Schieringer und Vetkoper

199 Jahre friesischer Bürgerkrieg mit Folgen

 

 

Vorwort

 

In Ostfriesland und Deutschland fast vergessen ist der fast 200 Jahre lang dauernde Bürgerkrieg der friesischen Parteien der Schieringer und Vetkoper. Beide waren untereinander derart verhaßt, daß sie zeitweise keine noch so kleine Gelegenheit ausließen, sich gegenseitig umzubringen. Sie schreckten dabei auch nicht vor Taten zurück, die im friesischen Küstenraum zu den frevelhaftesten zählen: der Zerstörung der Siele und Deiche oder dem Verbot des Deichbaus.

Wissentlich nahmen sie das große Unglück in Kauf, das darauf folgen mußte. Am 26. September 1509 brach die "Cosmas- und Damianflut" über das Land herein und hatte buchstäblich den Untergang der Hälfte des Reiderlandes zur Folge. Nach alten Chroniken sollen fast 70 Städte, Marktflecken, Dörfer, Siedlungen und Einzelgehöfte dabei vernichtet worden sein.

Am Ende des Bürgerkrieges hatten sie es geschafft, Friesland auch politisch zu teilen. Wechselnde Bündnisse mit den Herrschern des Reiches führten zur Teilung Frieslands in West und Ost und damit zur Grundlage der heutigen Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden.

 

 

Schieringer und Vetkoper

(friesisch: Skieringers en Fetkeapers)

 

 

Die Kämpfe 1325 bis 1398

 

Im Jahr 1325 gerieten die beiden friesischen Klöster Bloomkamp und Ludingakerk in Streit. Kloster Bloomkamp war ein Zisterzienserkloster, deren Mönche wegen ihrer grauen Bekleidung "Schiere Monniken" oder "Graue Mönche" genannt wurden.  Die Zisterzienser besaßen große Ländereien, deren Pachtbauern ihnen Abgaben leisten mußten.  Ludingakerk war ein Kloster der Prämonstratenser (in den Niederlanden auch nach ihrem Gründer "Norbertiner" genannt). Die Prämonstratenser hatten eine patriarchalische und feudalistische Struktur und bestritten ihre Einnahmen durch den Handel mit (fettem) Vieh. Abschätzig wurden beide Parteien "Schieringer" und "Vetkoper" (auch "Fettkoper" = Fettkäufer) genannt. Die Ursache des Streits ist nicht genau bekannt. Vermutlich ging es einerseits um die Vergrößerung von zunächst geistlichen Einflußsphären, andererseits um handfeste wirtschaftliche Interessen. In späteren Jahren schloß sich auch die friesische Bevölkerung jeweils eine der Parteien an. So vertraten die Schieringer eher die Interessen der einfachen Leute, die Vetkoper die der Reichen.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen dauerten 73 Jahre und erreichten auch Ostfriesland. Im Jahr 1398 stellten sich die Vetkoper unter den Schutz von Albrecht von Bayern, Graf der Provinz Holland. Groningen und die Ommelande waren hart umkämpft.  Doch das Bündnis mit Graf Albrecht brachte keinen Erfolg und die Schieringer vertrieben die Vetkoper aus Groningen.

 

 

Die friesischen Seelande und das Brokmerland

In der Bildmitte das später zur Hälfte versunkene Reiderland

Quelle: Wikipedia

 

 

Ocko tom Brok

 

Ocko I. Kenisna tom Brok war Herrscher über das Brokmerland und Auricherland in Ostfriesland. Durch geschickte Machtpolitik war seine Familie aus dem Häuptlingsstand wohlhabend und einflußreich geworden. Er wurde in Neapel ausgebildet und von der dortigen Königin Johanna zum Ritter geschlagen. Er heiratete das Fräulein Folkeldis (die spätere "Quade Foelke") und erhielt als Mitgift ihre Güter in Strakholt und Hinte. Ocko herrschte machtbesessen und betrog oft seine junge Frau. Noch ehe sie ihr erstes Kind gebar, wurde ihm ein uneheliches Kind geboren. Diesen Sohn nannte er sogar "Witzelt" (Bastard) und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Die Beleidigung der Familie Foelkes konnte größer nicht sein. Als Ocko mit den Rechten der Güter seiner Frau großen Landbesitz im Norderland erwarb, geriet er in Konflikt mit Folkmar Allena, dem mächtigen Häuptling von Osterhusen. Die Allenas suchten Unterstützung und fanden diese bei dem Herrn von Emden, Häuptling Liuward Abdena. Ocko schlug die Allena-Abdena-Allianz 1380 vernichtend bei Loppersum und eroberte danach das Norderland. Ocko versuchte nun, sein Herrschaftsgebiet bis weit ins Groningerland auszudehnen. Er fand Zustimmung bei Herzog Albrecht von Bayern, der den Vetkopern nahestand. Folkmar Allena war zu den Schieringern geflohen. Folkmar und Ocko versprachen ihren neuen Verbündeten Landgewinn und so kam es immer wieder zu erbitterten Schlachten. Bei der Belagerung der Tom-Brok-Burg Aurich durch die neue Allena-Abdena-Allianz, angeführt von Volkmar Allena, kam es zu einer Aussprache zwischen Ocko und Folkmar Allena , bei der Folkmar Ocko ermorden ließ.

1390 wurde Witzelt Nachfolger Ockos und fiel 1398 bei Detern im Kampf gegen die Grafen von Oldenburg und Bremen, die als Feinde Ockos Teile des Landes besetzt hielten. Keno, der legitime Sohn Ockos, wurde Herrscher.

 

 

Die Kämpfe 1413 bis 1422

 

Keno tom Brok

 

Keno II. tom Brok war auf die Festigung seiner Herrschaft aus. Er gestattete, wie auch Probst Hisko von Emden, Edzard von Greetsiel und anderen ostfriesischen Häuptlingen, den Vitalienbrüdern (auch "Likedeler") um Klaas Störtebeker die Nutzung der Häfen und bot ihnen Unterschlupf. Dafür brachten sie seltene und dringend benötigte Waren ins Land. Die Hanse jedoch war mächtig und setzte die Häuptlinge unter Druck.  Sie mußten Geiseln stellen und bei der Vernichtung der Piraterie an der Nordseeküste helfen. Gleichzeitig nahmen die Hamburger als führende Seemacht einige ostfriesische Orte in Besitz. Keno mußte an den "Expeditionen" der Hamburger gegen die Piratennester im Norderland teilnehmen, bei dem ihm vor allem die Burgen der Allenas zum Opfer fielen. 1409 belagerte Keno Osterhusen, die Stammburg des Folkmar Allena. Als sie fiel, konnte Folkmar zwar entkommen, jedoch sein Sohn Ayelt und dessen Freund wurden gefangen. Kenos Mutter, die "Quade Foelke", ließ die beiden im Verlies von Aurich verhungern. Folkmar war erneut zu den Schieringern nach Groningen geflohen, kehrte mit einer großen bewaffneten Schar zurück und nahm Osterhusen im Sturm. Folkmar Allena wurde 1417 auf seiner eigenen Burg ermordet.

 

Hisko von Emden, der sich rechtzeitig genug von den Piraten getrennt hatte und dazu auch noch von den Hamburgern mit einigen Gebieten belohnt worden war, wurde von Keno bedrängt. Er stellte sich unter den Schutz des Bischofs von Münster und verbündete sich mit den Schieringern. Doch Keno nahm 1413 überraschend die Stadt Emden im Handstreich. Auch Hisko floh zu den Schieringern nach Groningen. Unglücklicherweise verloren die Schieringer im selben Jahr ihre Macht im Rat an die Vetkoper. Die Schieringer erhoben sich und vertrieben die Vetkoper. Die Vetkoper machten ihrerseits Keno tom Brok zu ihrem Häuptling.  Dieser nannte sich nun "Erster Häuptling von Ostfriesland" und belehnte seinen treuen Feldherrn Focko Ukena mit der Herrschaft über das Moormerland, das Oberledingerland und das Reiderland.

 

 

Tidde Winnengha

 

Der reiderländer Häuptling Tidde Winnengha (nach anderen Quellen friesisch "Tidde Wyneda" genannt) war mit dem Probst Hisko von Emden verbündet und schloß sich mit diesem den Schieringern an. Er wird in einem Protokoll von 1565 von Zeugen maßgeblich als Hauptverantwortlicher am Entstehen des Dollarts genannt. Auch Personen, die dies nur von ihren Eltern und Großeltern gehört hatten, kamen zu Wort und bestätigten dies. Tidde Winnengha war sehr einflußreich und besaß große Güter im Reiderland. Er soll nach einigen Quellen sogar der Regent oder zumindest Mitregent des Reiderlandes gewesen sein, das damals eine eigenständige friesische Provinz war.

Durch die Wassereinbrüche im Norden 1413 beunruhigt, waren die Bewohner zu ihm gekommen und baten, neue Deiche bauen zu lassen und die alten zu verstärken. Doch Winnengha verbot es ihnen mit den Worten, er würde nicht eher deichen (Deiche bauen) lassen, bis "eer end voer de vloet een speetse hoghe over syn landt solde loepen" (...die Flut eine Speerlänge hoch über sein Land liefe.)

Tidde Winnengha hat wahrscheinlich auf der "Tydwynedaborch" in Wynedaham gewohnt. Die Burg wird in zwei Verträgen aus den Jahren 1391 und 1420 genannt. Sie soll in der Nähe der Stelle gestanden haben, wo die Flüsse Tjamme und Reider Ee zusammenflossen - wahrscheinlich etwas nördlich des heutigen Neuschanz (Nieuweschans).

Tidde Winnengha verlor sein Land und seine Güter in den Dollartfluten und verbrachte seine letzten Tage völlig verarmt und gebrochen im Kloster Palmar (Palmaer). Das Kloster Palmar war ein Prämonstratenserkloster, deren Mönche den Vetkopern nahestanden. Auch Palmar ist später im Dollart versunken.

 

 

Koppe Jarges

 

Traditionell wurde die Stadt Groningen von den Vetkoper-Familien Rengers und Clant beherrscht. Ein junger Schieringer aus Stavoren, Koppe Jarges riß nun die Macht in der Stadt an sich und ließ sich zum Bürgermeister ausrufen. Es kam zu schweren Kämpfen, die etwa zwei Jahre lang anhielten. Der neue Bürgermeister von Groningen, Koppe Jarges (nach anderen Quellen auch Coppe, Coppen oder Koppen Jarghes) , nun Anführer der Schieringer, legte sich immer wieder mit Keno an, der seinerseits nicht lange zögerte. Als erste Antwort auf den Umsturz in Groningen nahm er Termünten ein. Jarges  ließ als Gegenreaktion 1414 alle Siele am Emsufer abbrennen, um Keno zu schädigen. Damit trug er zu einem erheblichen Teil zum buchstäblichen Untergang des Reiderlandes bei. Diese Tat half den Schieringern aber nicht und sie mußten immer mehr zurückweichen. Sie gingen über die Lauwers und bedrohten von hier aus das Groningerland. 1515 erschien Keno mit einer Flotte vor Farmsum und lockte Koppe Jarges aus der Stadt. Inzwischen bemächtigten sich die zuvor vertriebenen Vetkoper der Stadt und so kam es erneut zu einer Änderung im Stadtregiment. Die Schieringer wurden aus dem Groningerland vertrieben und wandten sich das westerlauwersche Friesland.

 

Um seinerseits einen von den Schieringern geplanten Angriff auf Emden zu verhindern, griff Keno 1416 die Schieringer bei Northoorn am Okswerdersijl (Opwerderzyl) an und schlug sie.  Es war ein hartes Gefecht. 500 Schieringer wurden getötet, 400 gefangen. Eine Chronik berichtet:

"Focke te Lier (Focko Ukena aus Leer) droegh hem aldaer seer mennelyk, met vechten aenvoeren, zynde oek kennelyk aen syn schoon Persoon ende ghedaente. De Gevanghene werden als in een Triumph, gelijk een Kudde Beesten, naa Groningen gedreven". (Focko Ukena kämpfte sehr tapfer. Die Gefangenen wurden im Triumph wie Vieh nach Groningen getrieben.)

 

 

Focko Ukena

 

Die Schieringer waren besiegt, aber geschlagen. Focko Ukena zog mit seinem Heer nach Westfriesland und richtete seinen Angriff nach Dokkum und Ezumazyl. Er hatte die Hilfe der Hamburger und Lübecker, da von hier aus Seeräuberei betrieben wurde. Beide Orte wurden 1417  genommen, die Burg Ezumazyl geschleift. Nun lag ganz Friesland den Vetkopern offen. Die Schieringer unterwarfen sich, ihnen wurde eine schwere Schatzung auferlegt und das Haupt der Partei der Schieringer, Sicke Sjaerdema von Franeker, wurde als Geisel nach Groningen gebracht. Jetzt war die Position Keno tom Broks so gefestigt, daß die Vereinigung Frieslands zu diesem Zeitpunkt möglich gewesen wäre. Größten Anteil daran hatte zweifellos Kenos Feldherr Focko Ukena.

Keno II. tom Brok starb noch im selben Jahr plötzlich und unerwartet im Bett. Nachfolger wurde sein noch minderjähriger Bruder Ocko II. Kenisna tom Brok. Focko Ukena wurde dessen Vormund.

 

Nun schaltete sich das Heilige Römische Reich deutscher Nation ein. Nach einer Besprechung in Aachen schickte man 1417 zwei Gesandte nach Leeuwarden, um die beiden Parteien zu versöhnen. Das gelang zwar nicht, doch der Kaiser stellte 1420 ein Diplom aus, in dem er die Reichsunmittelbarkeit Frieslands bestätigte. Friesland blieb also frei und konnte seine Angelegenheiten selbst regeln.

Die Gespräche kamen aber ins Stocken und die Schieringer intrigierten. Die Stadt Groningen, sowie Ocko II. und Focko Ukena wurden unter Reichsacht gestellt und die Hamburger mit dem Vollzug beauftragt. Diese weigerten sich aber. Die Schieringer drohten einen neuen Angriff zu machen, doch Focko Ukena stellte rechtzeitig eine neue Armee auf. Ihm schlossen sich viele Vetkoper an. Da die Landwege von den Schieringern kontrolliert wurden, schifften sich Focko und die Vetkoper ein, segelten westwärts und landeten zwischen Hindelopen und Stavoren. Die Schieringer zogen ihnen entgegen und beim Dorf Catze, beim Palesloot verloren sie ihre Schlacht. Hindelopen mußte sich Focko Ukena ergeben, auch Sloten, das noch von den Schieringern gehalten wurde,  wurde belagert.

 

Ocko tom Brok wird nach der Schlacht auf den Wilden Äckern

gefangen vor Focko Ukena geführt.

Gemälde von Tjarko Meyer Cramer, 1803

Ostfriesische Landschaft, Aurich

Quelle: Wikipedia

 

Die Schieringer stellten sich und ihr verbliebenes Land inzwischen unter den Schutz des römisch-deutschen Kaisers Sigismund. Sie verbündeten sich mit Johann von Bayern, Graf von Holland, und Albrecht von Sachsen, von dem sie Hilfe im Kampf gegen Groningen erwarteten. Die Verbündeten der Schieringer unter Führung des Feldherrn Johann van Renesse schlugen Focko und die Vetkoper 1420 bei Sloten. Focko Ukena mußte aus dem Land fliehen. 1421 mußten er und Ocko Groningen an Johann von Bayern übergeben und seinen Herrschaftsanspruch über Westfriesland anerkennen. Es kam zum Bruch zwischen Ocko und seinem Feldherrn Focko Ukena, der schließlich mit der Niederlage des unerfahrenen Ockos auf den "Wilden Äckern" zwischen Marienhafe und Upgant endete. Damit war das Haus tom Brok machtlos geworden. Focko Ukena beerbte schließlich die Herrschaft der tom Broks.

 

Vetkoper und Schieringer einigten sich endlich und so wurde am 1. Februar 1422 unter der Vermittlung des römisch-deutschen Kaisers der Landfrieden verkündet.

 

Die Schieringer bitten im März 1498 Herzog Albrecht von Sachsen um Schutz

Gemälde von Julius Scholz (1825-1893), Albrechtsburg, Meissen

 

 

Die Kämpfe von 1439 bis 1524

 

1439 flammten die Kämpfe erneut - diesmal zwischen den friesischen Familien Galama auf Seiten der Vetkoper und Harinxma auf Seiten der Schieringer - wieder auf, in deren Folge fast alle westfriesischen Städte und Provinzen sowie andere Häuptlingsgeschlechter in den Krieg hineingezogen wurden. 1498 wurden die letzten Vetkoper mit Hilfe Herzog Albrechts von Sachsen besiegt, doch sie lehnten 1500 sich noch einmal auf.

Im Jahr 1524 mußten sich die niederländischen Provinzen Kaiser Karl V. unterwerfen. Von da an verschwanden beide Parteinamen.

 

 

Fazit

 

Die gnadenlosen Machtkämpfe der west- und ostfriesischen Herrscher- und Häuptlingsgeschlechter sowie der Parteien der Schieringer und Vetkoper haben den Untergang des Reiderlandes  beschleunigt. Die Unart, Deiche zu durchstechen und Siele anzuzünden hat auch in späteren Zeiten, vor allem im 16. und 17. Jahrhundert wiederholt. Zuletzt wurden in Ostfriesland während des Zweiten Weltkrieges die Siele zerstört. Wasser kann ein mächtiger Feind sein. Solange Deiche und Siele aber noch in angemessener Zeit repariert werden können, ist das Ausmaß der Katastrophe in Grenzen zu halten. Ein über zwei Jahrhunderte dauernder Bürgerkrieg vermochte dies nicht.

 

Am Ende des Bürgerkrieges hatten Schieringer und Vetkoper es geschafft, Friesland auch politisch zu teilen. Wechselnde Bündnisse mit den Herrschern Frieslands und des Reiches führten zur Teilung Frieslands in West und Ost und damit zur Grundlage der heutigen Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. Mit der Übernahme der Herrschaft Karls V. über die niederländischen Provinzen begann die spanische Schreckensherrschaft. Es kam zum Befreiungskrieg, der erst 1648 mit der Unabhängigkeit der Niederlande endete. Eine politische Vereinigung ganz Frieslands war damit in weite Ferne gerückt.