Die Rheider Deichacht und die Sielacht Rheiderland

 

 

Die Rheider Deichacht

 

Im Mittelalter hatte jeder Bauer einen Teil des Deiches aus eigenen Mitteln instand zu halten. Wie man sich denken kann, war das sehr kosten- und arbeitsintensiv. Kam er in finanzielle Nöte oder verlor er gar durch eine Sturmflut sein Hab- und Gut, mußte er sein Anwesen verlassen und es demjenigen überlassen, der den Deich besser unterhalten konnte. Der uralte Spruch "Well neejt will dieken, mutt wieken!" (Wer nicht will deichen, muß weichen) hatte also einen handfesten Hintergrund.

 

Die Erkenntnis, daß der Deichbau und -unterhalt nur gemeinsam zu bewältigen sei, führte schon früh zur Gründung der Deichachten im Rheiderland. Diese waren die niederreiderländische Deichacht, die Ober-Reider Deichacht, die Weener-Stapelmoorer Deichacht, die Wymeerster und die Bunder Deichacht. Jede arbeitete in ihrem jeweiligen Gebiet über Jahrhunderte im Dienst der Allgemeinheit. Im Jahr 1853 wurde vom Königreich Hannover die "Deich- und Sielordnung für Ostfriesland" eingeführt. Trotzdem ergab sich aufgrund der immer größer werdenden Aufgaben im Küstenschutz die Notwendigkeit, vor allem im finanziellen und organisatorischen Bereich die Kräfte der Selbstverwaltung zu bündeln. Dieses wurde am 03.09.1937 durch die erste "Wasserverbandsverordnung" (WVVO) verwirklicht.

 

Nach der Sturmflut wurden die Küstenschutzpläne im Land Niedersachsen überarbeitet. 1963 wurde das "Niedersächsische Deichgesetz" verabschiedet. Es sah die flächendeckende Schaffung einheitlicher Unterhaltungsverbände vor. Die fünf rheiderländer Deichachten wurden zur "Rheider Deichacht" zusammengeschlossen.

 

Die Rheider Deichacht ist in fünf Wahlbezirke (Gemarkungen) eingeteilt, die in etwa dem Gebiet der früheren Deichachten entsprechen. Die Deichacht verwaltet sich im Rahmen ihrer Satzung selbst. Der Verband hat einen Vorstand und einen Ausschuß. Nach einem bestimmten Verfahren, wählen die Mitglieder 18 Ausschußmitglieder und deren Stellvertreter. Wählbar ist jedes geschäftsfähige Verbandsmitglied aus dem jeweiligen Wahlbezirk. Die Rheider Deichacht arbeitet eng mit der Sielacht Rheiderland zusammen (siehe unten). Im Jahr 2007 wurde ein gemeinsames Verwaltungs- und Betriebsgebäude in Soltborg errichtet.

 

 

Die Sielacht Rheiderland

 

Die Sielachten, also die Aufsichtsgremien für die Entwässerungseinrichtungen (Gräben, Kanäle, Siele), wachten wie ihre Vorgänger seit Jahrhunderten über deren ordnungsgemäße Instandhaltung. Nur ein gut funktionierendes Entwässerungsnetz garantierte auch eine funktionierende Landwirtschaft und damit die Ernährung der Bevölkerung. Im östlichen Rheiderland waren dies die Bentumer Sielacht, die Kleinsoltborger Sielacht, die Großsoltborger Sielacht, die Bingum-Coldamer Sielacht, die Kirchborgumer-Middelstenborgumer Sielacht und die Feerstenborger Sielacht. 1933 wurden die Sielachten zusammengefaßt und die "Vereinigte Groß-Soltborger Sielacht" gegründet. Ihr Einzugsbereich umfaßt noch heute über 7000 ha.

 

Nach der verheerenden Sturmflut von 1962, die auch im Rheiderland große Schäden hinterließ, wurde im Jahr 1964 neben den Sielachten der "Unterhaltungsverband 110 Rheiderland" als Zusammenschluß aller Sielachten des Rheiderlandes gegründet. Dieser sollte im gesamten Rheiderland die einheitliche Unterhaltung der Entwässerungseinrichtungen überwachen. Doch das erwies sich als sehr schwierig.

 

Neues Verwaltungs- und Betriebsgebäude
der Rheider Deichacht und Sielacht Rheiderland

Das Verwaltungsgebäude der
Rheider Deichacht und Sielacht Rheiderland

 

Im Jahr 1971 führte man daher den Unterhaltungsverband mit den bestehenden sieben Sielachten in dem "Wasser- und Bodenverband Sielacht Rheiderland" zusammen. Die Zuständigkeitsbereiche wurden neu organisiert (I Coldeborger Sielacht, II Ditzum-Bunder Sielacht, III Vereinigte Groß-Soltborger Sielacht, IV Weener-Stapelmoorer-Süderhammrichs Sielacht, V Dieler Sielacht, VI Combinierte Wymeerer Sielacht). Die Schöpfgebiete im Rheiderland umfassen fast 25.000 ha.

 

Der "Wasser und Bodenverband" wird durch einen Vorstand und einen Sielachtsausschuß geleitet. Alle zwei Jahre finden Wahlen zu diesem Ausschuß statt. Die Zahl der Ausschußmitglieder ergibt sich aus der Fläche des zu entwässernden Gebietes, wonach ein Ausschußmitglied auf 1000 ha kommt. Derzeit gibt es im Ausschuß 24 Mitglieder. Alle fünf Jahre wird ein neuer Vorstand mit einem Obersielrichter als Vorsteher gewählt. Im Vorstand sitzt je ein Vertreter der früheren Sielachten. Die Rheider Deichacht und die Sielacht Rheiderland betreiben eine Bürogemeinschaft mit zwei Mitarbeitern in Weener. Außerdem werden derzeit zwei Arbeiter für die Gewässerunterhaltung beschäftigt. Die Hälfte der Gewässer wird von den Landwirten und Grundstückseigentümern selbst gereinigt, die andere Hälfte wird an Unternehmer der Umgebung zur Reinigung vergeben. Die Schöpfwerke sind in der Regel automatisiert und werden von Rentnern oder Teilzeitbeschäftigten nebenberuflich betreut. In Soltborg ist ein hauptberuflicher Schöpfwerksmeister beschäftigt, der sich auch um die anderen Schöpfwerke kümmert.

 

Jeder Grundstückseigentümer im Rheiderland hat zur Unterhaltung der Deiche und der Entwässerungsanlagen neben den finanziellen Beiträgen auch "Hand- und Spanndienste" zu leisten. Die finanziellen Beiträge werden aus der Größe des Grundstückes bemessen. Die Siel- und Deichachten sind als Kommunalverbände dazu berechnet. Während die Notwendigkeit dieser Beiträge den Einheimischen klar ist, gibt es leider oft bei den Zugereisten darüber Meinungsverschiedenheiten.

 

 

Quellenangaben:

Internet:

http://www.rheider-deichacht.de/

http://www.nlwkn.niedersachsen.de

 

 

Literatur:

  • Die Acht und ihre sieben Siele, Band II, Kommissionsverlag Gerhard Rautenberg, Leer, 1963/1987, ISBN 3-7921-0365-6