Der Hessepark in Möhlenwarf

 

 

Vorwort

 

1880, ein Jahr nach der Gründung der Hesse-Baumschulen wurde von Kommerzienrat Hermann Albert Hesse (1852-1937) der private Hesse-Park gegründet. Das Gelände diente vorrangig als "Testgelände" für Pflanzen aller Art im Sortiment der Hesse Baumschulen. Hier konnte man erkennen, ob die Sorten reinwaren und einen schönen Wuchs hatten. Damit garantierte Hesse seinen Kunden eine stets gleichbleibende Qualität.

 

Der Park umfaßte ein etwa 10 Hektar großes Gelände mit einer vielfältigen und  einzigartigen Pflanzenmischung. Es gab dort ein Jagdhaus, einen Pavillon (Teehaus), einen Seerosenteich mit einer Laube und eine Rosenwiese mit zehntausend Rosenstöcken. In dem Privatpark wurden in der Regel nur auswärtige Gäste und Kunden eingelassen. Ab und zu war der Park aber auch für die Bevölkerung zugänglich.

 

Nach dem Tode Hesses 1937 wurden die Hölzer verkauft und der Park verkam. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde der Park dann abgeholzt. Seit 1950 entstanden auf dem Gelände Einfamilienhäuser, Sportplätze und eine Schule.

 

 

Der Gründer und sein Park

Hermann A. Hesse

 

Der Kommerzienrat Hermann Albert Hesse (1852 - 1937), der 1879 die später weltberühmten Baumschulen in Weener gründete, kam als Erbe seines Onkels Ludwig in den Besitz eines landwirtschaftlich genutzten Anwesens in Möhlenwarf. Dort entstand nach 1880 der Park auf einer Fläche von etwa 10 Hektar. Es war das Grundstück zwischen der heutigen Straße "Am Park" und der ehemaligen Mühle (später Gemüsefabrik Anton Fokken, danach Küchenstudio Hemmes).

 

Die Lage des Parks in Möhlenwarf

Königlich Preußische Landes-Aufnahme 1897

"Meßtischblatt" Nr. 2809

 

Wie eng die Errichtung des Parks in Möhlenwarf mit dem Aufbau der Baumschulen in Weener zusammengehört, geht aus einem Artikel hervor, der 1927 in der Gartenbaufachschrift "Die Gartenwelt" erschienen ist:

 

"Es wäre Herrn Hesse nicht möglich gewesen, aus dem Nichts im Laufe eines Menschenalters eine Baumschule von Weltruf zu gründen, wenn ihm hierfür nicht ein großes fachliches Wissen im Verein mit einer starken organisatorischen Begabung zur Verfügung gestanden hätte. Die größte Gewissenhaftigkeit bei der Prüfung der versandreifen Gehölze auf Güte und Sortenechtheit bildete die Grundlage für die Entwicklung des Baumschulbetriebes zu einer Weltfirma. Um die Holzarten auf Wuchs und Echtheit zu prüfen und Irrungen zu vermeiden, legte er den Park in Möhlenwarf an. Dabei galt es, möglichst schnell einen wirkungsvollen Schutz gegen die ewigen Winde in Ostfriesland zu schaffen. Deshalb ließ Herr Hesse den größten Teil des Parkes waldartig zusammenhängend mit Fichten und eingesprengten Eichen bepflanzen.

Bei der Bepflanzung mit wertvollen Holzarten kam dem Besitzer der Umstand zu Hilfe, daß der Boden an der Südwestseite des Parkes 3 - 4 Meter tief abgetragen wurde, um das erforderliche Schüttungsmaterial für die Herstellung des Bahndammes Weener-Bunde zu erhalten. Somit bot sich die Möglichkeit, viele auf größere Bodenfeuchtigkeit angewiesenen Nadelgehölze, immergrüne Holzarten, sehr viele Stauden und Zwiebelgewächse zur Anpflanzung heranzuziehen, die vorher bei der Trockenheit des Geländes nicht in Betracht kamen."

 

Was alles im Park anzutreffen war, schildert Pastor i.R. Peter Petersen in einem

 

 

Gang durch den Park in Möhlenwarf

zwischen 1920 und 1930

 

Der Park war eingezäunt mit Wall und hohem Maschendrahtzaun. Zum Windschutz war der Maschendraht abgedichtet mit Reet- oder Strohmatten. An der Straßenseite gab es zwei eiserne Eingangstore, das erste mit einer Fußgängerpforte bei Klasens Haus, das zweite führte in die Kastanienallee.

 

Eingang zum Park

Haus des Parkwächters Klasen (später Spekker)

Die Kutsche des Herrn Kommerzienrat

Kutscher Dirk Olthoff

 

Man konnte nicht immer hinein. Wenn das Eingangstor offen war, stand meistens hinter Klasens Haus die schwarze Kutsche. Dann war der Herr Kommerzienrat da, und der wollte nicht gestört werden. Wir machten dann unseren Spaziergang um den Park herum. Es gab auch Zeiten, wo der Zutritt ganz verboten war. Dann hatte sich der alte Herr geärgert über Schäden, die Besucher angerichtet hatten. Aber mit der Zeit pflegte ein solches Verbot wieder gelockert zu werden.

 

Kommerzienrat Hesse und seine Gäste Gäste auf dem Steg zur "Gräserinsel"

 

Ostwärts von Klasens Haus, also vom Eingang aus links, war ein Gemüsegarten und ostwärts von der Kastanienallee in gleicher Tiefe eine Obstwiese.

 

An Klasens Haus vorbei betreten wir also den Park und stehen zunächst vor einem wunderschönen quadratischen Holzhäuschen in dunkelrotbraun. Das ist das "Jagdhaus". Das flache Schrägdach mit den Randverzierungen zieht sich bis über den Balkon, der um das ganze Haus herumführt. Durch das Fenster sieht man nicht viel vom Innenraum, einen sehr blank gebohnerten Fußboden, Tisch und Stühle und einen wunderschönen Geschirrschrank. Dieses Jagdhaus ist eingebettet in eine Blütenpracht von Fuchsien aller Art, auch hochstämmigen. Dazwischen stehen einige Lilien. Das Ganze scheint eingetaucht in einen weichen Halbschatten unter einem lichten Fichtendach.

 

Das "Jagdhaus" mit Fuchsienbeeten Das "Jagdhaus" mit bewachsenen Fichten

 

Der Weg rechts um das Jagdhaus herum führt südwestlich in den Tannenwald. Wir gehen um einen Baum herum, an dem mehrere Wege sich treffen, und kommen, vorbei an Pflanzkästen, in denen Tannensämlinge zu bewundern sind, an den Randweg.

 

Der Weg hinter dem "Jagdhaus" Dort gab es ungewöhnliche Sitzbänke

 

Dieser beginnt hinter Klasens Haus und folgt in etwa acht Metern Abstand dem Außenzaun. Mit ihm biegen wir nach rechts in die westliche Ausbuchtung des Parks. Hier ist ein weniger gepflegtes Waldgelände. Kurz vor der Südwestecke gibt es einen kurzen Bogen nach links, dann geht es ein wenig bergab und der Weg scheint in einem dichten Taxusgebüsch (Eibe) zu enden.

 

Das Gelände am Außenzaun Das Gelände am Außenzaun

 

Wir finden dort aber den Treffpunkt zweier breiter Wege, die eine Gruppe von Tulpenbäumen einschließen. Hier sind wir an der Südwestseite einer großen Parkwiese. Wir lassen die Tulpenbäume rechts und haben bald zur linken Hand einen Steingarten, dahinter einige riesige Edeltannen, deren Zapfen nicht hängen, sondern senkrecht stehen.

 

Die "Hundehütte" Rhododendron in allen Farben

 

Der Weg biegt in nördlicher Richtung und läuft an der berühmten Hundehütte aus Taxus vorbei auf eine breite Treppe zu. Die führt auf eine Terrasse, an der der "Pavillon". Von hier aus - es stehen dort einige Gartenstühle - haben wir eine gute Übersicht über die Wiese mit ihren Einzelbäumen, Blumenbeeten und Buschgruppen. Links ist sie begrenzt von Nadelbäumen oder vielleicht besser schlanken Nadelbüschen, die wir "Englische Tannen" nennen. Sie haben sehr lange und weiche Nadeln, aber Kiefern sind es nicht. Rechts davon ist eine Buschgruppe am Wiesenrand. dahinter ragen zwei vielleicht fünf Meter hohe Gewächse auf. Das sind die "Schlangenbäume", Kakteen mit Ästen, die sich wie Schlangen winden und von stacheligen Schuppen bedeckt sind. Jenseits der Wiese leuchtet ein Meer von Rhododendron, wenn Blütezeit ist.

 

Gäste beim Teehaus im Park

Der Pavillon (Teehaus)

 

Wir verlassen die Terrasse an der Ostseite über die andere Treppe. Der Weg führt nun nördlich etwas bergan zum Randweg zurück. Wir biegen aber, zunächst noch unten, nach Osten ab. Das Stück mit den "Englischen Tannen" ist von kleinen Gräben umgeben, die meist trocken sind. Ein Stück bergauf durch den Wald, dann geht es im rechten Bogen wieder nach unten und wir sind auf dem zweiten Wiesenweg, haben nun rechts die "Schlangenbäume" in der Nähe und links den Rhododendronberg, davor eine zweite Hundehütte aus Buchsbaum.

 

Blick in den Park von der Terrasse des Pavillons aus Die Rosenwiese

 

Wir gehen ihn aber nicht zu Ende, wo dann wieder die Tulpenbäume sind, sondern betreten, wieder durch ein dichtes Taxusgebüsch, den "Laubengang". Ein oben rundes graues Eisengestänge ist von allerlei Ranken bewachsen, auch Weinreben sind dabei. Der Laubengang führt südlich um den Rhododendronberg herum bis zu den "Weißen Stühlen". Damit ist ein Aussichtshügel gemeint, der eingefaßt und also überdacht ist von engstehenden Laubbäumen und auf dem weiße Gartenmöbel stehen. Hier sieht man auf den Rhododendronberg, am Rande kleine und in der Mitte hohe Büsche, hat auch einen schönen Durchblick auf die Terrasse mit dem Pavillon, ganz eingebettet in grünen Busch.

 

Parkwiese mit Einzelbäumen Rhododendron und andere Büsche

 

Von den weißen Stühlen müssen wir dann wenige Meter nördlich, dann ostwärts auf engem Weg durch dichte Büsche. Wo das Dickicht aufhört, geht dann unmittelbar am Busch entlang der Fußweg nördlich hinauf etwa zum südlichen Endpunkt der Kastanienallee. Wir folgen aber dem Fußweg in östlicher Richtung durch eine Fläche von Pflanzkästen und Aufzuchtbeeten - das sind "die  Stauden" - übersteigen einige vermutlich als Schneckenzaun gedachte, etwa 30 cm hohe Steinplatten und haben nun den etwa birnenförmigen Seerosenteich vor uns.

 

Blick auf die Staudenbeete Blick auf den Seerosenteich

 

Ein paar Stufen hinab und wir sind auf dem Weg, der den Teich umrandet. Unmittelbar vor uns an seiner schmalen Westseite kann man über einige Steine die kleine runde Insel erreichen, auf der allerlei Gräser wachsen. Die Böschung ringsum hat verschiedene, dorthin passende Gewächse. Nm Nordufer schauen wir nach, ob der Sonnentau vielleicht gerade ein Insekt verzehrt.

 

 
  Blick von der Laube über den Seerosenteich Kommerzienrat Hesse bei seiner Inspektion

 

An der Ostseite geht es sieben oder acht Treppenstufen hinauf. Dort stehen wir vor einer offenen Laube, in der auf dem hölzernen Fußboden ein Peddigrohrsessel steht. Die runde Laube hat ein spitzes Reetdach und ist mit einer Kette abgesperrt.

 

Kommerzienrat Hesse mit Gästen Die Laube
   
Der Seerosenteich mit Laube Ein Weg führte am Seerosenteich vorbei zur Laube

 

Südlich davon geht es ein paar Stufen hinauf auf eine Aussichtsplattform aus geteertem Holz, etwa 4 x 5 Meter groß. Hier sind wir an der äußersten Südostecke des Parks und haben die Aussicht über die Eisenbahn hinweg auf die Meentelande bis nach Holthusen hin.

 

Der Waldweg mit Knollenbegonien Blütenpracht am Waldweg

 

Wieder an der Laube vorbei geht es dann auf etwa gleicher Höhe in nordwestlicher Richtung auf einem Waldweg weiter. Wir biegen bald ab in spitzem Winkel in nordöstliche Richtung. Rechts ist der Waldboden voll von Anemonen, die im Frühjahr einen weißen Blütenteppich bilden. Dann sehen wir links im Gebüsch den "Goldfischteich". Dahinter, gleich nach der Einmündung eines Weges von lins (das soll der alte Postweg sein von Holland her über Beschotenweg und dem Püttenbollen in Richtung Weener) geht es etwas aufwärts auf einen kleinen Hügel von dem aus wir über den Außenzaun hinweg einen freien Blick haben zum Püttenbollen. Noch ein leichter Bogen nach links durch die Tannen und bald haben wir die Rosenwiese vor uns.

 

Wege führten um den Teich herum Waldweg beim Goldfischteich
   
Die Brücke über den Goldfischteich Der "Hochsitz"

 

Eine gute Übersicht ist gegeben auf einer Plattform, etwa einem Hochsitz gleich, aber durchaus bequem über eine Treppe zu besteigen. Die Rosenwiese ist von breiten Wegen durchzogen. An jeder Seite der Beete sind Wege angelegt, etwa 150 cm breit.  In den Beeten sollen 10.000 Rosenstöcke stehen, so sagte man, und zwar gibt es nach jedem Meter wieder eine andere Sorte. Das ist dann im Sommer eine großartige Farbenpracht, weiß, gelb und rot in vielen Tönungen bis hin zu einem ganz tiefen Dunkelrot. Diese "schwarze Rose" erscheint uns fast unnatürlich, aber sie ist da. Hier und da fängt sich der Blick an einer hohen Tanne oder an einem schön gewachsenen Laubbaum. Eingerahmt ist die Wiese von dem Tannenwald, aus dem wir kamen, den Kastanien der Allee, an der Nordseite von den Bäumen der Obstwiese und den Bäumen und Büschen davor. An der Ostseite sieht man das Gehölz, in dem sich der östliche Außenzaun hinzieht. An der Nordostseite de Wiese sehen wir übrigens einen gleichen "Hochsitz".

 

Gärtner Markus
mit einer hochstämmigen Rose
Die "Schwarze Rose"
war vor allem für die Kinder faszinierend

 

Nach einem Gang durch die Rosen verlassen wir an der Nordwestecke die Wiese, überqueren die Kastanienallee und haben wieder den Fuchsiengarten mit dem Jagdhaus vor uns. Wir grüßen noch eben bei Klasens und sind dann wieder auf der Straße. So oder in umgekehrter Richtung haben wir, meist sonntags zwischen der Kirchzeit und Mittag, oft einen Gang durch den Park gemacht."

 

 

Das Ende des Parks

 

Der Park war Privatbesitz, den Herr Kommerzienrat Hesse fast täglich aufsuchte. Wie es im Park aussah, ist den Einwohnern Möhlenwarfs weniger bekannt gewesen als auswärtigen Gästen, die zum Teil von weit her zur Besichtigung kamen. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn es den Park noch gäbe, wäre er sicherlich der Öffentlichkeit zugänglich.

 

Die dem Kommerzienrat Hesse nach seinem Tode 1937 nachfolgenden Eigentümer konnten oder wollten sich wegen des später ausbrechenden Krieges nicht mehr um den Park kümmern, wie dieser das verdient hätte. So ergab es sich, daß nach und nach die hochgewachsenen Bäume gefällt und das Holz verkauft wurde. Die Zeitumstände ließen nicht an ein Nachpflanzen denken. Was im Park noch übriggeblieben war, verschwand in den schweren Nachkriegsjahren als Brennmaterial.

 

Bereits 1950 befaßte sich der Gemeinderat in einer Sitzung mit dem Vorschlag, das Parkgelände für Bauzwecke freizugeben. Der Wohnungsbedarf insbesondere der Flüchtlinge und Vertriebenen war groß. Inzwischen ist dort eine große Siedlung entstanden. Sie hat eine Grundschule mit Turnhalle, zwei Sportplätze, ein Dörfergemeinschaftshaus und einen Kindergarten. Die Straßennamen "Am Park" und "Parkstraße" halten die Erinnerung an den ehemaligen Hesseschen Park lebendig.