1509 - 2009

500 Jahre Cosmas- und Damianflut

Die Entstehung des Dollarts

 

 

Vorwort

 

Am 26. September 1509 brach die schwere "Cosmas- und Damianflut" über das Land herein und hatte den endgültigen Untergang der Hälfte des Reiderlandes zur Folge. Die neuentstandene Meeresbucht, der "Dollart" erreichte seine größte Ausdehnung. 2009 jährt sich dieses denkwürdige Datum zum 500. Mal. An diesem Tag sind in Deutschland und den Niederlanden Gedenkfeiern geplant. Vorher finden zahlreiche Informationsveranstaltungen statt. Mehr dazu am Schluß dieses Textes.

 

Die "Cosmas- und Damianflut" vollendete eine Katastrophe, die schon lange vorher begonnen hatte. Sie hätte von Menschenhand verhindert, oder in ihrer Stärke abgeschwächt werden können, wenn die Friesen im Moment der Entscheidung zusammengehalten hätten. Leider jedoch befand sich Friesland zu dieser Zeit im Bürgerkrieg und die streitenden Parteien förderten den Untergang sogar noch, in dem sie selbst Deiche und Siele zerstörten. Bitte lesen Sie weiter, um zu erfahren, was geschah.

 

Inhalt:

Das alte Reiderland

Die Besiedelung des Reiderlandes

Auftakt zum Untergang

Erste Überschwemmungen

Nicht nur eine Naturgewalt

Vergeblicher Deichbau

Das Land versinkt

Die Fluten werden aufgehalten

Die Dollartinseln

Die Flüsse des alten Reiderlandes

Verheerende Sturmfluten

Zurückgewinnung des Landes

Der Name "Dollart"

Gedenkveranstaltungen 2009

 

 

Das alte Reiderland

Beschreibung der Landschaft

 

Das alte Reiderland war früher bedeutend größer als heute. Zwischen Pogum im heutigen Rheiderland und der niederländischen Halbinsel Reide war vor dem Einbruch der Fluten fruchtbares und dicht besiedeltes Land. Westlich von Pogum lag die Stadt Torum, die einen bedeutenden Markt hatte und angeblich sogar ihre eigenen Münzen prägte. Westlich von Torum lag der reiche Flecken Reiderwolde mit zwei Kirchen. Nicht weit von der heutigen niederländischen Küste lag das Kloster Palmar, in dem 190 Mönche gelebt haben sollen.

 

Nach alten Überlieferungen und Schilderungen muß das damalige Reiderland sehr wohlhabend gewesen und landschaftlich mit der heutigen Krummhörn zwischen Emden und Norden vergleichbar gewesen sein.

 

In den Dollartfluten sollen neben der Stadt Torum noch drei große Marktflecken, etwa 30 Dörfer und einige kleinere Siedlungen und Einzelgehöfte untergegangen sein. Im ganzen sollen es etwa 50 Siedlungen gewesen sein. Der große ostfriesische Geschichtsschreiber und Geograph Ubbo Emmius schreibt 1616, daß es 32 kleine und größere Dörfer gewesen seien. In machen Überlieferungen ist sogar von etwa 70 Orten die Rede. Die alten Chroniken sind alle Jahrzehnte nach der Katastrophe entstanden.

Diese Angaben, vor allem die Zahlenangabe sind nicht nur unzuverlässig, sondern größtenteils Fiktion.  Einziger wahrer Fakt der Chronistenangaben scheint die Tatsache gewesen zu sein, daß der Dollart nun einmal wirklich da war. Die Angaben zu den Dörfer stammen auch verschiedenen Kirchenregistern, die manche Orte als "versunken" oder "unter Wasser" angeben. Selbst dabei wurden Namen  mehrerer Dörfer aufgeführt, die bereits verlegt oder wieder aufgebaut worden sind und so mehrfach in den Listen auftauchten.

 

Das Land selbst war nach neueren Erkenntnissen meist dünnes Marschland mit einer starken Moor- und Darg-Schicht im Untergrund. Darg ist ein anmooriger Boden im Niederungsmoor, eine schwarze, stinkende, zähe und nasse Masse, die mancherorts eine Dicke von 10 Metern und mehr erreicht. Sie ist vor allem im Norden und in der Mitte des heutigen Rheiderlandes zu finden.

An manchen Stellen - sehr wahrscheinlich in den südlichen Bereichen - soll der Boden unter den Hufen der Pferde oder unter den Füßen einen aufspringenden Menschen gezittert haben. Es ist möglich, daß diese Gegend schon damals "Dullert" (schwammige Niederung) genannt wurde. Wie leicht war es daher den einbrechenden Meeresfluten möglich, die leichte Marschschicht abzuschälen, den Darg aufzuwühlen und so das niedrige Land wegzuwaschen, das ohnehin wohl nur wenig unter Flutnull gelegen haben wird.

 

Moderne Wissenschaftler kamen zum Ergebnis, daß das Gebiet des heutigen Dollarts eine große Senke oder ein Kessel war. Über die Jahrhunderte ist dort Moor entstanden. Die Uferrücken wurden überspült und bildeten eine feste höhere Schicht, auf der die ersten Siedlungen entstanden. Danach begann die Moorkolonisation. Deiche wurden gebaut und Moore entwässert. Dann begann man mit dem Torfabbau. Über Jahrzehnte setzte sich das Moor und lag nun tiefer als der Meeresspiegel. Siele wurden zur weiteren Entwässerung gebaut und erste Orte mußten wegen des Grundwassers bereits an höhere Stellen verlegt werden. Dann brachen die Fluten ins Land und weitere Dörfer wurden verlegt. Die Fluten kamen und gingen zweimal am Tag, lösten die trockenen Moorschichten, und rissen sie mit sich.

 

Das Reiderland vor der Überflutung

 

 

Die Besiedelung des alten Reiderlandes

Die untergegangenen Dörfer in alten Karten

 

Die ersten (tatsächlichen) Einbrüche der Fluten in das östliche spätere Dollartgebiet fanden zu Beginn des 15. Jahrhunderts statt.  Bereits 1454 hatte man einen Notdeich vom festen Emsufer quer durch das Moorgebiet bis zur hohen Geest bei Finsterwolde gebaut, der das Oldambt schützen sollte. Der westliche Teil des Dollarts ist vermutlich erst ab 1460 entstanden. Weite Teile dieses Gebiets waren noch weitgehend von Überflutungen verschont geblieben, als 1509 die Zweite Cosmas- und Damian-Flut und später die Antoniflut 1511 bis weit ins Landesinnere vordrangen.

 

Durch die Entstehung des Dollarts und durch Einbrüche an den Emsufern sind angeblich zahlreiche Kirchspiele und Dörfer sowie drei Klöster untergegangen. Ein Dutzend Dorfkirchen hat man ein-, zwei- oder sogar dreimal umgesiedelt. Die Namen dieser Dörfer werden von verschiedenen Chronisten jedoch häufig in unterschiedlichen Schreibweisen angegeben. Häufig ist daher nicht sicher, ob es sich um ein und denselben Ort handelt, ein alter Ort mit neuem Namen wiederaufgebaut wurde, oder gar zweimal auftaucht. Experten gehen davon aus, daß es sich bei einigen Orten auch nur um Fiktion handelt. Die Namen der Dörfer und Ortschaften finden Sie in der Rubrik "Dollartdörfer" auf dieser Homepage.

 

Die alten Karten, in denen die untergegangenen Dörfer eingezeichnet sind, stammen alle aus der Zeit nach der Katastrophe. Die Kartenzeichner entnahmen die Angaben aus alten Chroniken oder Berichten von Überlebenden und ergänzten sie häufig mit eigenen Erfahrungswerten. Vielfach wurden diese Karten aber auch nur kopiert und ausgeschmückt. Tatsächlich wußte man nichts über das Land vor der Katastrophe.

 

Die Karten sind wissenschaftlich gesehen alles andere als genau und sehr zweifelhaft. Es wurden z.B. Orte eingezeichnet, die es tatsächlich gar nicht gegeben hat. Unterschiedliche Schreibweisen ein und desselben Dorfes tauchen in manchen Karten als zwei Orte auf. Besonderheiten eines Ortes wie z.B. eine Burg (Steinhaus) werden ebenfalls als eigenständiger Ort genannt, häufig auch geographisch weit von der eigentlichen historischen Position entfernt. Auch bei Orten, deren Existenz in alten Urkunden nachgewiesen ist, stimmen die Kartenangaben häufig nicht. In der einen Karte ist der Ort im Norden, in der zweiten im Süden eingezeichnet. Historische, d.h. zeitgenössische, halbwegs genaue Karten aus der Zeit vor der Katastrophe gibt es leider nicht.

 

 

Auftakt zum Untergang

Die Zerstörung der Insel Bant

 

Die Entstehung des Dollarts ging die Zerstückelung der großen Moorinsel Bant voraus. Es sind nur sehr wenige geschichtliche Berichte darüber bekannt. Bant wird oft verwechselt mit der Insel "Burchana", die der römische Geschichtsschreiber Tacitus erwähnt. Wissenschaftler und Historiker bezweifeln jedoch, daß Bant und Burchana dieselbe Insel war. Nach neueren Erkenntnissen soll die Insel Bant, wie auch die heutigen west- und ostfriesischen Inseln, aus Sandbänken und Dünen entstanden sein. Außerdem bestand die Insel zu einem Großteil aus Moor. Gerade diese Zerstörung der Insel war der Beginn der Gefährdung des Emsmündungslandes.

 

Mögliche Größe und Lage der Insel Bant

aus: "Ostfriesische Insel- und Küstenlandschaft"

Verlag Hansen & Hansen, Münsterdorf 1984

 

Mit der Zerschneidung der Insel hatte die Emsmündung ihren so wichtigen Schutz verloren. Die Ems bekam einen neuen Zugang zur Nordsee. Der neue Emsarm wurde "Osterems" genannt, der alte Emsarm wurde nun zur "Westerems".  Aber auch die täglichen Gezeitenströme und die vor allem im Frühjahr und Herbst auftretenden Sturmfluten erhielten so ein Einfallstor in das südöstlich von Bant gelegene Watt.

 

Die neue Osterems drängte sich nun hart an die ostfriesische Küste und bildete und vergrößerte die Leybucht. An der Nordwestecke der Krummhörn spaltete sich der Strom. Der südliche Zweig strich an der Westküste entlang, wo er die alten Buchten von Sielmönken und Campen zuschlemmte. Dann verband er sich bei der Knock mit der  Westerems. Beide vereint drangen nun in die Emsmündung und bedrohten die Deiche. Besonders gefährdet war die Ecke bei der heute niederländischen Landzunge Reide und die wie eine Nase hervorspringende Halbinsel Nesse.

 

 

Erste Überschwemmungen

Der Deichbruch von Jansum

 

Durch die doppelte Wassermenge der Westerems und der neuen Osterems nahm der Druck und die Geschwindigkeit der Fluten zu. Sie unterspülten die Deichfüße und wurden zunehmend durch Seitenabnagungen, besonders am Fuß der Südseite der Halbinsel Nesse, immer gefährlicher.

 

Das Nesserland vor dem Deichbruch (Ausschnitt)

Originaltitel: "Kaart van het in de Dollard verdronken land"

Karte aus dem Jahr 1827 - Kopie einer älteren Karte von 1722

Quelle: Rijksuniversiteit Groningen

http://irs.ub.rug.nl/ppn/151237832

 

Die Chroniken, in denen die Dollartfluten beschrieben worden sind, wurden oft erst Jahrzehnte nach der Katastrophe geschrieben. Vielfach berief man sich auf Geschichten, die man vom Hörensagen kannte oder in der Familie weitergegeben worden sind. Den Chronisten kam es vor, die Fluten müßten vor unvorstellbar langer Zeit den Dollart geschaffen haben. So kam jemand auf die Idee, die Fluten müßten um 1277 gewütet haben. Dieses Datum war fiktiv und wurde immer mehr ausgeschmückt. Selbst Ubbo Emmius kam nicht umhin, dieses Datum als wahr anzunehmen, obwohl er selbst damals schon berechtigte Zweifel hatte.

 

So wird in den Chroniken berichtet, daß die Deiche 1277 zuerst bei Jansum an der Westseite, später auch bei Wilgum an der gegenüberliegenden Ostseite brachen. Heute weiß man, daß diese Flut tatsächlich erst 1509 geschah. Der zeitgenössische Chronist berichtet:

 

"Im Jahre 1277, den 13ten Januar, an einem Montagmorgen um 11 Uhr wurde die Nordsee plötzlich zu einem anschwellenden Strom, so wild und wüst, daß die friesischen Seedeiche nicht Bestand hatten das Wasser zu wehren. Es entstand Uneinigkeit bei den Eigentümern wie der Deich wiederhergestellt werden könnte und als nicht rechtzeitig gehandelt wurde, spülten die Seedeiche bei der am 23ten Dezember desselben Jahres folgenden Flut ganz weg. Dadurch sind viele prächtige Höfe, Dörfer und Städte durch das Wasser weggeschwemmt."

 

In den drei folgenden Jahren nach 1277 (1509), nachdem die Deiche notdürftig repariert worden waren, beschädigten erneut schwere Sturmfluten zusammen mit heftigen Unwettern die Deiche. Der erste Deichbruch fand wieder bei Jansum im Süden der Nesse-Anhöhe statt. Kurze Zeit später brachen die Deiche bei Wilgum auf der anderen Seite des Nesserlandes. Daraufhin verbanden sich die Fluten zu einem Strom. Diese Deichbrüche konnten nicht mehr repariert werden. Jansum und Wilgum verschwanden nach und nach im neuen Emsbett.

 

 

Nicht nur eine Naturgewalt...

Menschliche Mitschuld

 

Die zeitgenössischen Chronisten suchten nach den Ursachen für die Katastrophe. Es stand für die Menschen des 16. Jahrhunders zweifelsfrei fest, daß Gott die Menschen für ihre Frevel bestraft habe. Dieses Vergehen bestand aus der Uneinigkeit der Bewohner, sich in Zeiten der Not gegenseitig zu helfen und beizustehen. Deichpflichtige konnten die Deiche nicht mehr instand halten, die Bewohner im Hinterland weigerten sich und wollten nicht helfen.

Doch auch die Fehden des Jahrhunderts trugen eine Mitschuld am Untergang.

 

Schieringer und Vetkoper

In Ostfriesland und Deutschland fast vergessen ist der fast 200 Jahre lang dauerte der Bürgerkrieg der friesischen Parteien der Schieringer und Vetkoper. Beide waren untereinander derart verhaßt, daß sie zeitweise keine noch so kleine Gelegenheit ausließen, sich gegenseitig umzubringen. Sie schreckten dabei auch nicht vor Taten zurück, die im friesischen Küstenraum zu den frevelhaftesten überhaupt zählen: der Zerstörung der Siele und Deiche oder dem Verbot des Deichbaus.

Wissentlich nahmen sie das große Unglück in Kauf, das darauf folgen mußte. Am 26. September 1509 brach die "Cosmas- und Damianflut" über das Land herein und hatte buchstäblich den Untergang der Hälfte des Reiderlandes zur Folge. Fast 70 Städte, Marktflecken, Dörfer, Siedlungen und Einzelgehöfte wurden dabei vernichtet.

Am Ende des Bürgerkrieges hatten sie es geschafft, Friesland auch politisch zu teilen. Wechselnde Bündnisse mit den Herrschern des Reiches führten zur Teilung Frieslands in West und Ost und damit zur Grundlage der heutigen Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden.

 

Tidde Winnengha

Der reiderländer Häuptling Tidde Winnengha (nach anderen Quellen friesisch "Tidde Wyneda" genannt) war mit dem Probst Hisko von Emden verbündet und schloß sich mit diesem den Schieringern an. Er wird in einem Protokoll von 1565 von Zeugen maßgeblich als Hauptverantwortlicher am Entstehen des Dollarts genannt.  Tidde Winnengha war sehr einflußreich und besaß große Güter im Reiderland. Durch die Wassereinbrüche im Norden 1413 beunruhigt, waren die Bewohner zu ihm gekommen und baten, neue Deiche bauen zu lassen und die alten zu verstärken (Winnengha war selbst deichpflichtig). Doch Winnengha verbot es ihnen mit den Worten, er selbst würde nicht eher deichen (Deiche bauen) lassen, bis die Flut eine Speerlänge hoch über sein Land liefe.

Tidde Winnengha verlor sein Land und seine Güter in den Dollartfluten und verbrachte seine letzten Tage völlig verarmt im Kloster Palmar. Auch Palmar ist später im Dollart versunken.

 

Keno tom Broek

Der Häuptling des Brookmerlandes schickte sich an, Ostfriesland und später ganz Friesland unter seiner Herrschaft zu vereinen. Dazu bediente er sich oft sehr skrupelloser Methoden. Seinem fähigen Feldherrn Focko Ukena verdankte er viele militärische Siege. Keno waren, wie auch seinen Gegner, alle Mittel recht, den Gegner zu schwächen. Im Krieg gegen die Allenas und Abdenas ließ er Siele verbrennen und Deiche durchstechen. Dieses wirksame Kriegsmittel wurde von allen Kriegsparteien angewandt und bis ins 20. Jahrhundert weitergeführt.

 

Koppe Jarges

Der ostfriesische Geschichtsschreiber und Staatsmann Eggerik Beninga verfaßte 1562 eine Chronik, die "Cronica der Fresen", in der er beschreibt, daß der Bürgermeister von Groningen und Anführer der Schieringer, Koppe Jarges, 1414 (nach anderen Quellen 1413) alle (hölzernen) Siele am Emsufer abbrennen ließ. Dieser wollte damit dem mit den Vetkopern verbündeten Häuptling Keno II. tom Brok schädigen, der sich anschickte, die Herrschaft über das Groningerland zu übernehmen. Damit trug Koppe Jarges wie auch Tidde Winnengha und Keno tom Broek zu einem erheblichen Teil zum buchstäblichen Untergang des Reiderlandes bei.

 

Rettungsversuche der Emder - das "Nesserlander Höft"

Durch den Deichbruch im Süden der Nessehalbinsel und der damit verbundenen Begradigung der Ems verlandete und verschlickte das alte Flußbett im Norden der jetzt zur Insel gewordenen Nesse immer mehr. Davon betroffen war vor allem die reiche Handelsstadt Emden mit ihrem Hafen. Um die Ems wieder in ihr altes Bett zu zwingen, bauten die Emder 1581 eine 4,5 Kilometer lange Spundwand aus Eichenstämmen, um den neuentstandenen Emsdurchbruch abzuriegeln. Das Projekt schlug fehl. Bedingt durch den Fehlschlag und auch wegen der zunehmenden politischen und kriegerischen Konflikte dieser zeit, mußte es schließlich 1631 wieder aufgegeben werden.

 

Der Durchbruch der Halbinsel Nesserland scheint für die Wiederverlandung des Dollart von Bedeutung gewesen zu sein. Solange die Halbinsel bestand, legte sie sich der aus westlicher Richtung verstoßenden Flutwelle in den Weg und lenkte sie auf das bereits zerrissene Dollartgebiet. Das Nesserlander Höft übte dieselbe Wirkung aus. Unbeabsichtigt hatten die Emder an der Fortsetzung des Unterganges beigetragen. Nachdem das Höft zerbrochen war, konnte die Flutwelle verstärkt in den Emslauf eintreten, sodaß die Stoßkraft in Richtung des Dollart abnahm. Danach setzte schnell die Verlandung ein und bereits Anfang des 16. Jahrhunderts konnten die ersten Gebiete des Vorlandes wieder eingedeicht werden.

 

 

Vergeblicher Deichbau

Verarmung, Schwermut und mangelnder Gemeinschaftsgeist

 

Der Chronist Ubbo Emmius schreibt, daß der Einbruch des Dollarts eine Strafe Gottes gewesen sei. Die Friesen hätten ihre Freiheit viel zu lange genossen und wären zügellos und verschwenderisch gewesen. Alsbald ließen sie sich dann auch auf Parteistreitigkeiten (Vetkoper und Schieringer) ein. Nachbarn zankten miteinander, Adlige beneideten einander, Bauern waren auf Bauern neidisch, Vorsteher kamen durch den Haß anderer Vorsteher in Bedrängnis und alle kümmerten sich mehr um ihre eigenen privaten Angelegenheiten als um öffentliche. Der Respekt vor den Gesetzen lag darnieder.

 

Die frühen Seedeiche des Reiderlandes standen am Ufer einer etwa eine Meile breiten Zone mit dichtem, fest zusammenhaltenden Boden, der "sehr vorteilhaft den Fluten widerstehen konnte". Dieser Uferwall wurde durch die Gezeiten aufgespült, die immer wieder ihre Ablagerungen hinterließen. Auf diesen Uferwällen entstanden dann auch die ersten Siedlungen. Noch heute kann man diese Dörfer wie "Perlen an der Kette" am Emsufer sehen (Bingum, Jemgum, Midlum, Critzum, Hatzum, Pogum usw.) Die später im Dollart untergegangenen Dörfer Torum, Wilgum, Fletum und Jansum dürften auch auf diesem Wall gestanden haben.

Emmius berichtet weiter, daß nach diesem Uferwall, weiter im Inneren des Landes, der Boden zuerst unter einem Rasen und dann bis zur Oberfläche sumpfig (moorig) gewesen sei. Mit Ausnahme der höheren Stellen, an dem man Torf gegraben hatte, sei das Land in der Regel niedriger gewesen, je weiter es von der Küste entfernt war. Die Beschaffenheit des Boden soll so gewesen sein, daß dieser "erschütterte wenn man auftrat und gleichsam zitternd wieder in die Höhe sprang".

 

Durch den dünnen Marschboden und die starke Torfschicht sie es de öfteren vorgekommen, daß der Boden das überfließende Wasser nicht tragen konnte und daher aufschwamm. So sollen sich ganze Landflächen mit Häusern und Bäumen abgelöst haben und fortgetrieben worden sein. Sie hätten sich dann manchmal an anderer Stelle wieder niedergesetzt. In einigen Fällen sollen es gar ganze Dörfer mit Vieh, Häusern und Kirchen gewesen sein. Für die Bauern das alten Reiderlands scheint dies nicht ungewöhnlich gewesen zu sein, denn es gibt Berichte über Eigentumsstreitigkeiten über die Ernte, wenn z.B. ein Stück Ackerland wegschwamm und auf dem Land eines anderen liegenblieb. Wenn das Land unter Wasser stand, hätten die Bauern ihre Pferde dorthin getrieben. Sie hätten als erste gespürt, wenn sich ein Stück Land ablöst. Dieser Bericht erschien Emmius zunächst selbst unglaublich und zweifelhaft. Mehrere Zeugen aus verschiedenen Teilen des Landes hätten ihm aber die Tatsache bestätigt. Daß ein Moor tatsächlich aufschwimmen kann, wurde in unseren Tagen wissenschaftlich bestätigt. Bei dem kleinen Ort Sehestedt am östlichen Jadebusen gibt es ein "Schwimmendes Moor" im Außendeichsland. Wissenschaftler haben die Ursachen erforscht, wie Sie an der folgenden Abbildung sehen können:

 

Das "Schwimmende Moor" bei Sehestedt

So könnte es auch im alten Reiderland gewesen sein

Quelle: Heie Focken Erchinger, Martin Stromann, "Sturmfluten"

Verlag Soltau-Kurier-Norden, Norden 2004

 

Der Boden im rückwärtigen Teil des Reiderlandes war sehr morastig und machten das Land auch ohne Flut sehr naß. Auf so einem Boden können normalerweise keine Deiche errichtet werden. Der Deichbau und dessen Unterhaltung lag in alter Zeit bei den "Eigentümern". Das waren die direkten Anlieger der Deiche, die mit eigenem Geld und eigenem Aufwand die Deiche instand zu halten hatten. Man kann sich vorstellen, daß dies eine sehr teure Angelegenheit war. Konnte ein Anlieger bzw. Eigentümer diese Deichlasten nicht mehr bezahlen, mußte er Hof und Land verlassen und es einem Nachfolger übergeben, der es konnte. Aus dieser Zeit stammt der heute noch gebräuchliche Spruch: "Wer nicht will deichen, muß weichen!". Die Deichlasten lagen also ausschließlich bei den "Eigentümern". Kein Wunder also, daß sich die Einwohner des Hinterlandes nicht an den Kosten beteiligen wollten. Die "Eigentümer" verarmten und konnten den Deich nicht instand halten. Nach und nach wurden dann die Einwohner des Hinterlandes zu "Eigentümern" und das friesische Deichrecht forderte erneut seinen Unterhalt.

 

Durch die tatkräftige Führung des Dietrich von Brederode, der ein neues Deichkonzept entwarf (siehe unten), wurden von Jansum aus zuerst nach Tysweer, Kloster Palmar und Zwaag, danach in gerader Linie nach Süden bis nach Finsterwolde neue Deiche gezogen. Diese neuen Deiche hielten 50 (nach anderen Quellen 40) Jahre lang. Während der kriegerischen Auseinandersetzungen der sogenannten "Sächsischen Fehde" konnten die Deiche nicht mehr unterhalten werden und brachen 1519 schließlich. Wieder mußte man große Teile des Landes den Fluten preisgeben. Rettungsbemühungen blieben erfolglos und so mußte man 1539 erneut ein letztes großes Gebiet den Fluten opfern. Mit vereinten Kräften bauten nun die Groninger zusammen mit den Ostfriesen neue, höhere und festere Deiche. Damit begannen die Einpolderungen - das Zurückgewinnen des verlorenen Landes.

 

 

Die Überflutungen des Reiderlandes und Oldampts seit 1277

Originaltitel: "Onderaan beschrijving van de inbraak van de Dollard in 1277"

Karte aus dem Jahr 1735

Quelle: Rijksuniversiteit Groningen

http://irs.ub.rug.nl/ppn/147757606

 

 

Das Land versinkt

Chronik des Untergangs

 

Nach dem Deichbruch bei Jansum im Jahr 1509 und den vergeblichen Deichbaubemühungen kam es schließlich zum Durchbruch der Fluten bei Jansum und Wilgum. Die Ems hatte sich ein neues Bett gesucht. In den folgenden Jahren wiederholten sich die Sturmfluten und das Wasser kam immer weiter ins Land. Es wurden zwar Notdeiche aufgeworfen, doch diese Projekte scheiterten immer wieder am ungeeigneten Boden, am Arbeitskräftemangel oder am Geld. Durch den zunehmend versalzenden Boden blieben Ernten aus und das Vieh konnte nicht mehr weiden. Die Bewohner gaben ihre alten Dörfer auf und zogen auf höher gelegene Sandrücken. Andere Deiche wurden deshalb vernachlässigt und verwahrlosten. Die Orte auf den Sandrücken haben den Fluten am längsten widerstanden. Genannt werden hier Oosterreide, Tijsweer, Zwaag, Wilgum, Uiterpogum und Torum. Torum war groß und auf festem Boden gebaut und scheint noch als letzter Dollartort bestanden zu haben. Im Jahr 1507, so berichten Chronisten, wurde dort auch noch Gericht gehalten.

 

Die Sturmfluten scheinen zwischen den Jahren 1450 und 1520 am schlimmsten gewütet haben. Der Deichbau war vergeblich, oder wurde von kriegerischen Handlungen verhindert oder sabotiert. Die Dörfer verarmten mehr und mehr und wurden entvölkert, bis das Land nicht mehr zu retten war. Immer mehr Dörfer mußten "ausgedeicht", d.h. aufgegeben werden.

 

Um das Jahr 1450 wird berichtet, daß im Reiderland 20 Kirchdörfer unter Wasser standen oder völlig verarmt waren. 17 davon sind verloren gegangen. Gerettet werden konnten unter anderem Ditzumer-Verlaat (Ditzumerverlaat), Sündt Jürgenswold (Sankt Georgiwold) und Böhmerwold. Das nördlich von Böhmerwold gelegene alte "Critzumerwold" ist vermutlich zerstört worden und wenig später als "Marienchor" neu aufgebaut worden.

 

Mit dem Durchbruch der Ems im Süden der jetzt zur Insel gewordenen Nesse-Anhöhe hatte sich der Fluß ein neues Bett gesucht. Nun konnten die Fluten aber auch bis tief ins Landesinnere drängen. Bei Jemgum und Weener bildeten sie Seitenarme, die "Geisen" genannt wurden. So entstanden die "Jemgum-Geise" und die "Weener-Geise".

 

Mit dem Bau eines Emssperrwerkes, dem "Nesser Höft", versuchten die Emder ihren Hafen zu retten. Durch das Abschneiden des Hauptflusses der Ems verschlickte der Hafen immer mehr und Schiffe konnten nicht mehr anlegen. Mit dem "Nesser Höft", einem 4,5 Kilometer langen Bauwerk aus in das neue Emsbett geschlagenen Eichenpfählen wollten die Emder die Ems in ihr altes Bett zurückzwingen. Das mißlang nicht nur, sondern verschlimmerte die Lage des Reiderlandes noch. Die Fluten wurden nun noch mehr in das Land getrieben.

 

 

Die Fluten werden aufgehalten

Das vorläufige Ende der Überflutung

 

Als die Ems 1509 südlich der Nesse durchbrach, wurde die Stromlinie begradigt. Dadurch konnte der Fluß über sein eigentliches Bett weiter ins Land eindringen und der Flutdruck auf die anderen Gebiete wurde geringer. Die Verlagerung der Sandbank "Paapsand" bewirkte eine weitere Abdrängung der Fluten. Durch die Beruhigung der Lage fielen einige Landstriche wieder trocken, z.B. die Ländereien um Sankt Georgiwold, Böhmerwold und Ditzumerverlaat. Große Teile des Reiderlandes blieben jedoch vom Wasser überspült.

 

Während die Ost-Friesen bereits an anderer Stelle gegen die Fluten kämpften (auch die ostfriesische Küste war betroffen und vor allem die Leybucht), begannen 1454 die West-Friesen unter der Führung von Dietrich von Brederode auf der heute niederländischen Seite mit dem verstärkten Deichbau. Durch sein tatkräftiges Wirken sind erstmalig Erfolge gegen die Dollartfluten erzielt worden. Er ließ die ersten neuen Deiche aufwerfen und begann danach mit dem Bau eines neuen Seedeiches vom ehemaligen Jansum aus, das mittlerweile im neuen Emsbett versunken war, über Tijsweer, Kloster Palmar und Zwaag in Richtung Süden nach Finsterwolde. Dieser Deich hat 50 (andere Quellen nennen 40) Jahre lang bestanden.

 

Im Jahr 1498 wurde Albrecht II. von Sachsen (1443 - 1500) zum Gouverneur Frieslands ernannt. Da er bereits zwei Jahre später bei Emden starb, stritten sich seine beiden Söhne um das Erbe. Es kam zum "Sächsischen Krieg". Die Folgen für das Reiderland und das Oldampt waren verheerend. Die Deiche wurden zerstört oder konnten nur noch schlecht unterhalten werden. Neue Sturmfluten durchbrachen die Deiche und drangen bis nach Midwolda vor. Noch einmal wurden die Deichbauvorschriften verschärft und nun vereinheitlicht. Erst im Jahr 1539 konnte der erste neue Deich fertiggestellt werden. Von diesem Zeitpunkt begann die Wiedergewinnung des verlorenen Landes.

 

 

Die Dollartinseln

Letzte Reste des versunkenen Landes

 

Das alte Reiderland ist nicht, wie einige meinen, vom Meer "verschlungen" worden. Es ist nach und nach durch die Fluten abgewaschen, zerspült und zerrissen worden. Die Niederländer nennen es "het verdronken Land". Doch noch immer gab es Inseln in diesem zerstörten Gebiet, auch mit Siedlungen darauf. Diese Siedlungen waren nur noch klein und verarmt und die Menschen konnten nur noch wenige Tiere halten. Für den Ackerbau waren das Reiderland bereits verloren.

 

Das bundische Jarda - (Bundergarteney) eine kleine Insel oder Blinke (Sandbank) in der Nähe der untergegangenen Dörfer Wynemeer und Megenham. Der Name leitet sich ab vom alten Ackermaß "jart" oder "jarde" für eine "Meßruthe von 10 Fuß". Möglicherweise war die Insel gerade so groß wie ein Ackerstück. Der Name und das Maß wurden in den englischsprachigen Ländern beibehalten ("yard").

 

Ulsda liegt auf einem Sandrücken über einer alten, festen Kleischicht. Dieser Boden blieb auch während der größten Ausbreitung des Dollarts trocken. Zwischen 1450 und 1600 war Ulsda eine Insel im Dollart.

 

Garmye (Garmede) war eine große Sandbank oder Insel im Dollart. Der Name stammt vermutlich vom benachbarten Ort Medum, der im Dollart versunken ist.

 

Farda. Bundica oder Lage Bunde war kurzzeitig eine kleine Insel in der Nähe von Megenham (Meeden)

 

Howingaham lag in der Nähe von Boen und Wymeer an der heutigen niederländischen Grenze. Nachdem die letzten Reste des Dorfes um 1511  weggespült waren, zeigte eine Karte aus der Mitte des 16. Jahrhunderts den Ort als Sandbank oder Insel im Dollart.

 

Leydslandt (Leidsland) war eine große Halbinsel etwas nördlich von Wymeer. Sie diente den Bundern als Zuflucht vor den Kriegszügen der verschiedenen Parteien während des Dreißigjährigen Krieges.

 

 

Der Dollart in seiner Ausbreitung

Karte von Ubbo Emmius 1595 (Ausschnitt)

Kopie des Originals, Universitätsbibliothek Würzburg

Die Dollartinseln sind gut zu erkennen

 

 

Die Flüsse des Reiderlandes

Natürliche Grenzen

 

Die "Reider Ee" war eigentlich ein Moorfluß, der zwar natürlich entstanden war, aber durch Menschenhand geformt wurde. Er nahm alle Wasser der Moorabläufe und Gräben in sich auf und soll durch sieben Siele schließlich bei Wester- und Osterreide in die Ems geflossen sein. Gerade diese Siele ließ der Schieringerführer Koppe Jarges im Krieg gegen Keno tom Brok verbrennen. Die salzigen Sturmfluten drangen somit tiefer ins Land ein und zerstörten Felder und Dörfer.

 

Auch die "Munter Ee" (Munte, Termunter Ee oder Oude Ee) war ein Moorfluß und entsprang im Süden des Reiderlandes. Infolge der Dollartfluten verbreiterte sich die Munter Ee mehr und mehr. Sie mündete bei Termunten in den Dollart - daher hat auch der Ort seinen Namen. Die "Munter Ee" gibt es nicht mehr, jedoch war ihr Lauf noch in topographischen Karten von 1933 eingezeichnet.

 

Die Tjamme war der eigentliche Grenzfluß in den Zeiten vor der Flutkatastrophe. Sie trennte nicht nur das Reiderland von dem Oldampt, sondern war auch Bistumsgrenze zwichen Münster und Osnabrück. Niederländische Quellen gehen davon aus, daß der Fluß möglicherweise ein von Menschenhand gegrabener Kanal war oder der Fluß zumindest in Teilen begradigt worden war. Sie stützen sich unter anderem auf den Namen, der mit der friesischen Vorsilbe "Tja-" beginnt, und "geradegezogen" bedeutet.

Solange dieser Fluß bestand, gehörten nicht nur die heute im Dollart untergegangenen Orte Jansum, Liede, Osterreide, Beda, Garmye, Homingeham, Wyneldham, Reiderwolde, Osterfinsterwoldt und Homingegast zum Reiderland, sondern auch die Orte, die verschont geblieben sind oder gerettet werden konnten: Beerta, Winschoten, Westerlee mit dem Kloster Heiligelee, Blijham, Bellingwolde und das ganze westerwoldische Gebiet. Der Dollart jedoch grenzte das Gebiet stärker ab und änderte diesen Zustand. Die Kämpfe der Schieringer und Vetkoper mit ihren wechselnden Bündnissen führten zu einer politischen Teilung des Landes. Die alte Grenze geriet in Vergessenheit.

 

Neben diesen Hauptflüssen gab es noch zahlreiche kleine Nebenflüsse und Moorkanäle, die hier nicht aufgeführt wurden.

 

 

Verheerende Sturmfluten

Die für den Dollarteinbruch verantwortlichen Fluten (Auswahl)

 

Die Julianenflut am 17. Februar 1164 war die erste konkret überlieferte Sturmflut an der Nordseeküste. Nach den alten Quellen sollen bei dieser Katastrophe  etwa 20.000 Menschen und viele tausend Stück Nutzvieh ums Leben gekommen sein. Mit am schwersten waren die Küstenabschnitte in den Gebieten der ostfriesischen Küste sowie der Zuidersee betroffen. Durch die Julianenflut bildete sich zwischen dem heutigen Wilhelmshaven und Jademündung eine Vorstufe zum heutigen Jadebusen.

 

Die Allerheiligenflut am 1. November 1170 hat an der ostfriesischen Küste die 45 km lange und 25 km breite Insel "Bant" vor der Emsmündung in mehrere Teile zerrissen. Aus den Resten sind später die Inseln Borkum, Juist, Buise (im 17. Jahrhundert verschwunden) und vermutlich auch Oesterende (heute Norderney) sowie das um 1750 verschwunden Resteiland Bant entstanden. Es entstand außerdem ein neuer Emslauf (die Osterems), der den Flutdruck auf die Küsten der Emsmündung verdoppelte.

 

Die (angebliche) Weihnachtsflut am 25. Dezember 1277 ließ die Deiche bei Jansum und Wilgum brechen. Die Ems bahnte sich einen neuen Weg. Die Deiche waren durch den zunehmenden Flutdruck massiv unterspült, sodaß sie nicht hielten. Dieses (heute als fiktiv angesehene) Datum galt als Beginn der Entstehung des Dollarts. Diese Flut ist wissenschaftlich nicht nachweisbar und basiert auf Vermutungen einiger Chronisten des 16. Jahrhunderts.

 

Die Luziaflut am 13 und 14. Dezember 1287 soll an der gesamten deutschen und niederländischen Küste etwa 50.000 Menschenleben gefordert haben. Die geschwächten Dollartdeiche brachen erneut und der Dollart wurde erheblich erweitert. Etwa 50 Orte sollen (zumindest zeitweilig) unter Wasser gestanden haben. Obwohl es die Luziaflut tatsächlich gegeben haben soll, werden die Angaben zu den Menschen- und Tierverlusten angesichts der damaligen Bevölkerungsdichte inzwischen bezweifelt. Auch die Angeben zum Dollart sind Fiktion.

 

Die Zweite Marcellusflut am 15. bis 17. Januar 1362 wird auch "Grote Mandränke" genannt und betraf das gesamte Nordseegebiet. Es sollen etwa 100.00 Menschen ums Leben gekommen sein. Der Dollart, die Ley- und die Harlebucht sowie der Jadebusen werden erheblich erweitert. Die größten Schäden gibt es in Nordfriesland.

 

Die beiden Dionysiusfluten am 8. und 9. Oktober 1374 und am 9. Oktober 1377 vergrößern die Leybucht erheblich und gelangen sogar bis zum Dominikanerkloster nach Norden.

 

Die Allerheiligenflut am 1. November 1436 verlief eher glimpflich für die ostfriesische Küste. Dennoch sind an der norddeutschen Küste etwa 500 Menschen ums Leben gekommen.

 

Die Erste Cosmas- und Damian-Flut am 27. September 1477 zerstört im Reiderland einige Deiche. Einige Ortschaften müssen aufgegeben werden.

 

Die Zweite Cosmas- und Damian-Flut am 26. September 1509 vollendet den Durchbruch der Ems beim Nesserland. Der Dollart erreicht im Osten seine größte Ausdehnung. Nun müssen auch die letzten Ortschaften aufgegeben werden.

 

Die St.-Magnus-Flut am 5. und 6. September 1510 zerstört die letzten Notdeiche im Reiderland und schält immer mehr Land ab.

 

Die Allerheiligenflut am 1. November 1510 spült weiteres Land aus dem Dollartgebiet.

 

Die Antoniflut am 16. Januar 1511, auch als Eisflut bekannt, verwüstete die Küste von Ostfriesland erneut. Die Flut war mit starkem Eisgang verbunden und vollendete das Zerstörungswerk der schweren Sturmfluten von 1509 und 1510. Die Flut und die mit ihr kommenden Eisschollen verursachte gewaltige Schäden an den Deichen, insbesondere im Osten Ostfrieslands.

Da die Deiche an vielen Stellen nicht mehr repariert werden konnten, wurde es notwendig, viele Dörfer und Kirchspiele auszudeichen, d.h. aufzugeben.

Die Landverluste im Dollart, im Jadebusen, und zwischen Jade und Weser waren erheblich. Der Dollart und der Jadebusen erreichten ihre größte Ausdehnung.

 

Die Allerheiligenflut oder Felixflut am 1. November 1530 fordert an der west- und ostfriesischen Küste etwa 100.000 Menschenleben.

 

Die Allerheiligenflut am 1. November 1532 fordert in Nordfriesland mehrere tausend Tote. Der Norden der ostfriesischen Küste wird stark zerstört. Mehrere Ortschaften gehen im Wattenmeer verloren.

 

 

Zurückgewinnung des Landes

Neuland und Einpolderungen

 

Die Eindeichung der Jemgumer Geise unter der Regentschaft von Graf Edzard dem Großen ergab nur einen Schutzdamm für die Geise und kann nicht zur Eindeichung des Dollartgebietes gelten. Im Osten des Dollarts baute man zuerst einen Deich von Pogum nach Ditzumer-Verlaat, wo er gegen das Meer ein wenig vorspringt. Im Westen war man auch nicht untätig. Die Niederländer hatten einen starken Deich von Termünten über Scheemda bis nach Finsterwolde aufgeworfen, was zur Folge hatte, daß sie schon 1597 den ersten Polder eindeichen konnten.

 

Darstellung der Eindeichungen

Quelle: Wikipedia

 

 

Eindeichungen auf ostfriesischer Seite:

 

1605   Alt-Bunderneuland

1682   der Charlottenpolder. Er wurde unter der Regentschaft von Herzogin Christine Charlotte eingedeicht.

1707   der  Bunder-Interessenten-Polder

1707   der Christian-Eberhards-Polder. Er wurde nach dem Fürsten Christian-Eberhard von Ostfriesland benannt.

1752   der Landschaftspolder. Er wurde in der Regierungszeit Friedrichs des Großen eingedeicht und hieß zunächst "Preußischer Polder". Später wurde er dann für 240000 Reichstaler an die Ostfriesische Landschaft verkauft.

1773   erste Eindeichung des Heinitzpolders. 1775-1776 wurden die Deiche durch Sturmfluten zerstört.

1796   endgültige Eindeichung des Heinitzpolders. Er wurde benannt nach dem preußischen Staatsminister Fr. Ant. Freiherrn von Heinitz (1725-1802)

1874   der Kanalpolder

1922   die Larrelter und Wybelsumer Bucht eingedeicht

 

Noch in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte man sich mit den Niederländern darauf verständigt, auch die letzten 12 x 13 Kilometer des Dollarts einzupoldern. Zu traurig erschien damals das Mahnmal der "Beutegier des Meeres und der Rohheit des Mittelalters", die den Menschen nicht zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind zusammenschloß, sondern ihn verleitete, ihn auch noch in boshafter Weise ins Land zu rufen.

 

 

Der Name "Dollart"

Herkunft und Bedeutung

 

Der plattdeutsche Name "Dullert"  bedeutet "schwammige Niederung". Der Ostfrieslandkenner und Freizeithistoriker Dr. Rudolf Hermann Bielefeld (1867-1933) vermutete, daß das Gebiet im Süden des alten Reiderlandes bereits damals so genannt wurde. Er ging davon aus, daß die Berichte, der Boden habe unter den Hufen der Pferde oder unter den Füßen einen aufspringenden Menschen gezittert, auf eine sehr weiche Bodenschicht hindeute.

Der Name "Dollart" oder "Dollard" wird erstmals in einer Chronik des Klosters Aduard im Jahr 1485 genannt. Dieser Name ist vermutlich abgeleitet von "Poel" oder "Kuil" (großes Erdloch oder nasse Vertiefung). Niederländische Quellen vermuten die Herkunft auch beim Wort "dole" oder "dodenkuil" (Grabstelle oder Grab).

Später erklärte man den Namen mit "dolle aard" (wütende, verrückte Erde).

Ubbo Emmius schreibt zum Dollart, daß dieser aus "Gottes rasendem Zorn" entstanden sei. Er hat dazu sogar ein mahnendes Gedicht verfaßt:

 

Met recht wordt uwen naam de Dollaart nog geheeten,

Wijl gij het dolle volk, weleer in't land gezeten,

Dat gij bedekt hebt, in uw dollen waterkuil

Gesmoord, dedolven, en nog daaglijks uw gehuil

Doet hooren, ja mij ook met uwe dolle baren

Ontzettet, toen ik s'nachts een door uw stroom kwam varen

En die nog mennig mensch verschrikt en zoo verbaast,

Dat ieder die U hoort, straks siddert, as gij raast.

Zoo, trouwens klonk al lang, bij allen die U hoorden,

U dolle naam, en werd door alle wereldoorden,

Zoodanig, dat wanneer men Uw naam gewaagt,

Elk voor U schrikt, wijl gij den naam "Dollaart" draagt.

 

 

Gedenkveranstaltungen zur Sturmflut 1509

Ein deutsch-niederländisches Kulturprojekt

 

Am 26.09.2009 jährte sich zum fünfhundertsten Mal die Cosmas- und Damian-Flut. Diese schlimme Sturmflut bedeutete das endgültige Ende des nordwestlichen Reiderlandes. Die Folgen der Katastrophe sind bis heute sichtbar. Der damals entstandene Dollart als Meeresbucht mahnt die Menschen vor den Macht der Natur. Weniger oder nicht mehr sichtbar sind dagegen die vielen aufgegeben Dörfer in nicht dauerhaft überfluteten Gebieten, die an höhergelegenen Stellen neu errichtet werden mußten.

 

Damals wie heute kämpfte und kämpft der Mensch gegen die Urgewalt der Natur. Die Techniken des Deichbaus und des Küstenschutzes durch z.B. Sperrwerke haben sich seit der damaligen Zeit zwar erheblich verbessert, doch die Aufgaben und Ziele sind immer noch dieselben.

 

Das Projekt "Sturmflut 1509" war ein deutsch-niederländisches Kulturprojekt unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Ostfriesischen Landschaft in Aurich, Herrn Helmut Collmann.

 

Zum Gedenken fanden 2009 unter anderem Kunstausstellungen, Gedenkinstallationen, tragische Musicals, Vorträge und Symposien statt. Mehr dazu erfahren Sie auf den unten angegebenen Links.

 

Am 26. September 2009, dem Tag der Katastrophe vor 500 Jahren, wurde in der Kirche zu Pogum ein Gedenkgottesdienst abgehalten. Danach folgte die Gedenkveranstaltung "500 Jahre später - Een Lücht för elke Dörp" (Ein Licht für jedes Dorf). Schiffe zeigten im deutsch-niederländischen Grenzgebiet mit starken Lichtern die Positionen der versunkenen Dörfer. Daneben gab es Theateraufführungen "Dat lesde Lücht" (Das letzte Licht) und mittelalterlich folkloristische Musik.

 

 

Links zu den Veranstaltern:

 

Projekt Sturmflut 1509

http://www.sturmflut1509.eu/

 

http://www.lak.de

Ländliche Akademie Krummhörn e.V.

 

Stichting Verdronken Geschiedenis

(Stiftung Versunkene Geschichte)

http://www.verdronkengeschiedenis.nl/