Die Haseborg

Eine Häuptlingsburg bei Weener

 

 

Vorwort

 

Im Norden von Weener stand bei Buschfeld an der Ems noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine uralte Bauernburg, die Haseborg. Sie war einst auf einer Warft an einer Emsschleife gebaut uns hatte vor ihrer erstmaligen urkundlichen Nennung als "Umeborg" im Jahr 1447 sicher schon ältere Vorgänger. Über Jahrhunderte diente sie verschiedenen großen Häuptlingsgeschlechtern als Sitz und wurde so zu einem bekannten Stammhaus von heute weitverstreuten Familien im Rheiderland, Ostfriesland und den Niederlanden. Diese Jahreszahl gilt heute auch als das Gründungsjahr der ehemaligen Gemeinde Kirchborgum. Vermutlich war die Umeborg der Ausgangspunkt einer neuen Siedlung am Emsufer.

Im Jahr 1912 mußte Haseborg wegen der geplanten Begradigung der Ems zu Schiffahrtszwecken zwangsweise an den Staat verkauft und abgebrochen werden. Damit endete ein wichtiger Teil der Ortsgeschichte Weeners und Kirchborgums.

 

 

Herkunft des Namens

 

Wilhelm Siebrands Itzen, Ratsherr und Bürgermeister a. D. von Weener, schrieb 1930 in einem Aufsatz über die Besiedelung des Reiderlandes, daß die Namen der Warfdörfer fast ausschließlich auf "-um" und  kleinere Warfsiedlungen fast alle auf "-borg" oder "-weer" enden. Er rechnete alle drei zur Gruppe alter friesischer Siedlungen und als solche hätten diese sicher unter den Sturmfluten zu leiden gehabt.

 

Die Endung "-borg" ist oft verbunden mit "Steinhäusern", die zu Zeiten der Häuptlingsherrschaft errichtet wurden. Ende des 14. Jahrhunderts hatten die Sturmfluten nicht nur das Land zerstört, sondern nach und nach auch die friesische Staatsstruktur, die auf die Verwaltung der "Seelande" in sogenannten "Gauen" ausgerichtet war. Während dieser Schwäche des Regierungssystems rissen lokale Großgrundbesitzer immer mehr politische Macht an sich und nannten sich fortan "Häuptlinge". Sie bauten ihre Häuser im Gegensatz zum übrigen Volk aus Steinen. Das war in Ostfriesland eine Besonderheit, da es hier eigentlich keine Steine gab - sie mußten erst aus Ton/Klei gebrannt ("gebacken" = Backsteine) werden. Einfache Bürger konnten sich solche Häuser nicht leisten und so blieb die Bezeichnung "Steinhaus" oder "Stins", oft in Verbindung mit der Endung "-borg", gleichbedeutend mit einem Häuptlingssitz.

 

Die "Umeborg" wird als Stammzelle der späteren Ortschaft und Gemeinde Kirchborgum gesehen. Kirchborgum wird auf alten Karten meist nur "Borgum" genannt. Möglicherweise hielt man sich an die friesische Namensgebung "-borg" für eine kleinere Siedlung oder einem Steinhaus und fügte bei der Erweiterung des Ortes ein friesisches "-um" für ein Dorf an.

 

Die Benennung "Hase" für die Ems war nicht abwegig, da auch bei einem Landkauf in den Kontrakten-Protokollen des Amtes Leerort der Ausdruck "an dat Haseuver belegen" fällt.

 

 

Standort

 

Die Haseborg war ein bedeutender "Heerd" (Anwesen) mit vielen dazugehörigen umliegenden Ländereien. Sie lag einst auf einer höheren Warf in einer Emsschleife, was daraus schließen läßt, daß das Anwesen schon bedeutend älter sein könnte. An dieser Stelle brachen während der Sturmfluten im 14. Jahrhundert die Deiche und ließen einen Nebenfluß der Ems, die (Weener-) "Geise", entstehen. Damit war auch eine natürliche Grenze zwischen Weener und Borgum (dem späteren Kirchborgum) entstanden. 1494 ließ Graf Edzard den "Muusdiek" errichten, kein eigentlicher Deich sondern eher ein Sperrwerk, der die Geise von der Ems abschnitt und verlanden ließ.

 

Die Haseborg auf einer Warf gelegen

Karte des Generalmajors von Le Cog (Lecogne) 1805

Nach dem Original des Topographischen Dienstes in Delft/Niederlande (Ausschnitt)

Herausgegeben vom Niedersächsischen Landesverwaltungsamt Hannover - Landesvermessung - 1984

 

Die eigentliche Haseborg, die bis zu ihrem Abbruch 1912 auf einer großen Warf in der Emsschleife stand, wurde wahrscheinlich Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts dort errichtet. Zu dieser Zeit wurde der Bereich neu eingedeicht. Die Warf war noch bis ins 19. Jahrhundert mit einem großen Graben umgeben.

Die Warf war recht groß und es sollen dort neben den Hof- und Wirtschaftsgebäuden zeitweilig auch andere Häuser gestanden haben. Diese wurden möglicherweise ebenfalls "Haseborg" genannt und machen die genaue Erforschung der Zugehörigkeit recht schwierig.

 

Die Haseborg (Hazeborg) und die Kötherei (Weener Vorwerk)

Quelle: "Topographischer Atlas des Königreiches Hannover und Herzogtums Braunschweig"

von August Papen 1842 (Blatt 18 - Ausschnitt)

Staatsbibliothek zu Berlin - Stiftung Preußischer Kulturbesitz

 

 

Die Lage der Haseborg bis zum Abbruch 1912

Königlich Preußische Landes-Aufnahme 1898

"Meßtischblatt" Nr. 2810 (Ausschnitt)

 

 

Geschichte der Haseborg

Von der "Ummyngheborch" zur "Haseborg"

Text von Mathilde Ites (gekürzt)

 

Älteste Quellen

Aus einem Kaufvertrag zu Emden aus dem Jahr 1484 geht hervor, daß der Hausbesitzer Wybeth Lubkens to Gareborch und "Kercfoghet tho Ummeborg" mit der Zustimmung von Herrn Egghen in "der tydt kercher tho Ummeborg" ein in Emden gelegenen Haus, welches Werneke tor Oversteborch der Kirchengemeinde Ummeborg (später Kirchborgum) 1437 geschenkt hatte. Die Warf und die Ummeburg sind also schon älter. Die erste gesicherte Nennung der „Umeburch“ stammt aus dem Jahr 1447. Ulrich Cirksena (später von Kaiser Friedrich III. zum Reichsgrafen von Ostfriesland erhoben) kaufteLyuppo (to) Ummeburch (sicher Wybeth und Abben to Ummeborgs Vater) mit einem namhaften Betrag aus der Gefangenschaft in Groningen frei. Das läßt darauf schließen, daß die Familie ein gutes Verhältnis zum Grafenhaus hatte. Eine frühere Nennung des Ortes als „van den Barch“ 1325 ist historisch-wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt.

 

Durch eine Anzahl wertvoller Urkundenabschriften aus den vom Heimatforscher Anton Koolmann 1945 geretteten Grundakten zu Weener und aus einer Akte des Staatsarchivs Aurich wird unser Wissen über die Ursprünge der späteren Haseborg wesentlich bereichert. Dort heißt es: Ein Nachkomme (wie anzunehmen) des Gründers "Vmme" ("Umme" oder "Hume"), Memme Hommen (auch "Menne Hummen" geschrieben) und Etta "syn echte wyff" (seine Ehefrau) verkaufen 1469 zu Leer ein "Werffe zu Ummyngheborg" an Ude Hitken upt Wolth.

 

Der Name Umme oder Humme war in der damaligen Zeit keine Seltenheit. Die "Ummeborch" wurde im Münsterschen Pfarregister von 1475 als "Huweghenborch" (Humeghenborch) geführt. Zu Ummeborg zeugen im 15. Jahrhundert auch Einwohner, die zum Teil mit den von Heikes im "Emder Jahrbuch" von 1954 genannten Geschlechtern der Tadnings, Lyupkens, Dyurkens von Reide, die ihr Land in den Dollartfluten verloren hatten und nach Emden geflohen waren, übereinstimmen.  Dieser Personenkreis hat hier eine neue Existenz gefunden. Es bot sich durch die günstige Lage am Wasser die Gelegenheit, Handelsbeziehungen zum Emsland aber auch nach Emden zu unterhalten. Zu diesen Reiderländer Familien sind in Emden mehrere Verträge, Protokolle, Ehestandsregister und Einträge im Bürgerbuch der Stadt Emden bekannt. Noch 1584 waren die Familienmitglieder als "Handelsluede" eingetragen.

 

Die eigentliche Haseborg

Eine Urkunde von 1484 berichtet über einen Landtausch des Wybeth von Ummyngheborch und Bawe "echte ghezynnen" (seine Ehefrau) mit dem Johanniter-Ordenshaus zu Yemghum (Jemgum). Die Brüder Wybeth und Abben haben mit Siwke ein Stück Land eingedeicht. Die Eheleute Wybeth und Bawe geben den fünften Anteil Bawes vom elterlichen Erbe in Holtgaste und vom Werfe in Soltborg, daneben Wybeths Anteil am neu eingedeichten Land ("nye Ynnynghe") ab und erhalten dafür genau bezeichnete Stücke Landes und ein "Gras to Umyngheborg" als Zugabe "vorthmer (ferner) dat Land hyrto horende nu tor tydt buten dykes unde under deme water sketlyke gheleghen". Auf diesem neuerworbenen Außendeichsland ("buten dykes") lag auch nach der Kettler'schen Amtsbeschreibung von 1735 die 1636 "neu" erbaute Kirche (von Kirchborgum) mit der Pastorei.

 

Die eigentliche Haseborg, die bis zu ihrem Abbruch 1912 auf einer großen Warf in der Emsschleife stand, wurde wahrscheinlich Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts dort errichtet. Zu dieser Zeit wurde der Bereich neu eingedeicht. Die Warf war noch bis ins 19. Jahrhundert mit einem großen Graben umgeben.

 

Das Gebiet um die Haseborg  gehörte in damaliger Zeit zur politischen Gemeinde Kirchborgum. Kirchlich gehörten die Bewohner aber zur Kirchengemeinde Weener, was auf viel ältere, uns heute nicht bekannte Grundbesitz- und Wohnrechte schließen läßt. Die Benennung "Hase" für die Ems war nicht abwegig, da auch bei einem Landkauf in den Kontrakten-Protokollen des Amtes Leerort der Ausdruck "an dat Haseuver belegen" fällt.

 

Zweimal Haseborg?

Die Warf war recht groß und es soll dort neben den Hof- und Wirtschaftsgebäuden zeitweilig auch ein weiterer Bauernhof gestanden haben. Dieser wurden möglicherweise ebenfalls "Haseborg" genannt und macht die genaue Erforschung der Zugehörigkeit recht schwierig.

 

Das geht aus einem Testament des Tede Mennen thor Haseborgh aus dem Jahr 1650 hervor. Es wird ausgeführt, daß er ab 1604 alleiniger Besitzer des ererbten Heerdes, "Die Haseborg" benannt, war. In den Kontrakten-Protokollen steht aber eine Eintragung folgenden Inhalts:

 

Wybrandt Luppen, Heuermann von Haseborg, hat dem Besitzer salige Ede Ubben Geld geliehen; Ede Ubben ist gestorben. Sein Sohn Hero Edens mit seiner Frau Gabricht leihen tausend Thaler an, zum Teil für sich, vor allem aber, um die Schulden ihres Vaters Ede Ubben zu dämpfen. Ohne Zweifel hat sich damals also ein zweiter Heerd gleichen Namens in der verwandten Familie Eden/Ubben zu Weener befunden.

 

Der Name "ter Haseborg"

Mit der Herkunftsbezeichnung "ter Haseborg" läßt sich 1535 zum ersten Mal Hindrik Siwken als Zeuge zu Emden eintragen. In ältesten Protokollen des eigenen Amtes Leerort hatte man sich stets mit "to Borgen" begnügt, auch beider Familie Siwken. Ein Johan Siwken (auch Sevken oder Siwarden geschrieben) ter Haseborg kauft 1573 einen Heerdt Landes mit "sin tobehoer" zu Hilkenborg. Ein erwachsener Sohn Tole leiht im nächsten Jahr für seinen im hohen Alter stehenden Vater Restkaufgelder an. Er und Sybo, Heerdbesitzer aus Hilkenborg (1575 wird seine Witwe Hayke genannt) waren nahe Verwandte. Seyde, Sybos Schwester aus Hilkenborg, die mit ihm zusammen 1564 erwähnt wird, war mit Wiard Aldrichs aus Weener verheiratet und hatte fünf Söhne (Remeth, Aylth, Mentit, Winne und Wiarth). Die einzige Tochter Foelke war in erster Ehe mit dem jung verstorbenen Hewo von Aylingweer, einem Bruder des Drosten Rentke Crummings und des Licentiaten Uko Sparringa, verheiratet.

 

Vergleiche mit mehreren Eintragungen lassen erkennen, daß ab 1585 / 1590 zwei verschiedene Männer des Namens "Menne Wiardes" in Weener lebten und sogar einmal beide dieselbe Urkunde unterzeichneten. Der eine wird als Menne Wiardes ter Haseborg bezeichnet, der andere schlicht als Menne Wiardes. Letzterer wird aber als Sohn von Wiard Aldrichs (Mentit) bezeichnet, auch mit seiner ihn überlebenden Frau None und einer Tochter Seyde Mentits. Diese war war noch lange Jahre als ledig, verheiratet und dann verwitwet in den Kirchenrechnungen von Weener aufgeführt. Durch diese Namensgleichheit am selben Wohnort sind sippenkundliche Irrtümer vorgekommen.

 

Menne Wiardes thor Haseborgh

Seit 1562 tritt Menne Wiardes thor Haseborg(h) als prominente Persönlichkeit seiner Zeit in zahlreichen Urkunden an die Öffentlichkeit. Er tritt als Beistand, Zeuge und Vormund auf, auch selbst prozeßführend, ferner allein oder zusammen mit seiner Frau Etta Land kaufend oder (wie wir heute sagen) flurbereinigend oder das Resterbe im Näherkaufsrecht an die Verwandtschaft abgebend.

 

Ein stark abgetretener Grabstein im Chor der Sankt-Georgskirche zu Weener galt stets als Stein des Hopmans Menne Wiardes thor Haseborg. Einige Worte wie "ter Haseborgh" usw., vor allem aber das Allianzwappen: drei (2:1) Lilien und ein gezahnter Querbalken auf der Mannesseite, der Crumminga'sche Löwe auf der Frauenseite, sind deutlich erkennbar.

 

Die Wappen der Familien ter Haseborg und Crumminga

Werk des Heraldikers Ebo Pannenborg

 

Durch Zufall konnten der vollständige Text und das restliche Wappen des Grabsteines geklärt werden, deren Abschrift sich im Besitz einer niederländischen Familie befanden. Der Text im Vergleich mit dem auf dem Grabstein stimmte genau überein:

 

"Anno 1603 in december is de ehrenverte und Manhafte Menno thor Haseborgh und in 1616 in Augusti dessen huesfrawe de ehr und doegetsame Ette Crumminga in den Heren entslapen und verwachten alhir eyne salige uperstandung".

 

Die bekannten nach ostfriesischer Sitte auf den Vater hinweisenden Zwischennamen "Wiardes" und Haykens" sind ebenso wie die Geburtsdaten 1520 und 1530 wohl aus Raummangel eingespart worden.

 

Menne (oder auch Menno), 1520 in Weener geboren, war ein Angehöriger der Siwken-Familie und kann nur ein Sohn des Wiard Siwken sein, der seit 1520 "to Weener in den Middelverde" namentlich bezeugt wird. Er und seine Frau Anna erlebten in ihrer noch jungen Ehe schwere Jahre und verkauften mehrfach kleinen Landbesitz.

Etta (auch Ette) oder Etta Haykens von Midlum war, wie nachgewiesen wurde, die einzige Tochter der Tyacke von Aylingaweerum aus deren kurzer zweiter Ehe mit Mester Hayko. Daher konnte sie ihre berechtigten erheblichen Erbansprüche in Stapelmoor und Bunde nachweisen.

Mennos Schwester Grete Wiardes heiratete ihren Vetter Hayke Siwken. Deren Tochter Anna (oder Anneke) setzt in ihrem Testament zu Emden im Jahr 1631 die Verwandtschaft ter Haseborg als Haupterben ihrer Besitztümer in Kirchborgum und Böhmerwold ein, weil ihre 1597 erwähnten Kinder bereits nicht mehr lebten.

 

Harckenroth weiß zu berichten, daß der in seinem Leben oft so tief enttäuschte Graf Johan von Ostfriesland 1590 als Mann seines Vertrauens den Hopman Menno ter Haseborg aus Weener zum "Capitain" des Amtes Stickhausen einsetzte, wegen seiner Abstammung aus alter ostfriesischer Familie. Das geht aus einer Reihe Akten und Urkunden hervor, die im Staatsarchiv zu Aurich zu finden sind.

 

Das Erbe wird geteilt

Als Nachkommen des Menne Wiardes thor Haseborgh (verstorben 1603) und seiner Ehefrau Etta Haykens Crumminga (verstorben 1616) sind fünf Kinder bekannt: Wiard, Tyacke, Hoytet, Anna und Thede Mennen ter Haseborgh. Die Kirchenrechnungen weisen 1604 und 1617 Einzahlungen des Thede Mennen ter Haseborgh über Bestattungen aus.  Wohnhaft zu Weener errichtet er 1642 zu Leer mit seiner Frau Zehrte Dyurtz ein Testament. Thede hatte seiner Frau bei der Hochzeit im Jahr 1604 den Heerd "Die Haseborgh" benannt, als Hochzeitsgabe überschrieben. Sie sollte zeitlebens alle seine Güter genießen. Nach ihrem Tode aber

 

"soll der Heerd Landes 'Die Haseborgh' seinen nächsten Anverwandten, als weilandt Herrn Doktor Zernemanns Witwe Etten und gleichfalls weilandt Herrn Capitän Folpt Harringas Witwe (Jevste von Hatzum) oder an deren Stelle ihren Kindern ohne Einkürzung wieder restituiert und überantwortet werden. Meines seligen Bruders Kinder Syben und (T)Etten Hoyken und meiner seligen Schwester Töchter Tede und Hayke müssen jeder 200 Thaler von meinem Erbe erhalten..." usw.

 

Diese Auszahlung ist von Etto ter Haseborg, der Witwe Zernemann, durch den Amtmann Bucho Wiarda 1668 zu Leer erfolgt nach "neulichem " Absterben der Zehrte Diurtz. Es quittieren: Haytet Siebens "ut best van min vader", Etta (Tetta) Haykens, Menno Yagens (von Nüttermoor), Jan Siebens " van wegen myn huesfrou".

 

Streit ums Erbe

Die um 1665/67 verstorbene Zehrte Diurtz zu Weener war hochbegütert (ihr Ehemann hatte neben einem Heerd noch ein Geschäft für Baumaterialien) und hatte nach einem Streit mit ihrer Nichte Etta schon 1656 alle ihre Habe ihrem Vetter Alrich Luppen, Schüttemeister und Brauer zu Leer Leer überschrieben und sich lebenslanges Wohnrecht vorbehalten. Unterlagen über diesen Erbstreit mit Etta (Witwe Zernemann) und Jevste von Hatzum (Witwe Harringa) und deren Erben fehlen jedoch.

 

Etta und Jevste hatten noch als Ehefrauen 1631 von ihrer Moye (Tante) Anneke Haykens gemeinsam einen Heerd in Kirchborgum geerbt, um den seit 1570 der über vier Generationen dauernde Prozeß mit der Familie Crumminga geführt wurde.

 

Anscheinend haben die Zernemanns in guten Verhältnissen gelebt. Der Vice-Hofrichter Dr. Henrikus Zernemann verkauft 1630 "mit seiner Frau Etta Wiardts zu der Haseborch ihren im Westen des Norder Syhls und dem gräflichen Grasshause nahe bei dem Teiche (=Deiche) belegenen Heerd von 25 Dachmet (Heuermann Focko Doden)". Etta hat auf dem ihrer Heimat so nahen Heerd zu Kirchborgum noch einige Jahre selbst gewohnt und ließ dort nach einer nicht bekannten Teilung noch ein zweites Haus errichten.

 

Von der Familie ter Haseborg tritt zum ersten mal 1677 wieder ein Menne Sybens ter Haseborg auf, während sein 1672 verstorbener Vater Sybo Hoytken niemals so eingetragen verzeichnet steht. Vielleicht hat er aber noch so die Übernahme des Heerdes für den jüngsten Sohn in die Wege leiten können.

Menne Sybens ter Haseborg leiht auf seinem geerbten Hof 1677 und 1684 Gelder an. Es schein, als ob ihm später, im Gegensatz zu seinem Bruder Hoytet Sybens die Möglichkeit gefehlt habe, mit seiner Frau Hille Glücksgüter zu sammeln. Nachkommen hatten die beiden nicht, als Vormünder aber Nichte und Neffen zu betreuen. Mennes Schwester, Ocke Sybens, verheiratet in erster Ehe mit Focko Franzen (verstorben 1680), hatte nach dem Tode ihrer Schwiegermutter den Pferdehändler Albert Brechtezende geheiratet und ihm in dieser zweiten Ehe noch fünf Kinder geboren. Die Gebrüder Sybens beenden 1702 in einem Vergleich mit ihrem Schwager Albert Brechtezende einen Prozeß um das Erbe ihrer drei Mündel Franz, Sybo und Susanne Focken, die inzwischen volljährig waren und selbst geheiratet hatten. In den Kirchenakten von Weener zeichnet Franz Focken "vor myn moeder Ocke Siebens" neben Hoytet Siebens ter Haseborg und Menne Siebens ter Haseborg. Ein dritter Bruder, Jan Siebens ter Haseborg, war bereits in jungen Jahren gestorben. Seine drei Kinder mit dem Namen "Janssen" oder deren Nachkommen werden von Menne Siebens ter Haseborg 1726 mit Legaten bedacht.

 

Neue Eigentümer der Haseborg

Durch die Regelung der Erbschaft und der damit verbundenen Auszahlung  der inzwischen sehr großen Familie scheint das Vermögen der ter Haseborgs sehr gelitten zu haben. Aus dem Nachlaß des Menne Siebens ter Haseborg (verstorben am 4. August 1728) ist ersichtlich, daß ein Großteil der Ländereien verkauft worden war. Auch der ererbte Heerd "Die Haseborg" war weg. Das geht aus einem eigenhändigen Bericht des Vogtes Lucas Claessen hervor. Immerhin vererbte Menne 1728 seinen sonstigen Besitz zu Weener und anderes im Werte von 14.800 Gulden an die jüngsten Söhne seiner Nichte Susanne Focken, Ehefrau des Jan Temmen. Susanne war 1709 nach der Geburt ihres Sohnes Menne und ihr Mann kurz darauf verstorben. Ihre fünf kleinen Kinder waren daher auf die Fürsorge der Verwandten angewiesen. In diesem Sinne müssen auch die Bestimmungen des Testamentes verstanden werden, nämlich die Bevorzugung der beiden Großneffen Focko Janssen ter Haseborg, der nach sechsjährigem Studium in Holland 1729 als Pastor in Mitling-Mark einzog und Menne Janssen ter Haseborg, dem die Hauptbesitzungen in Weener vorab zufiel. Als Träger seines alten Namens wurden sie die Stammväter der noch heute weitverbreiteten Familie des Namens "ter Haseborg".

 

Die Haseborg ist allem Anschein nach im Eigentum der Familie Zernemann geblieben, obwohl die ter Haseborgs dort gewirtschaftet haben. Möglicherweise haben sie den Hof zwischenzeitlich aber auch wieder "zurückgeerbt". Das ist jedoch Spekulation. An wen genau der Heerd "Die Haseborg" nach dem Verkauf (vor 1728) durch die mit der Familie ter Haseborg verwandte Familie Zernemann ging, ist nicht bekannt.

 

Am 20. September 1746 kaufte Hinrich Gryze von dem Kapitän Rudolf Carl Stiesser und Carl Ludewig Heiland et Consorten die Haseborg für 6500 Reichstaler ostfriesisch. Die Familie Gryze hatte bereits in den Jahren zuvor einige Ländereien von der Familie ter Haseborg erworben. Hinrich Gryze gehörte zu der alteingesessenen und einflußreichen Familie Gryze (Grijze) und war der Urururgroßvater des letzten Eigentümers der Haseborg. 1912 mußte die Familie Gryze Land und Hof wegen der geplanten Emsbegradigung an den Fiskus verkaufen.

 

 

Aussehen

 

Über das genaue Aussehen der Haseborg ist nicht viel bekannt. Sie war ein Bauernhof, deren Bewohner auch (zeitweilig) Seehandel betrieben. Genaue Beschreibungen des Hofes oder der Warf sind nicht bekannt. In Zeitungsausschnitten 1912 wird nur davon gesprochen, daß der Hof "gewaltige Kellergewölbe" und "dicke Mauern" besaß.

 

Es existieren jedoch zwei Ölgemälde eines unbekannten Malers, die die Haseborg zeigen. Eines stellt sie von der Landseite (siehe unten), das andere von der Seeseite, also von der Ems her, dar. Beide Gemälde befinden sich im Besitz des Nachkommen Jan Remmer ter Haseborg, Buchholz bei Hamburg.

 

Die Haseborg bei Weener um 1900

Gemälde eines unbekannten Künstlers

 

Die eigentliche Haseborg, die bis zu ihrem Abbruch 1912 auf einer großen Warf in der Emsschleife stand, wurde wahrscheinlich Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts dort errichtet. Zu dieser Zeit wurde der Bereich neu eingedeicht. Die Haseborg soll sehr dicke Mauern und gewaltige Kellergewölbe gehabt haben. Die Warf war noch bis ins 19. Jahrhundert mit einem großen Graben umgeben. Da sie recht groß war, sollen dort neben den Hof- und Wirtschaftsgebäuden zeitweilig auch andere Häuser gestanden haben.

 

 

Das Wappen der Familie ter Haseborg

 

Das Wappen der Familie ter Haseborg beruht auf einem viel älteren Vorgänger. Der Heraldiker Ebo Pannenborg entwarf das neue Wappen und schreibt in seiner Begründung wie folgt:

 

"Auf einer Grabplatte in der reformierten Kirche in Weener befindet sich das Wappen des Menne Wiardes ter Haseborg, geboren 1520, gestorben 1603, Hopmann und Grundbesitzer und seiner Ehefrau Etta Haykens Crumminga, geboren 1530 zu Emden, gestorben zu Weener 1616. Sie war die erbin des Crummingaschen Besitzes in Weener. Während das Wappen des Ehemannes noch zu erkennen ist, sieht man auf dem Wappen der Ehefrau in dem geteilten Schild nur noch den oben befindlichen wachsenden Löwen der Crumminga. Auch in Scheemda (Niederlande) befinden sich noch Grabsteine der ter Haseborgs.

 

Die Wappen der Familien ter Haseborg und Crumminga

Werk des Heraldikers Ebo Pannenborg

 

Nach der Entdeckung auch eines Crumminga'schen Wappen auf einem Grabstein in Scheemda, konnte das Crummings'sche Wappen rekonstruiert werden. Über die Crummingas gibt es sehr viel genealogisches Material, da sie recht verbreitet war. Bekanntester Vertreter dieser Familie war Dr. Geldericus Crummings (1590 - 1655), der seine Bücher der Großen Kirche in Emden vermachte und damit den Grundstock zu dieser weltberühmten Bibliothek schuf. Die Familie Crumminga ist 1670 vollständig ausgestorben.

 

Die neuen Wappen wurden auf Veranlassung von Herrn Everwien ter Haseborg, Weener, entworfen. Da der Schild nur ohne Farben festzustellen war, wurden diese sowie Helm und Helmzier in Verbindung mit Herrn ter Haseborg festgelegt und so ein Vollwappen erstellt."

 

Das Wappen der Familie ter Haseborg in Weener

Werk des Heraldikers Ebo Pannenborg

 

Beschreibung des Familienwappens

In Silber ein schwarzer Gegenzinnenbalken. Zwischen den Zinnen oben zwei, unten in der Mitte eine schwarze Lilie. Auf dem Helm mit schwarz-silberner Decke zwei schwarze Büffelhörner, belegt mit vier silbernen Mühlenflügeln.

 

 

Das Ende der Haseborg

 

Ende des 19. Jahrhunderts begann während der "Gründerzeit" der wirtschaftliche Aufschwung vor allem in den preußischen Landesteilen. Die bestehenden Industrien des Ruhrgebiets wurden ausgebaut und es entstanden immer neue Industriezweige. Viele der Industrieerzeugnisse wurden vor allem auf dem Seeweg transportiert. Binnenhäfen wie z. B. der Hafen von Duisburg wurden ausgebaut und viele Schiffahrtskanäle gebaut. Bekannteste Kanäle sind in unserer Region der Ems-Jade-Kanal (eröffnet 1888), der Dortmund-Ems-Kanal (eröffnet 1899) und der Mittellandkanal (Baubeginn 1905).

Die Ems zog sich dagegen immer noch gemächlich in vielen oft sehr engen Schleifen durch die Landschaft. Sie hatte außerdem viele unterschiedliche Tiefen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde an der Ems die "Eigenschiffahrt" betrieben. Kleine Händler hatten ihre flachbödigen Schiffe vor allem an den Sielmuhden liegen und betrieben von dort aus einen mehr oder weniger florierenden Handel mit dem Emsland, mit der Hafenstadt Emden oder gar den Niederlanden. Diese Form der Schiffahrt kam zum erliegen, lebte aber noch einmal um 1896 auf.

Mit der Zunahme des Warenumschlags auf den Kanälen und der Ems wurde es nötig, größere Schiffe einzusetzen. Die Ems war dazu streckenweise aber nicht geeignet. 1898 beschloß man daher, die Ems an den schwierigsten Stellen zu begradigen. Damit begann ein bis heute umstrittenes Thema der Emswirtschaft.

 

Mit dem Beschluß, die Ems auch zwischen Weener und Leer zu begradigen, waren die Tage vieler oft uralter Bauwerke gezählt. Neben der Haseborg, die, wie schon erwähnt, auf einer Halbinsel in der Emsschleife stand, mußten auch viele Ziegeleien weichen, die Außendeichs standen. Im Bereich der heutigen Einheitsgemeinden Weener und Westoverledingen wurden zwei große Emsschleifen beseitigt. Da die Ems auch eine politische Grenze war, blieben die Grenzen auch nach der erfolgten Begradigung erhalten. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden diese dem Fluß angepaßt.

 

Die Haseborg mußte an das Deutsche Reich zwangsverkauft werden. Am 01. Mai 1912 begannen schließlich die Abbrucharbeiten. Die restlichen Steine und Holz wurden als Baumaterial versteigert oder verkauft. Damit war eine jahrhundertealte Ära beendet.

 

 

Die Mühle in Möhlenwarf

 

Im oben gezeigten und neu gestifteten Wappen der Familie ter Haseborg sind auf der Helmzier vier silberne Mühlenflügel zu sehen. Der Stifter, Herr Everwien ter Haseborg, war Müller in Möhlenwarf.

Im Jahr 1899 ließ Everwien ter Haseborg in Möhlenwarf eine neue Mühle errichten. Bei dem Bau fanden Teile einer Mühle Verwendung, die in Leer an der Leda abgebrochen wurde. Diese im Jahr 1831 erbaute Visser'sche Mühle gehörte einst zu den ansehnlichsten Mühlen Ostfrieslands. 1920 übernahm der Sohn Everwien ter Haseborg den Betrieb.

1949 erwarb ein Neffe (der dritte Everwien ter Haseborg) die Mühle von seinem Onkel, da dessen Sohn nicht aus dem 2. Weltkrieg zurückgekehrt war, und kaufte sie 1962. Er betrieb die Mühle, eine Bäckerei und ein Lebensmittelgeschäft. Im Jahr 1972 wurde der Mühlenbetrieb eingestellt. Die Bäckerei und das Lebensmittelgeschäft wurden noch bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts betrieben.

 

Die Mühle und das Wohnhaus der
Familie ter Haseborg in Möhlenwarf

Foto aus dem Jahr 1909

Im Vordergrund Müller Everwien ter Haseborg

 

 

Quellen:

 

Mathilde Ites

"Die ostfriesische Familie ter Haseborg"

in: "Quellen und Forschungen zur ostfriesischen Familien- und Wappenkunde", Heft 3 / 1954

 

Isa Ramm

"Arbeiten des Heraldikers Ebo Pannenborg"

in "Unser Ostfriesland", "Ostfriesen-Zeitung" vom 08.01.1992

 

E. Groeneveld

"Die Haseborg bei Weener"

in: "Nachrichten zur Geschichte der Familie Groeneveld", Band II. 1912, S. 58

und: "Upstallsboom-Blätter", 2. Jahrgang 1912, Nr. 3 + 4, X. 829

 

D. Hensmann

"Die Familien von Hatzum und ter Haseborg"

in: "Der Deichwart" Nr. 36, Zeitung "Rheiderland" vom 09.09.1967