beier, übergeben.

Niederländische Quellen gehen inzwischen davon aus, daß es sich auch um das alte Sielhaus an der Reider Ee gehandelt haben könnte, das fälschlicherweise auf anderen Karten an der Ems eingezeichnet wurde.

 

Stockdorp

(Stagestorp)

Der Ort lag nahe bei Beda an der Reider Ee. Dieser Ort wird zwar in den Abgabenlisten des Bistums Münster genannt, doch kann seine genaue Lage nicht mit Sicherheit angegeben werden. Die Karten des 16. Jahrhunderts sind nicht vertrauenswürdig.

Auch Name des Ortes wird möglicherweise mit Stocksterhorn / Astock verwechselt (siehe dort!).

 

Santerdorp

(Santdorp, Zanddorp, Sansterdorp)

Ein Nachbarort von Stockdorp, der etwas südlicher gelegen haben soll.

 

Saxumerwolde

(Soxumerwolde)

Dieses Dorf ist ein nicht näher beschriebener Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf. Das Dorf soll in der Nähe des "Punt van Reide" etwas nördlich von Harmerswolde gelegen haben. Möglicherweise wird der Ort mit dem Dorf "Haxenewalt" verwechselt, das im Münsterschen Kirchenregister genannt wird.

 

Hamerswolde

(Harmenswolde, Hermenswolde, Hermanswolde, Gharmswoldt)

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort ist urkundlich nicht nachweisbar, daher wird die tatsächliche Existenz inzwischen bezweifelt. Möglicherweise wird dieser Ort mit dem Dorf "Kalentwalt" verwechselt, das im Münsterschen Kirchenregister genannt wird.

 

Saxum

(Soxum)

Das Dorf ist ein nicht näher beschriebener Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf. Die genaue Lage des Dorfes ist nicht bekannt. Das Dorf war wohl sehr klein oder nicht sehr wohlhabend, denn im Münsterschen Kirchenregister taucht der Ort unter denen auf, die keine Abgaben leisten konnten. Der Ort wird auch mit dem Dorf "Haxne" gleichgesetzt, obwohl man eine Verbindung nicht nachweisen kann.

 

Jarde

(Jarda, Jarda Bundica, Tarda Bundica, Bundisch Jarde, Bundergeaarde, Bundergaarten, Bottergaarden oder Bundergarteney)

Ob dieser Ort tatsächlich ein Dorf war, oder nur ein zu Bunde gehörender Bauernhof, ist nicht mehr festzustellen. Auf alten Karten des 16. Jahrhunderts wird eine kleine Insel oder Sandbank im Dollart mit dem Namen "Jarde" bezeichnet. Die genaue Lage ist aber auch nach den unsicheren Karten zweifelhaft. Der Ort wird im Norden von Bunde (damals "Hooge Bunde" oder "Hoghebunde") angesiedelt und ist vermutlich die Vorgängersiedlung des heutigen Bunderhee gewesen. Auf späteren Karten wird hier der Name "Hochee" oder "Hochoe" genannt.

 

Uiterbeerte

(Uiterbeerde, Uterbert)

Zu Emmius Zeiten (1616) waren die Reste des Dorfes noch auf einer Anhöhe zu sehen und trugen noch den alten Namen. Uiterbeerte lag nahe der Überflutungsgrenze an der damals neuentstandenen Küste. Später war es eine kleine Insel im Dollart, die später verlassen wurde.

Uiterbeerte soll eine Kirche mit einem sehr hohen Turm gehabt haben.

 

Osterbeerte

Der Ort lag in der Nähe von Uiterbeerte. Auch von diesem Dorf waren 1616 noch Reste zu sehen. Wenn es den Ort tatsächlich gegeben hat, muß es wohl eher eine kleine Siedlung gewesen sein, denn es kommt im Münsterschen Kirchenregister nicht vor.

 

Garmye

(Garmede, Garmeden, Garmedo oder Garmie)

Dieser Ort war später eine große Sandbank (Blinke) oder Insel im Dollart. Der Name stammt vermutlich vom benachbarten Ort Medum, der im Dollart versunken ist. Auf der Insel wohnten zeitweilig noch Menschen, bevor auch sie verlassen wurde. Man geht inzwischen von einer Namensverwechselung mit dem Ort Medum aus.

 

Wynemeer

(Winnemeere oder Wijenmee)

Der Ort war ebenfalls ein Dorf an der neuen Küstenlinie und hatte einen kleinen See. Sonst ist von diesem Ort nichts weiter bekannt. Möglicherweise liegt hier eine Lage- und Namensverwechslung mit folgenden Dörfern vor: Der heutige Ort Weenermoor (früher auch Wijnnamor, Wenigermeer) lag einst am See "Overmoor". Das heutige Dorf Wymeer lag damals am Rande des Überflutungsgebietes. Beide Orte wurden nach den Dollartfluten an höheren Stellen wiedererrichtet. Auch eine Verwechslung mit den Orten "Wyneldham" und "Wynham" sind nicht auszuschließen.

 

Reiderwolde

(Reyderwolde, Reiderwoldt, Uprederwalt, Utrederwalt)

Der Ort lag in der Nähe von Saxum und Winham und war ein "vortreffliches Dorf mit seltenem Reichtum". Es übertraf alle Dörfer derselben Gegend an Größe und Pracht. Ubbo Emmius berichtet, daß in diesem Dorf "180 verheiratete Frauen gewohnt hätten, die etwa einen halben Liter fassende Schalen aus reinem Gold mit dem übrigen Schmuck nach der (friesischen) Volkssitte auf der Brust trugen und zu ihrem Putz rechneten". Emmius hielt diese Überlieferung bereits 1616 für ein Gerücht.

 

Friesische Tracht der Frauen

des Harlinger- und Wangerlandes um 1500

Die Trachten der Frauen im Reiderland waren ähnlich

Nachbildung im Heimatmuseum in der Peldemühle, Esens

 

Reiderwolde bestand eigentlich aus zwei Dörfern an der Ee: "Ut-Reiderwolde" und "Up-Reiderwolde". Beide Orte hatten Kirchen, von denen sich die in Ut-Reiderwolde von so großem Reichtum und Ansehen auszeichnete, daß es ein Kollegium von Kannonikern hatte, die dort den Gottesdienst besorgten. Der Name Reiderwolde bezog sich auf die Tatsache, daß es noch im Reiderland lag, während die anderen Dörfer um Reiderwolde herum, die auch nach Wäldern benannt wurden, wie z.B. Saxumerwolde, Harmeswolde, Midwolde, Ostwolde und Finserwolde, zum Oldampt gerechnet wurden.

 

Tynsweer

(Tysweer, Tijsweer, Tijetsweer, Thijswere, Ditsweer, Ditsari, Ditswert, Ditfari, Ditmeer, Siwetsweer?)

Das Dorf wird auf alten Karten und in historischen zeitgenössischen Dokumenten mehrfach genannt - jedoch immer in unterschiedlichen Schreibweisen. Daher ist eine genaue Nennung des Ortsnamens schwierig und gibt oft Anlaß zu Verwechslungen. Der Ort war ein größeres Dorf in der Nähe des heutigen "Punt van Reide". Vermutlich lag es etwas südlich davon. Das Dorf soll noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts bestanden haben, bevor es in der Cosmas- und Damianflut 1509 endgültig verschwand. 1565 nahm eine Untersuchungskommission zahlreiche Zeugenerklärungen von ehemaligen Einwohnern auf. Die sehr betagten Leute sollten erwas zum Entstehen des Dollarts erzählen. Sie berichteten vom vergeblichen Deichbau zwischen Jansum und Tynsweer. Einer der Zeugen erklärte, Im Jahr 1507 in Tijsweer geboren worden zu sein.

 

Ewitsweer

(Ewelweer, Ewirzwere)

Das Dorf soll nach Ubbo Emmius in der Nähe von Westerreide und Tynsweer gelegen haben. Inzwischen geht man davon aus, daß es sich nur um weitere Namen des Dorfes Tynsweer handelt.

 

Kloster Palmar

(Palmaer, Pallamaer, Palla, Poll, Poel, Palma, Palmarum, Pallemar)

(auch Porta Frisiorum, Cruce Signati in Porta oder Porta Sanctae Mariae)

Der Ort war ein reiches Kloster der Prämonstratenser. Diese werden in den Niederlanden auch nach ihrem Gründer "Norbertiner" genannt.  Palmar gehörte eigentlich zum Ort Tynsweer. Kirchlich gehörte es, wie auch die anderen Reiderlandgemeinden zur Probstei Hatzum. Die genaue Lage des Ortes ist nicht bekannt. Im 19. Jahrhundert wurden jedoch Reste und Fundamente einer großen Kirche in der Nähe des "Punt van Reide" gefunden.

Das 1204 gegründete Kloster trug den Namen "Porta Sancte Marie" (Sankt Marientor, auch Porta Major). Bei einer Visitation im Jahr 1288 zählte man 190 Einwohner. Alte Chroniken sprechen zwar ausschließlich von Mönchen, doch inzwischen gehen Experten davon aus, daß auch die Laienbrüder und Pachtbauern des umgebenden Klosterlandes mitgezählt wurden.

Das heutige Gemeindewappen von Bellingwolde soll Abbildung des Klosters Palmar zeigen. Es wurde von einem alten Kirchensiegel übenommen. Es zeigt eine Basilika mit zwei großen Türmen. Einer davon hat ein Kuppeldach. Heute geht man jedoch davon aus, daß es sich um ein Idealbild des "Himmlischen Jerusalem" handelt und nicht um die tatsächliche Ansicht des Klosters.

Palmar war ein sehr bedeutender Ort. 1256 bekam Palmar das Patronatsrecht über die Kirche von Reide (möglicherweise Osterreide). 1327, 1375 und 1427 spielte das Kloster bei der Aufzeichnung des friesischen Landrechts eine große Rolle. Dieses Landrecht wurde in alt-friesischer Sprache verfaßt und 1471 als Landrecht des Reiderlandes und des Oldampts für die Länder eingeführt "zoo as het nog voorhanden is". Das Landrecht trug die offizielle Bezeichnung "Landrecht des Oldenamptes ende des vyfften deels van Reyderlandt" und wurde später in des "Bellingwolder Landregt" übernommen.

Die Prämonstratensermönche  standen den Vetkopern nahe. Später starb hier der inzwischen verarmte Großgrundbesitzer und Anführer der Schieringer, Häuptling Tidde Winnengha, der zuvor seinen Untergebenen den Deichbau verboten, und daraufhin selbst alles verloren hatte.

Um 1447 waren die Klosterländereien überflutet. Das Kloster wurde offiziell aufgegeben und die Güter verteilt. Die Mönche zogen nach Dokkum oder Wittewierum um. 1454 wurde vor das Kloster ein neuer Schutzdeich gezogen, der jedoch bereits 1465 brach, weil er über Moorboden angelegt worden war. Das Gebiet soll aber trotzdem noch bewohnbar gewesen sein. Das ehemalige Kloster wurde nun als Bauernhof genutzt und mußte 1520 endgültig aufgegeben werden. Um 1550 haben die Reste des Klosters, wie auch die der Dörfer Tysweer und Zwaag noch aus dem Wasser geragt. Bereits 1565 waren sie ganz verschwunden. Die wenigen letzten Häuser und Höfe wurden im selben Jahr aufgegeben.

 

Kleiwierum

(Kleinwierum, Holwierde)

Der Ort war ein Vorwerk von Kloster Palmar und wird erst urkundlich genannt, als das Kloster aufgegeben und die Ländereien verteilt wurden. Neben diesem Vorwerk soll Palmar auch Ländereien bei Finserwolde in der Provinz Groningen und das Landgut "Boneburg" in Groothusen bei Emden besessen haben.

 

Zwaag

(Swaag, Swart, Swaegh, Swaghe, Swarth, Zwaach)

Der Ort war ein Dorf in der Nähe von Palmar und Tynsweer. Es wird in Urkunden von 1391 und 1420 erwähnt. Das Dorf versank endgültig in der Sturmflut von 1509. Noch 1545 waren Reste zu erkennen. 1565 wurden noch Flurstücke "de Zwaag" oder "de Scheemder Zwaag" genannt. Danach geriet das Dorf und seine Lage endgültig in Vergessenheit. Etwas nördlich vom alten Standort liegt die damals neugegründete Sielung Noordbroek. Ein in der Nähe gelegenes Flurstück hieß "Noordbroekster Zwaag". Man kann davon ausgehen, daß hier der nördliche Teil des untegegengenen Ortes Zwaag gelegen hat.

Inzwischen ist der historische Ort lokalisiert worden. Er lag ganz in der Nähe des heutigen Woldendorp. Über den ehemaligen Ort war ein Dollartdeich gelegt worden. Das dortige Siel hieß noch lange "Zwaagsiel".

1827 wurden bei Deichbauarbeiten auf dem Finsterwolder Polder menschliche Überreste gefunden. Es stellte sich heraus, daß es der alte Friedhof von Zwaag gewesen ist.

 

Cappeldebierde

(Kapeldebierde, Kapel de Beerthe, Kappeldebeerde, Keppeldebeerde, Rijpeldebeerte)

Das Dorf soll etwas südwestlich von Reiderwolde gelegen haben. Es ist vermutlich das Dorf "Rodendebord", das im Münsterschen Kirchenregister genannt wird. Durch die unterschiedlichen Lagezeichnungen in alten unzuverlässigen Karten und der verschiedenen Namensgebungen, sind Verwechslungen nicht auszuschließen. Der Ort hieß möglicherweise auch "Kapelle von Beerta". Vom Ort Beerta wird berichtet, daß in dem Dorf nur eine Kapelle gewesen sei, bevor man 1500 eine neue Kirche baute. Wenn das so wäre, handelt es sich vermutlich um eine Namensverwechslung.

 

De Beerthe

Gemeint ist möglicherweise der Ort Beerta. Hier handelt es sich vermutlich um eine Namensverwechslung. Trotzdem wird berichtet, daß hier 1290 ein Kloster gestanden haben soll, in dem 40 Nonnen ihren Dienst taten. Der eigentliche Ort Beerta (siehe unten) wird aber erst 1391 erstmals urkundlich erwähnt und hatte bis 1500 nur eine Kapelle.

 

Kloster Menterna

(Menterwolde, Menterwolda, Menterne, Kampwoude, Campis Sijlvae,  oder Campus Sylvae)

Das Kloster war eine Zisterziensermönchsabtei und lag zwischen dem heutigen Termunten und Woldendorp. Die Zisterzienser standen den Schieringern nahe.

Das Kloster Menterna trug auch den Namen "Campus Sylvae" und wurde im Jahr 1247 als Benediktiner-Doppelkloster gegründet.  Bereits 1259 wurde das Doppelkloster wieder aufgelöst (die Nonnen zogen aus). Danach wurde das Kloster vom Zisterzienserorden übernommen.

In einer Chronik von 1283 wird berichtet, daß ein Teil des Klosters "nobiles homines de Menterne" und 1287 ein weiterer Teil "nobiles homines de Menterwolde"  geschossen wurde.

Wegen zunehmender Feuchtigkeit wurde das Kloster 1299 nach Termunten verlegt. Abt Boyng wurde nach 1408 mehrfach zum Visitator der friesischen Zisterzienser ernannt. Auch 1423 forderte das Generalkapitel den Prälaten von Menterna zusammen mit dem Abt von Kloster Kamp auf, die Äbte der Diözesen Köln und Mainz alljährlich unter Androhung von Ordensstrafen zusammenzurufen. Das Kloster wurde wohl gegen Ende des 16. Jahrhunderts (angegeben wird das Jahr 1569) aufgegeben. Menterna ist zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach zwei Deichbrüchen endgültig in den Fluten versunken. Ob jemals ein Dorf mit diesem Namen existiert hat, ist nicht bekannt.

1975 wurde das Torgebäude des Klosters aufgefunden. Auf dem Klostergelände steht jetzt der Bauernhof "Grijze Monnikenklooster".

 

De Olde Stoeve

Der Ort war eigentlich Klostervorwerk bei Menterna, d.h. ein großer Bauernhof. Auf einigen unzuverlässigen Karten gibt es zwei Eintragungen dieses Namens. Einer lag bei Termunten, der andere südlicher bei Midwolda. Bei beiden heißt es, sie wären "Vledder" gewesen. Das sind morastige und tiefgelegene Stellen im Außendeichsland.

 

Oterdum

(Otterdum)

Der Ort lag zwischen Reide und Termunten. Nach Einbruch des Dollarts siedelten die Bewohner nach Termunten um. Reste des Dorfes lagen später im Außendeichsland vor dem Seedeich und waren noch lange zu sehen.

 

Goldehorn

(Gothorn, Goldthoern, Golthorn, Goldhorn, Goldhoorn, Solthorn, Southorn)

Der Ort wird im Münsterschen Kirchenregister gleich nach Wynedahaem genannt und war erst ein Kloster, dann ein Klostervorwerk bei Finsterwolde. Bei diesem Ort vermutet man allerdings, daß er, wie vielleicht auch andere ehemalige Moorsiedlungen, möglicherweise bereits vor den Dollarteinbrüchen wegen seiner niedrigen Lage zu einer Wüstung verfallen und erst nachträglich in den Listen der untergegangenen Dörfern aufgeführt worden ist. Es gibt zwei verschiedene Orte mit gleichem Namen.

In Goldehorn soll eine Kommandantur der Johanniterordens gewesen sein.

 

Ackstock

(Astock, Aestok, Astok, Assock, Altock oder Stoth)

Der Ort war die im untergegangene Vorgängersiedlung des heutigen Ortes Stocksterhorn. Nachdem Ackstock nicht mehr zu halten war, verzogen die Flüchtlinge zu einem höhergelegenen Ort und gründeten eine neue Siedlung.

 

Midwolde

(Midwolda)

Der Ort war einst "überreich und gewaltig". Der Ort hatte von "Häusern adliger Familien mehr, als man glauben könnte". Auch reiche Großgrundbesitzer wohnten hier und so wurde Midwolde der Hauptort des ganzen Oldampts.  In einer Chronik heißt es, Midwolde hatte eine große Kreuzkirche mit vier riesigen Türmen. Midwolde war durch die ersten Fluten bereits untergegangen - die Kirche jedoch war noch verschont geblieben. Das Dorf wurde verlegt - wie Ubbo Emmius schreibt, schon zum zweiten Mal. Nach neuen Fluten waren von Midwolde jedoch nur noch die Türme der Kirche zu sehen. 1545 versuchte man bereits, die Kirche zu retten, in dem man einen provisorischen Deich zog. Das gelang jedoch nur teilweise. Die Kreuzkirche verfiel immer mehr. Auf der Karte von Cornelis Edzkens aus dem Jahr 1647 wurde vermerkt, daß die imposante Kirche sogar fünf Türme gehabt habe. 1667 stürzte einer der fünf Türme wegen Baufälligkeit ein. Danach wurden die Rettungsversuche aufgegeben. Midwolde war bereits einige Kilometer weiter landeinwärts als "Midwolda" neu erbaut worden. Die Reste der Kreuzkirche wurden Anfang des 18. Jahrhunderts abgebrochen. Aus den Steinen der alten Kirche ist 1708 die neue Kirche von Midwolda gebaut worden.

 

Merkhusen

(Markhuisen oder Maarhuisen)

Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Auf unzuverlässigen Karten werden "Merkhusen" und Markhusen" als zwei verschiedene Orte aufgeführt, die an einem kleinen See in der Nähe der Tjamme lagen.

 

Wyneldham

(Windeham, Wynedahaem, Wijndeham, Wundeham, Wineldham, Wijneldaham, Vinelham)

Der Ort war ein größeres und reiches Dorf und lag dort, wo die Flüsse Tjamme und Reider Ee zusammenflossen. Hier soll Häuptling Tidde Winnengha auf der "Tydwynedaborch" (auch "Tijdwijnedaborch" oder "Twiddinga Borch") gewohnt haben. Die Burg wird in zwei Verträgen aus den Jahren 1391 und 1420 genannt.  Häuptling Winnengha verbot seinen Untergebenen den Deichbau und wird deshalb als Hauptverantwortlicher für den Einbruch bzw. das Entstehens des Dollarts verantwortlich gemacht.

Der Ort lag im Grenzgebiet der friesischen Verwaltungsbezirke (Gauen) Oldampt und Reiderland auf der reiderländischen Seite. Da sich Tjamme und Reider Ee, die gleichzeitig Grenzflüsse waren, in ihrem jeweiligen Bett mehrfach verschoben, mußten die Grenzen des öfteren neu festgelegt werden. Der Ort soll auf der gleichen Höhe wie Marienchor gelegen haben. Das macht eine Orts- und Namensverwechslung mit dem ebenfalls als untergegangenen Ort beschriebenen "Wynham" wahrscheinlich.

 

Houwingaham

(Homingeham, Hommingham, Hovingeham, Howengaham, Howengahom, Howengahoff, Homingergast, Houwingahof, Upham, Utham oder Hamdijk - neuzeitlicher: Bellingwolder Ham, Hoholsmaar)

Der Ort war ein Nachbarort von Wymeer. Es ist in den Dollartfluten von 1509 versunken. Die lage des Ortes wird in alten unzuverlässigen Karten weiter nördlich angegeben. Früheste urkundliche Erwähnungen datieren aus dem Jahr 1325. Darin wird ein Häuptling Nonna Uwinga van Honingaham genannt, der einer von drei Richtern im Reiderland war. 1395 wird Tyabbe Yeldrix urkundlich genannt, der Häuptling "in den Ham" war und Herr über Westerwolde im Namen der noch minderjährigen Addinga-Kinder. Es sind außerdem mehrere Kaufverträge aus den Jahren 1490 bis 1493 bekannt, in dem der Ort genannt wird. Das Dorf lag am Rand der Überflutungszone und hat im Jahr 1511 noch bestanden. Die Kirche scheint das Unglück zunächst überstanden zu haben. Es wird zwar 1527 noch ein Pastor der dortigen Kirche "Sankt Jacob" genannt und 1561 taucht der Ort noch einmal in den Abgabenlisten des Bistums Münster auf, doch neue Erkenntnisse lassen darauf schließen, daß es das Dorf zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gegeben hat. Der letzte Einwohner wurde in Beerta begraben. Auf einer Karte aus dem 16. Jahrhundert ist Houwingaham als Insel oder Sandbank im Dollart eingezeichnet.

Überreste und Fundamente des Dorfes, der Kirche und von zwei Steinhäusern wurden 1999 im Rahmen von archäologischen Untersuchungen eines deutsch-niederländischen Projektes entdeckt.

 

Donellem

(Donellen, Donella?, Duvelee? oder Ponella?)

Die tatsächliche Existenz dieses Dorfes oder Ortes ist in zeitgenössischen Quellen nicht nachweisbar. Es wird nur auf unzuverlässigen Karten in unterschiedlichen Lagen erwähnt. Möglicherweise liegt hier eine Namensverwechslung mit "Dune Lee" (Duinkerken) vor.

 

Torpsen

(Dorpsenn, Torpen, Torpsum, Turphum, Turschum, Torpren, Torpsten, Torpten oder Turksen)

Das Dorf wird 1391 und 1421 in zwei Verträgen genannt. Es ging dort um den Grenzverlauf zwischen dem Oldampt und dem Reiderland. Offenbar hat Torpsen damals beiderseits des Grenzflusses Tjamme gelegen. Die genaue Lage des Ortes ist unklar, jedoch wurde eine neu eingedeichte Stelle in der Nähe von Finsterwolde bereits 1636 (wieder) so genannt. Die unfruchtbaren Ländereien zwischen den Kirchspielen Winschoten, Beerta und Blijham wurden noch lange "Torsen", "Törsen" oder "Törschen" genannt.

Über den Namen gibt es viele Spekulationen. Sie reichen von der Herkunft als "Dörfchen" bis hin zur Möglichkeit, kriegsgefangene Muselmanen (Türken = Turksen) der spanischen Besatzer hätten dort gewohnt. Der Deich im Osten des Bellingwolder Siels hieß "Ägyptischer Deich" oder "Ägypterdeich". Der Deich im Norden wurde "Museldeich" genannt. Angeblich hatten die Spanier gefangene Muslime (Musemannen) zum Bau der Deiche gezwungen. Man hielt diese Angaben immer für ein Gerücht, bis man dort arabische Münzen aus dem Jahr 1162-1184 fand. Eine andere Überlieferung besagt, der Nachbarort Finserwold soll damals "Türkije" geheißen haben.

 

Finserwold

(Westfinserwalda, Finsterwolde, Finsterwold oder Finserwolde)

Der Ort hat unter den Dollartfluten 1509 stark gelitten und lag danach an der neuen Küstenlinie. Nachdem ein neuer Deich gebaut worden war, lag ein Teil des Dorfes vor, der andere Teil hinter dem Deich. Bei Polderarbeiten wurden der alte Friedhof und Reste der alten Kirche wiedergefunden. Der Ort soll im Westen der Tjamme, Ostfinserwold dagegen östlich davon gelegen haben. Es ist durchaus möglich, daß es sich hierbei nur um einen Ort handelt, ähnlich wie beim Dorf "Reide".

 

Osterfinsterwoldt

(Ooster-Finsterwolde, Oostfinserwolde oder Astfinserwalda)

Der Ort wird urkundlich in zwei Verträgen aus den Jahren 1391 und 1420 erwähnt. Das Dorf hatte eine imposante Kreuzkirche (St. Nikolaaskerk). Die Dollartfluten zerstörten den Ort im Jahr 1509. Die Fundamente der alten Kreuzkirche wurden 1826 bei Bauarbeiten wiederentdeckt. 1844 hat man die Reste beseitigt und die Trümmer als Baumaterial wiederverwendet.

 

Harkenborg

(Starkeborg)

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort, vermutlich nur ein Steinhaus, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort ist urkundlich nicht nachweisbar, daher wird die tatsächliche Existenz inzwischen bezweifelt. Es ist möglich, daß es sich hier um die Verwechslung mit dem Ort "Huweghenborch" handelt, der im Münsterschen Kirchenregister genannt wird.

 

Medum

(Megenham, Meggenham, Meyham, Megalzem)

Das Dorf war ein Ort ungefähr in der Mitte des alten Reiderlandes, das in den Dollartfluten untergegangen ist. Es soll an der Reider Ee gelegen haben, oder einem Seitenarm davon. In einer Beschreibung des Laufes der Tjamme in den Verträgen zur Grenzbeschreibung in den Jahren 1391 und 1420 wird der Ort ausdrücklich genannt.  Durch den Ort soll ein Fluß geflossen sein - man geht inzwischen von der Tjamme aus. Historiker glauben, daß es sich bei diesem Dorf auch um den Ort "Meeden" (siehe unten) gehandelt haben könnte.

Die genaue Lage des Dorfes ist sehr unsicher. Der Ort wird taucht zwar auf alten unzuverlässigen Karten des 16. Jahrhunderts im südlichen Reiderland auf, ist aber sonst nicht nachweisbar. Auf späteren Karten des 17. Jahrhunderts wird im nördlichen Reiderland eine große Insel oder Sandbank (Blinke) mit Namen "Garmye" oder "Garmede" gezeigt (siehe dort). Es ist durchaus möglich, daß es sich dabei um ein und denselben Ort handelt.

 

Stoxerhuis

Das Stoxerhuis  ist ein nicht näher bezeichneter Ort, möglicherweise ein Steinhaus, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht zwar auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf, ist aber urkundlich nicht nachweisbar. Daher wird die tatsächliche Existenz inzwischen bezweifelt.

 

Ockeweer

(Haikeweer, Haijkeweer, Aikeweer, Aelckeweer)

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort im alten Reiderland, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht zwar auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf, wird aber im Münsterschen Kirchenregister nicht genannt. Es gibt zwei gleichlautende Orte dieses Namens. Einer davon lag in der Nähe des heutigen Scheemda, der andere soll an der Tjamme im Reiderland gelegen haben. Es ist durchaus möglich, daß Vertriebene der Fluten und andere Flüchtlinge den Ort kurzzeitig an anderer Stelle wiederaufgebaut haben. Der Ort wird in zwei Verträgen aus den Jahren 1391 und 1420 genannt. Einer der Unterzeichner war 1391 der Häuptling Wijenko; 1420 unterzeichnete der Häuptling Wimcke aus Ockeweer.

 

De Lidden

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht zwar auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf, ist aber urkundlich nicht nachweisbar. Daher wird die tatsächliche Existenz inzwischen bezweifelt.

 

Gaddingehorn

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort wird taucht zwar auf alten Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf, ist aber urkundlich nicht nachweisbar. Daher wird die tatsächliche Existenz inzwischen bezweifelt.

 

Ackeweer

(Ayckaweren)

Das Dorf ist ein nicht näher bezeichneter Ort, der in den Dollartfluten untergegangen sein soll. Der Ort ist urkundlich nicht nachweisbar. Möglicherweise handelt es sich um eine Namensverwechslung mit dem Ort "Ockeweer".

 

Nicht identifizierte Orte

Ebenfalls untergegangen sind die schwer zu identifizierenden Kirchspiele Kalentwalt (Harmerswolde?, Coldeborgerfehn?), Ditzumerwold, Haxne (Saxum?), Siweteswere (Tijsweer?), Poel (Kloster Palmar?), Rodendebord (Cappeldebeerte?) und Katelmesinke (Hakkelsum?). Die Orte tauchen auf den unzuverlässigen Karten des 16. und 17. Jahrhunderts auf und sind in historischen Dokumenten und Urkunden nicht nachzuweisen. Ob sie tatsächlich existierten, ist inzwischen zweifelhaft. Möglicherweise handelt es sich hier ebenfalls um Namensverwechslungen.

 

 

Karte des versunkenen Reiderlandes

Originaltitel: "Kaart van het in de Dollard verdronken land"

Karte aus dem Jahr 1827 - Kopie einer älteren Karte von 1722

Quelle: Rijksuniversiteit Groningen

http://irs.ub.rug.nl/ppn/151237832

 

 

Gerettete oder verlegte Dörfer

Gerettete, verlegte und wiedergefundene Dörfer im Rest-Reiderland und Oldamt

 

Um das Jahr 1450 wird berichtet, daß im Reiderland 20 Kirchdörfer unter Wasser standen oder völlig verarmt waren. 17 davon sind verloren gegangen. Gerettet werden konnten Ditzumer-Verlaat (Ditzumerverlaat), Sündt Jürgenswold (Sankt Georgiwold) und Böhmerwold. Diese Beschreibung legt nahe, daß die Dollartfluten noch viel weiter ins Land gekommen sind, als bisher angenommen.

 

Glücklicherweise scheinen sich die Fluten nach und nach zurückgezogen haben, sodaß die Dörfer gerettet werden konnten. Das nördlich von Böhmerwold gelegene alte "Critzumerwold" ist vermutlich zerstört worden und wenig später möglicherweise als "Marienchor" neu aufgebaut worden. Trotzdem nennen alte unzuverlässige Karten an dieser Stelle zwei Orte.

Viele Dörfer wurden nach der Katastrophe aufgegeben und an höherer Stelle wieder neu aufgebaut. So geschah es unter anderem mit folgenden Orten:

 

 

Böhmerwold

(Bentumerwolde?)

Im Jahr 1450 wird berichtet, daß 20 Kirchspiele unter Wasser standen. Böhmerwold wird dabei ebenfalls genannt. Das Dorf konnte gerettet werden und wurde neu aufgebaut.

 

Ditzumerverlaat

(Wynhamster-Verlaat oder Ditzumer-Verlaat)

Der Ort lag am Rand des dauerhaft überfluteten Landes. Nach dem Rückzug der Dollartfluten wurde es an höherer Stelle neu aufgebaut.

 

Wynham

(Winham, Wijnham)

Der Ort war ein Dorf in der Nähe von Ditzumerverlaat, das einst in voller Blüte stand, da "hier adlige Männer ihren Wohnsitz hatten". Es wurde von den Dollartfluten zerstört. Möglicherweise liegt hier eine Verwechslung mit dem Ort "Windeham" (Wyneldham) vor. Auch eine Verwechslung mit dem Ort "Wijnemeer" ist nicht ganz auszuschließen. Mit dem Rückzug der Fluten und dem Beginn der Einpolderungen, wurde Wynham neu besiedelt. Heute ist es ein Teil der Kirchengemeinde Ditzumerverlaat und wird wegen seiner Länge als Straßensiedlung in Wynham-Süd und Wynham-Nord geteilt.

 

Critzumerwold

Der Ort lag nördlich von Böhmerwold und wurde vermutlich später als "Marienchor" wieder neu aufgebaut. Alte Karten zeigen jedoch zwei Orte.

 

Dune Lee

(Duinkerken)

Der Ort war eine ehemalige Siedlung in der Nähe des heutigen Marienchor. Heute steht dort nur noch ein Einzelhof.

 

Haxenerwalt

(Hatzumerfehn?, Saxumerwolde?)

Der Ort war ein kleines Dorf nördlich von Marienchor, wurde später wieder aufgebaut. Der Name des Ortes ist jedoch zweifelhaft und wird oft mit "Saxumerwolde" verwechselt, das im Dollart untergegangen ist.

 

Sankt Georgiwold

(Sündt Jürgenswold oder Upwolde)

Die Verlegung von St. Georgiwold an einen höher gelegenen Ort wird an anderer Stelle auf dieser Homepage beschrieben.

 

Weenermoor

(Wenigermoer)

Die dreimalige Verlegung von Weenermoor und den jeweils damit verbundenen Kirchenneubau wird an anderer Stelle auf dieser Homepage beschrieben.

 

Boen

(Bohm oder Bonewerda)

Das Dorf liegt südlich von Bunde in der Nähe von Wymeer. Nach Meinung von Historikern ist Boen eine Gründung von Flüchtlingen, die nach der Julianenflut 1164 ihre Heimat verlassen mußten. Älteste Funde datieren aus dem 12. Jahrhundert. Es wurde drei Siedlungsreihen nachgewiesen. Boen wurde nach der Flut 1509 erneut an höherer Stelle neu aufgebaut.

 

Wymeer

(Wymer, Wijmeer oder Wymheer)

Das Dorf südlich von Bunde in der Nähe von Boen und Houwingaham wird erstmals um 900 urkundlich erwähnt. Es hatte ein Steinhaus, dessen Häuptling nicht bekannt ist. Überreste und Fundamente der alten Kirche und des Steinhauses wurden 1999 im Zuge archäologischer Ausgrabungen eines deutsch-niederländischen Projektes entdeckt. Nach der großen Flut 1509 ist Wymeer an höherer Stelle einige Kilometer weiter neu aufgebaut worden. Man geht davon aus, daß die Reste des alten Dorfes als Baumaterialien für das neue Dorf gebraucht wurden.

 

Nesse

(Nesserland)

Der Ort war ein kleines Dorf auf einem Sandrücken im Norden des Reiderlandes. Als die Fluten die Deiche bei Jansum unterspülten und brachen, wurde Nesse zur Insel. Nesse war eines der wenigen Dörfer des alten Reiderland, die die Katastrophe überstanden haben. In Nesse soll sich eine Salzbrennerei befunden haben, die damals der Salzgewinnung aus Salztorf gedient haben soll. Nach vergeblichen Versuchen der Emder, die Ems wieder in ihr altes Bett zu drängen, baute man Ende des 18. Jahrhunderts neue Deiche bei Nesse. Das Nesserland war nun wieder Teil des Festlandes. 1825 hatte das Dorf erneut unter einer schweren Sturmflut zu leiden. Die Kirche wurde danach abgebrochen. 1834 standen im Dorf noch sieben Häuser, 1855 waren es nur noch drei. Heute befindet sich an dieser Stelle der Emder Außenhafen.

 

Blyham

(Blijham)

Der Ort war schon vor den Dollartfluten ein reiches Bauerndorf. Nachdem es durch die Dollartfluten zerstört und an höherer Stelle wieder aufgebaut worden war, brachten die Kleiablagerungen des Dollarts einen noch höheren landwirtschaftlichen Ertrag. Bereits um 1600 wird Blijham wieder als Ort genannt, in dem die "diksten Buren" wohnen. Somit ist das Dorf eines der wenigen, die von der Katastrophe profitiert haben. Das alte Blijham gehörte, wie das ganze südliche Reiderland, zum Bistum Osnabrück.

 

Meeden

(Meden)

Der Ort lag in dem westlichsten Gebiet der größten Dollartausdehnung und war ursprünglich eine Fehnkolonie auf armem Moorboden. Die Bewohner trieben einst Viehzucht. Erstmals urkundlich erwähnt wird Meeden 1391 und wird als "tiefgelegenes Heu- und Grasland" beschrieben. Meeden war nur kurzzeitig überflutet und die Bewohner konnten schon nach wenigen Jahren wieder in ihren Heimatort zurückkehren und ihn wieder aufbauen. Der Dollart hatte zwar die alte Fehnanlage zerstört, jedoch eine dicke Kleischicht hinterlassen, die nun einen ertragreichen Ackerbau ermöglichte. Einige Historiker glauben, daß es sich bei diesem Ort um das als im Dollart versunken angegebene Dorf  "Megenham" handelt.

 

Eexta

(Exterhuis, Extengamedum, Eexta Meeden oder Eextameeden)

Der Ort war vermutlich das "Mutterdorf" von Meeden oder dessen Vorgänger. Er wird im Münsterschen Kirchenregister als "Extengamedum" aufgeführt. Als es versank, wurde Eexta als "Meeden" an neuer, höherer Stelle wiederaufgebaut. Man benutzte dazu die Materialien des alten Dorfes. So sind z.B. in der dortigen Kirche Balken verbaut, die aus dem Jahr 1250 stammen. Siehe auch Ulsda und Beerta.

 

Finsterwold

(Finsterwolde, Finserwold oder Finserwolde)

Der Ort hat unter den Dollartfluten 1509 stark gelitten und lag danach an der neuen Küstenlinie. Nachdem ein neuer Deich gebaut worden war, lag ein Teil des Dorfes vor, der andere Teil hinter dem Deich. Bei Polderarbeiten wurden der alte Friedhof und Reste der alten Kirche wiedergefunden. (Siehe auch Osterfinserwold)

 

Fimel

(Fiemar, Fiemel)

Das Dorf  lag nördlich von Reide und wurde in den Jahren nach der Flut von den Flüchtlingen am neuen Ufer wieder aufgebaut.

 

Bamsum

(Baamsum, Bonsum, Baemsum)

Der Ort lag bei Termunten. Nach Einbruch des Dollarts siedelten die Bewohner auf einen höheren Sandrücken um.

 

Muntendam

Der Ort wird erstmals 1391 urkundlich erwähnt. Nach Einbruch des Dollarts siedelten die Bewohner auf einen höheren Sandrücken um.

 

Grysemonken

Dieser Wohnort der "Grauen Mönche" wurde nach dem Untergang des Klosters Menterna (Termunten) gebaut. Ob es tatsächlich wieder ein Kloster war oder nur ein großer Bauernhof (Vorwerk) war, ist nicht mehr festzustellen. Noch heute existiert dieser Bauernhof mit dem Namen "Grijse Monnikenklooster".

 

Den Ham

(Upham oder Nijeham)

Das Dorf ist ein kleiner Ort nahe Bellingwedde. Nach der Zerstörung wurde er erst spät wieder besiedelt.

 

Winschoten - Sint-Vitusholt

Der Ort war eine Abtei in der Nachbarschaft zu Winschoten. Sie war, wie auch ganz Winschoten selbst, dem Heiligen Sankt Vitus geweiht, der auch heute noch im Stadtwappen von Winschoten zu sehen ist. Unglücklicherweise ist gerade diese Abtei den Fluten zum Opfer gefallen. Nachdem diese sich zurückgezogen hatten, war mittlerweile die Reformation in das Land gekommen. Sint Vitusholt wurde als Ort, aber nicht wieder als Abtei aufgebaut.

 

Beerta

(Beerthe, Bertha, Berda?, Beretha?)

Das Dorf wird in einer Urkunde aus dem Jahr 1391 erstmals erwähnt. Darin wurde die Zugehörigkeit der Ländereien des Häuptlings Liwert Hayens im Reiderland geregelt. Beerta ist damals wie auch Ulsda ein Vorwerk des Klosters Heiligerlee gewesen. Der Ort wurde zwar durch die Fluten zerstört, war aber offenbar nur kurzzeitig überflutet.  Der Ort ist bald als Nieuw-Beerta an höherer Stelle wieder aufgebaut worden. Bereits um 1500 hat man mit dem Bau der neuen Kirche begonnen, da in Beerta selbst nur eine Kapelle gestanden haben soll. Die Bewohner des untergegangenen Ulsda nahmen in dieser Kirche am Gottesdienst teil, weil beide Kirchen zusammengeschlossen wurden. Das alte Kirchensiegel von Ulsda wurde noch bis ins frühe 19. Jahrhundert in Beerta gebraucht.

1855 wurden große Fundamentreste gefunden. Diese gehörten zu einer alten Häuptlingsburg (ein Steinhaus), in dem der in einem Vertrag von 1420 genannte Häuptling Wyawert Hayens gewohnt haben soll. Möglicherweise ist es aber derselbe Häuptling, der bereits in einem Vertrag von 1391 als Liwert Hayens, Häuptling von Ulsda, genannt wird.

Es halten sich immer noch Gerüchte, daß in Beerta ein Kloster gestanden haben soll. Dieses angebliche Kloster wird mit dem Namen "Klooster Berethe" oder "Klooster Bartha" angegeben. Experten sehen es inzwischen als erwiesen an, daß es sich dabei um eine Verwechslung mit dem Kloster Barthe bei Hesel in Ostfriesland handelt.

 

Ulsda

(Exterhuis oder Oud-Exterhuis)

Der Ort liegt auf einem Sandrücken über einer alten, festen Kleischicht. Dieser Boden blieb auch während der größten Ausbreitung des Dollarts trocken. Zwischen 1450 und 1600 war Ulsda eine Insel im Dollart. Angeblich soll in Ulsda ein Kloster gestanden haben. Heutige Experten halten das eher für ein Mißverständnis. Wahrscheinlicher ist, daß Ulsda wie auch Beerta ein Vorwerk des Kloster Heiligerlee gewesen ist. 1855 wurden sowohl in Beerta als auch in Ulsda große Fundamentreste aus dem Mittelalter entdeckt, die die Klostertheorie zunächst zu bestätigen schienen. Man ging damals davon aus, daß möglicherweise beide Orte ein Kloster gehabt hätten. Später wurde das aber wieder verworfen. Es stellte sich heraus, daß es sich bei den Resten um die Fundamente der alten Kirche handelte, die 1462 abgebrochen wurde, als Ulsda zur Insel wurde.

Der alte Name des Dorfes hat eine Beziehung zum Ort Eexter. Dort regierte die Häuptlingsfamilie Tiddinga. Als diese Familie nach Beerta kamen, wohnten auch sie in dem Steinhaus. Später übernahmen die Häuptlinge der Familie Huninga die Herrschaft.

 

Oostwold

(Ostwolde)

Der Ort lag am Rand des neuentstandenen Dollarts und war ebenfalls nur zeitweilig überflutet. Der Ort wurde wenige Jahre nach der Katastrophe wieder aufgebaut. Die heutige Kreuzkirche stammt aus dem Jahr 1775. Man hat jedoch Reste der viel größeren Vorgängerkirche gefunden, die nach der Flutkatastrophe auf Veranlassung des Herzogs von Gelre 1543 abgebrochen wurde. Die Abbruchmaterialien wurden als neues Baumaterial bei der Befestigung von Delfzijl eingesetzt.

 

Midwolde

(Midwolda)

Der Ort ist in den Dollartfluten untergegangen. Die Bewohner errichteten einige Kilometer weiter ein neues Dorf. Die Rettung des alten Dorfes scheiterte trotz mehrerer Versuche (siehe oben - Beschreibung der untergegangenen Dörfer).

 

Bellingwolde

Der Ort wurde durch die Fluten des Dollarts zerstört und war wie Vriescheloo vor der Katastrophe eine Fehnkolonie. Der Ort wurde später auf einem Sandrücken neu errichtet. Der Dollart überdeckte das Land mit einer dicken Kleischicht, die heute einen ertragreichen Ackerbau ermöglicht.

 

Stocksterhorn

(Stoksterhorn, Stoxterhuis, Stoksterhuizen oder Stoetsterhuys)

Der Ort wird in alten unzuverlässigen Karten als untergegangenes Dollartdorf genannt. Wahrscheinlicher ist aber, daß dieser Ort von den Flüchtlingen des untergegangenen Ortes "Astock" (oder Stoth) hierher gekommen sind und den Ort, der selbst schwere Schäden erlitten hat, neu aufgebaut haben. Von diesem Ort aus begann 1656 mit dem Bau der ersten neuen Deiche die Wiedergewinnung von Land als Polder.

 

Vriescheloo

Der Ort war einst eine Fehnkolonie, die durch den Dollarteinbruch zerstört wurde. Nachdem die Fluten gewichen waren, wurde der Ort an höhergelegener Stelle auf einem Sandrücken neu errichtet. Der Dollart überdeckte das Land mit einer dicken Kleischicht, die heute einen ertragreichen Ackerbau ermöglicht.

 

Scheemda

Der Ort war bereits vor der Flutkatastrophe ein ein bedeutender Ort in der Region. Die Schäden, die der Dollart anrichtete, waren jedoch relativ schnell behoben, sodaß der Ort schon bald danach wieder bewohnt war. Trotzdem gab man den Ort auf und errichtete das Dorf an höherer Stelle neu. Die Kirche und der Kirchhof wurden noch bis 1545 genutzt. Dann baute man den Deich um das Dorf.

Reste des Kirchhofes und der Kirche wurden 1852 bei Erdarbeiten entdeckt.

 

Frühere Neugründungen

Vielleicht gehörten auch die Vorgängersiedlungen von Bunderhee und Blijham zu den zerstörten Dollartsiedlungen. Viele Orte waren schon vor der größten Ausdehnung des Dollarts aufgegeben und an höherer Stelle neu gegründet worden. Die Kirchdörfer Noordbroek und Zuidbroek sowie möglicherweise auch Kloster Dünebroek wurden schon früher verlegt.

 

 

Schlußbetrachtung

Die Wirklichkeit war ganz anders

 

Was wir über den Einbruch des Dollarts und die dafür verantwortlichen Fluten aus schriftlichen Quellen wissen, stammt so gut wie ausschließlich aus Schriften, die nach dem Untergang 1509 entstanden sind. Alle diese Schriften setzten sich mit der bitteren Realität auseinander, daß der Dollart nun einmal da war und nichts die Entstehung aufhalten konnte. Man suchte nach Gründen und fand diese schließlich in den Fehden, die die Region in diesen schicksalhaften Jahren heimgesucht hatten. Auch die Tatsache, daß damals die Deichanwohner den Deich alleine zu unterhalten hatten, während die Menschen im Landesinneren sich um nichts kümmerten, spielte eine wichtige Rolle. Die Botschaft aller Chroniken war dieselbe: "Einigkeit macht stark, Zwietracht zerstört".

 

Aus Ermangelung an wirklichen Fakten, begannen die Chronisten Mutmaßungen anzustellen und eigene Theorien zu verbreiten. Eine davon ist die Nennung des Jahres 1277, die in fast allen Werken vorkommt und als unumstößliche Wahrheit festgeschrieben zu sein schien. Tatsächlich ist diese besagte Sturmflut nie vorgekommen und wissenschaftlich nicht beweisbar. Trotzdem halten auch heute noch einige Wissenschaftler an diesem Jahr fest. Kuriose Auswüchse hat es auch gegeben. Der ostfriesische Prophet "Jarfke" soll den Untergang vorausgesagt haben. Seine Prophezeiungen wurden Ende des 16. Jahrhunderts in Emden herausgegeben (1597 als "Prophecye van Jarfke") und vielfach nachgedruckt. Historiker glauben allerdings, daß diese "Prophezeiung" nichts anderes war, als ein Versuch die Selbständigkeit zu bewahren, denn die Stadt Groningen schickte sich an die übriggebliebenen Gemeinden des Oldamptes und des Reiderlandes unter seine Herrschaft zu bringen.

 

Wissenschaftler haben die Lageangaben und die Namen der angeblich im Dollart versunkenen Dörfer inzwischen analysiert und größtenteils rekonstruieren können. Sie kommen zum Ergebnis, daß sich vielfach die Namen der Dörfer wiederholen. Streicht man diese und nimmt die tatsächliche Lage genauer in Betracht, erkennt man, daß viele der Orte am Uferrand des neuen Dollarts lagen. Sie wurden zwar zerstört und neu aufgebaut, waren aber nicht versunken. Tatsächlich gehen Historiker davon aus, daß statt der 30 - 70 Dörfer, die in manchen Chroniken genannt werden, höchstens 10 -15 versunken sind, davon einige Kleinsiedlungen, Steinhäuser und Einzelhöfe.

 

Was wirklich bleibt sind die spannenden Geschichten um die versunkenen Dollartdörfer.