Entwässerungstechnik und Küstenschutz

im Rheiderland

 

Geschichte

 

Heute ist der Küstenschutz wichtiger denn je. Aus den Erfahrungen und den tragischen Fehlern der Vergangenheit, die zum Entstehen des Dollarts und dem Untergang vieler Dörfer führten, wurde gelernt. Die Naturgewalten und damit die Sturmfluten haben der norddeutschen und niederländischen Küste oft großen Schaden zugefügt. Dadurch wurde die Notwendigkeit des Deichbaus immer dringlicher. Die Erfahrungen, die bei der verheerenden Sturmflut von 1962 gemacht wurden, als der Deich in Völlen brach und es auch durch Unterspülungen fast bei Pogum soweit gekommen war, flossen in die völlig überarbeiteten Küstenschutzpläne ein. Die Deiche wurden neu konzipiert und nach moderneren Gesichtspunkten neu angelegt. Anfang der 1990er Jahre wurden die Deiche nochmals erhöht.

 

Deich bei Soltborg

Schafe auf dem Deich

 

Diese neuen Deiche schützten uns vor der großen Sturmflut vom 28.01.1994, die die gleiche Höhe der Flut von 1962 erreichte. Am 01.11.2006 kam es zu einer erneuten Sturmflut, die wesentlich höher war als die vorherigen. Die Deiche hielten dem Druck stand. Dadurch, daß nichts Schlimmeres passierte, ist der Küstenschutz und der Deichbau, die die Sicherheit der Menschen die in ihrem Schutz leben garantieren, heute weitgehend aus dem Bewußtsein der Bevölkerung verschwunden. Während der Deichbau und die Entwässerung der tiefer liegenden Gebiete bei den Küstenbewohnen nach wie vor einen hohen Stellenwert einnimmt, zeigen die zunehmenden Auseinandersetzungen mit Naturschützern sowie Landes- und Bundesbehörden, vor allem im Bezug auf die Finanzierung, daß sich viele Menschen der weitreichenden Bedeutung des Deichschutzes immer mehr verschließen.

 

Sturmfluthöhen der letzten Jahrhunderte
Hinweisschild am Schöpfwerk Sankt Georgiwold

Hinweisschild und Flutmarke
Schöpfwerk Sankt Georgiwold

 

Solchen Vorkommnissen muß auch in Zukunft vorgebeugt werden. Die Sorge um die Deiche und Siele ist eine wichtige Aufgabe. Oft wird der Schutz der Deiche auch völlig außer Acht gelassen, wenn z.B. ein neues Kreuzfahrtschiff der Papenburger "Meyer-Werft" die Ems passiert. Tausende Besucher und Schaulustige strömen dann trotz Betretungsverbot auf die Deiche und hinterlassen danach eine zerstörte Deichkrone und Deckschicht - vom Müll ganz zu schweigen. Wann immer dies geschieht, ist es wichtig, daß der Landkreis die Bevölkerung darauf hinweist.

 

Anzeige in der Zeitung "Rheiderland" vom 19.06.2009 anläßlich der Überführung eines Kreuzfahrtschiffes der Meyer-Werft, Papenburg, über die Ems, zu der Tausende zumeist auswärtige Besucher erwartet wurden.

 

 

Deichtore ("Diekgatt") im Rheiderland

 

Deiche sind nicht nur Hindernisse für das Seewasser, sondern auch für Fahrzeuge und Fließgewässer. Schon vor Jahrhunderten ließ man daher in die Deiche, wie bei einer alten Stadtmauer, Tore einbauen. Es kam nur darauf an, diese auch bei einer Sturmflut so gut zu sichern, daß sie auch noch zusammen mit dem Deich standhielten. Es wurden kleine und größere Sieltore eingebaut oder Holzbohlen in Scharten eingelegt, die in den Stützmauern eingebaut waren. Viele der alten Tore waren nach heutigem Standpunkt nicht sicher, also baute man neue, modernere Deiche und ließ die alten Deiche als "Schlafdeiche", also als Schutz in der zweiten Reihe, stehen.

 

Altes Diekgatt (Deichtor) in Heinitzpolder
Blick nach Kanalpolder

Altes Diekgatt (Deichtor) in Heinitzpolder
Blick nach Heinitzpolder

 

 

Neues Diekgatt (Deichtor) im Emsdeich
beim Schöpfwerk Soltborg

Neues Diekgatt (Deichtor) im Emsdeich
beim Schöpfwerk Soltborg

 

 

Flutmarke und ehemalige Scharten
am Haus des Schöpfwerksmeisters

Alte Deichtore beim Schöpfwerk in Soltborg
 

 

 

 

Alte Entwässerungstechnik im Rheiderland

 

 

"Fluttermühle" (niederländisch auch "Tjasker")
Kleine Wasserschöpfmühle mit archimedischer Schraube

"Fluttermühle" (unbespannte Flügel)
Im Hammrich bei Sankt Georgiwold

 

Die Fluttermühle (niederländisch "Tjasker") im Hammrich zwischen Weenermoor und Sankt Georgiwold ist ein Nachbau der in dieser Gegend früher häufig verwendeten Entwässerungsmühlen. Diese wurden oft an tiefgelegenen Orten eingesetzt um das sich dort sammelnde Wasser in höher gelegene Gräben und Kanäle zu leiten.

Der Nachbau in Weenermoor hat aber heute eine gänzlich andere Funktion. Die Mühle entwässert nicht, sondern bewässert ein wiedervernäßtes Naturschutzgebiet.

 

 

Alte Wasserschöpfmühle
 am Wynhamster Kolk

Die Mühle steht mit 2,51 m unter NN
 am tiefsten Punkt Niedersachsens

 

Die Wasserschöpfmühle Wynhamster Kolk  wurde 1804 als Erdholländer gebaut und steht in Ditzumerverlaat im Norden des Rheiderlandes. Sie entwässert noch heute den Wynhamster Kolk (Teich, See), der 2,51 Meter unter NN liegt und damit der tiefste Punkt Niedersachsens ist. Das zu entwässernde Gebiet hat eine Größe von etwa 160 ha. Das Wasser wird wie bei der Fluttermühle (Tjasker) mit einer archimedischen Schraube in das höher gelegene Sieltief  geleitet.

 

Auslaß in das Sieltief (Kanal)

Wassereinlaß an der Mühle

 

 

Wassereinlaß mit Pegelmarke
 

Unter den Abdeckungen befindet sich
 die archimedische Schraube

 

 

 

Altbewährte Entwässerungstechnik im Rheiderland

 

In den Hammrichen des Rheiderlandes wurden über die Jahrhunderte hinweg verschiedene Entwässerungstechniken angewandt und immer wieder verbessert. Noch heute sind sie überall zu finden und werden nach wie vor genutzt. Auch mit dem modernen Deichbau, dem Ersatz der alten Siele durch den Bau der Schöpfwerke in der Mitte des 20. Jahrhunderts, hat sich daran nichts geändert. Nach wie vor müssen nach größeren Regenfällen die Wassermengen abgeleitet werden. Bedingt durch die tiefe geographische Lage der Hammriche (oft unter NN) kommen immer noch altbewährte Methoden zum Einsatz.

 

Wenn Sie mehr zum Hammrich in Weenermoor und Sankt Georgiwold wissen möchten lesen Sie bitte weiter.

 

 

Wolkenformation über Weenermoor

Regenwolken über dem Hammrich

 

Die großen Wolkenformationen, die von der Nordsee kommend ins Land ziehen, bringen oft in kürzester Zeit enorme Wassermengen. Aus diesem Grund ist eine gute Entwässerung der tiefgelegenen Weideländereien wichtig.

 

"Gööt" (hier Längsrinne)
 in einem Weideland in Weenermoor

"Gööt" (hier Querrinne)
 in einem Weideland in Weenermoor

 

Fährt man heute die Hammrichstraßen entlang, kann man ab und zu in den einzelnen Weiden kleine Längs- und Querrinnen sehen. Oft muß man genau hinschauen oder bis zur Erntezeit warten, wenn das Gras gemäht wurde. Diese kleinen Rinnen nennt man auf Plattdeutsch "Gööt". Sie dienen der Drainage der Ländereien und führen Regenwasser in die Gräben ("Schloote") ab. Wegen der modernen landwirtschaftlichen Maschinen werden diese Rinnen mehr und mehr durch Drainagerohre ersetzt, sodaß die Flächen danach eben sind.

 

Kleiner "Schloot" (Graben) in Weenermoor

Größerer "Schloot" (Graben) in Weenermoor

 

Die Gräben seitlich der einzelnen Ländereien werden "Schloote" genannt. Sie sind recht unterschiedlich und können sowohl schmaler oder breiter sein. Die Gräben nehmen das abfließende Regenwasser der Weiden auf  und leiten es in die größeren Zuggräben ("Togschloot") ab. Es hängt von der Größe der Gräben ab, ob dort auch Viehtränken (Weidepumpen) aufgestellt werden können.

 

"Togschloot" (Zuggraben)
Blick nach Sankt Georgiwold

"Togschloot" (Zuggraben)
Blick nach Weenermoor

 

Die größeren Zuggräben werden "Togschloot" genannt und dienen als Vorfluter der Sielacht Rheiderland. Die "Togschloote" sammeln die Wassermengen und führen sie in die größeren Kanäle "Tiefs" ab. Sie dienen auch über Weidepumpen zur Tränke der Rinder und Kühe. 

 

Kleines Stauwehr im "Togschloot"
am Wynhamster Kolk

Größeres Stauwehr im "Dwarsdeep"
im Weenermoorer Hammrich

 

Der Wasserstand in den Tiefs und den Togschlooten ist von Ebbe und Flut abhängig und muß daher reguliert werden. Dies geschieht über kleine und größere Stauwehren. Dadurch können die Ländereien nach größeren Regenmengen schneller entwässert werden. Bei trockeneren Tagen wird durch Bewässerung die Viehtränke verbessert.

 

"Dwarsdeep" (Quertief) bei Dreehusen
Blick nach Sankt Georgiwold

"Dwarsdeep" bei Dreehusen
Blick nach Weener

 

Die größeren Sammelkanäle werden "Tiefs" oder auf Plattdeutsch "Deep" genannt. Sie sind die nächste Stufe der Entwässerung. Die ersten Kanäle dieser Art wurden bereits im 13. Jahrhundert zur Entwässerung angelegt und noch heute im Gebrauch. Sie münden in die "Sieltiefs".

 

Das Groß-Soltborger Sieltief
Blick nach Sankt Georgiwold

Das Groß-Soltborger Sieltief
Blick nach Soltborg

 

Die Sieltiefs führten einst, wie der Name schon sagt, zu den Sielen in den Deichen.  Heute übernehmen moderne Schöpfwerke diese Arbeit. Durch sie ist der Wasserstand besser zu kontrollieren und der Küstenschutz besser gewährleistet.

 

Sieltief und Sieltor bei Dyksterhusen

Das erneuerte Siel bei Dyksterhusen

 

Bei Dykstehusen im nördlichen Rheiderland ist ein restauriertes und funktionstüchtiges Siel in einem alten Deich zu sehen. Alte Deiche werden heute als zweite Verteidigungslinie gegen Sturmfluten genutzt und "Schlafdeiche" genannt. Die Tore dieses Siels wurde in der ursprünglichen Form von der Rheider Deichacht und der Sielacht Rheiderland wiederhergestellt. Auf dem Bild sind die Fluttore gut zu erkennen, die sich bei Ebbe öffnen und bei Flut schließen.

 

 

 

Neue Entwässerungstechnik im Rheiderland

 

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden im Rheiderland bessere Siele gebaut. Ihre einfache Technik ermöglichte es, das Land bei Ebbe durch das Öffnen der Tore zu entwässern. Bei Flut schlossen sich die Tore wieder. In den Wintermonaten wurden die Sieltore in der Regel offengelassen, damit die Ländereien überschwemmt wurden. Dadurch erhoffte man sich, durch Schlickablagerungen die meist sauren Böden fruchtbarer zu machen. Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde diese Praxis beibehalten. Bereits im 19. Jahrhundert erkannte man die Notwendigkeit, den Küstenschutz und die Entwässerung der Weiden zu verbessern. Es wurden erste Schöpfwerke gebaut, die ihre Pumpen mit Dampfmaschinen betrieben. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Technik deutlich verbessert, sodaß heute elektrisch betriebene Pumpen diesen Dienst tun.

 

 

Das Schöpfwerk Großsoltborg

 

Blick durch das Diekgatt (Deichtor) im Emsdeich
auf das alte Schöpfwerk Soltborg

Das alte Schöpfwerk von Soltborg
Baujahr 1934

 

1751 wurde zur besseren Entwässerung ein Siel in Großsoltborg errichtet. Um diese Technik zu verbessern, errichtete man 1894 ein Dampfschöpfwerk am Emsdeich. Mit der Einführung neuer Techniken und einer besseren Konzeption des Küstenschutzes entschloß man sich Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Bau eines nachfolgenden zweiten Schöpfwerks. 1934 wurde dann die Vereinigte Groß-Soltborger Sielacht gegründet.

 

Das heutige Schöpfwerk Soltborg
Auf dem Ständer sind zwei zusammengeschweißte
Propeller des alten Schöpfwerkes von 1934 zu sehen

Das Schöpfwerk Soltborg
Baujahr 1978
 

 

 

Schöpfwerk Soltborg
Blick von der Emsseite

Schaufelrad des alten Dampfschöpfwerkes
Soltborg von 1894

 

 

Das Unterschöpfwerk Sankt Georgiwold

 

Die Schöpfwerke bewährten sich im Rheiderland und so baute man in den Jahren 1961/62 das Unterschöpfwerk in Sankt Georgiwold. Zur Entlastung des Schöpfwerkes in Soltborg errichtete man 1965 ein weiteres, das Unterschöpfwerk Buschfeld bei Weener. Da das alte Schöpfwerk in Soltborg nicht mehr zeitgemäß war, wurde es 1978 völlig umgebaut und erweitert.

 

Das neue Schöpfwerk in Sankt Georgiwold 1961

Das Schöpfwerk im Jahr 2009

 

Das Unterschöpfwerk Sankt Georgiwold gehört zum Bezirk III der Sielacht Rheiderland – Unterschöpfgebiet B. Es wurde in den Jahren 1961 und 1962 gebaut. Das Einzugsgebiet des Schöpfwerkes St. Georgiwold umfaßt 1309 ha.

 

Leistung der beiden Pumpen:

1. Pumpe: 975 Liter/Sekunde

2. Pumpe: 1520 Liter/Sekunde

 

Die jährliche Schöpfleistung beträgt ca. 8 Millionen cbm.

 

Das Schöpfwerk wurde 2008 in die Route des "Radwanderweges zu historischen Plätzen" aufgenommen

Viele Schulklassen lassen sich die Be- und Entwässerungstechnik erklären.

 

Das Unterschöpfwerk Sankt Georgiwold wurde 2008 in den "Radwanderweg zu historischen Plätzen" aufgenommen. Regelmäßig werden Schulklassen über die Bedeutung des Küstenschutzes sowie der Be- und Entwässerungstechnik informiert. Am Schöpfwerk selbst sind Schautafeln und Flutmarken angebracht, die über das Schöpfwerk und die Wasserstände der letzten Sturmfluten berichten.

 

Wenn Sie mehr zum "Radwanderweg zu historischen Plätzen" wissen möchten lesen Sie bitte weiter.