Die Poelachten und ihre Poelrichter

Ein Teil alter ostfriesischer Selbstverwaltung

 

 

Vorwort

 

Vor einigen Jahren fand ich in einem Archiv einen alten Zeitungsartikel aus der „Ostfriesen-Zeitung“, Ausgabe Emden, vom 18. August 1911. Der Artikel hatte den Titel "Poolacht und Poolrichter - Eine etymologische und geschichtliche Untersuchung" von Chr. H. Lottmann. Der Bericht machte mich auf ein längst vergessenes Thema aufmerksam, das in großen Teilen Ostfrieslands bereits um 1911 nicht mehr aktuell war.

 

Die bäuerliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit selbst vor dem Herrschaftshaus war ein Teil der alten friesischen Freiheit. Bauern und Dorfbewohner regelten ihre Angelegenheiten selbst. Aus ihren Kreisen wurden Poelrichter und Schüttmeister gewählt, die so gut wie alle Bereiche des Dorflebens beaufsichtigten. Nur in Ausnahmefällen zog man Richter zu Rate, die ihrerseits ebenfalls gewählt worden waren. Die Richter waren reiche und einflußreiche Großgrundbesitzer oder Häuptlinge. Von ihnen gab es drei im alten Reiderland.

 

Mit dem Verkauf der ehemaligen Gemeindeweiden (Meentelande) und der Neuregelung des Entwässerungswesens (Schaffung von Siel- und Deichachten), vor allem nach der Regierungsübernahme der Preußen im Jahr 1744, verloren die Poelachten immer mehr an Bedeutung. Das Ganze wurde durch die französische Besatzungszeit um 1800 und die Herrschaft der Hannoveraner (1815 - 1866) noch verstärkt. Seit 1866 gehörte Ostfriesland wieder zu Preußen. Danach war die friesische Freiheit der unabhängigen Selbstverwaltung endgültig vorbei. An die Stelle der Poelachten traten nun Weidegenossenschaften und Meentelandkommissionen.

 

 

Die Herkunft des Namens

und geschichtliche Quellen

 

Der Name Poelrichter (auch "Poolrichter") setzt sich aus den Worten "Poel" oder "Pool" für "See" oder "Tümpel" und dem Wort "Richter" als "Gerechter" zusammen. Als solcher war er ursprünglich für alle Belange der Gemeindeweiden zuständig.

 

Nach Stürenburgs „Wörterbuch“ von 1857 bedeutet „Pool“ stehendes, von Land eingeschlossenes, jedoch nicht zu großes Wasser, das  hochdeutsch „Pfuhl“, (Pfütze oder Sumpf), angelsächsisch "Pul", englisch "Pool", keltisch "Poul", isländisch "Pollr" und lateinisch "Palus" (Sumpf) genannt wird.

 

In Herders "Conversations-Lexikon" von 1857 wird der Aufgabenbereich eines "Pohlrichters" in Ostfriesland mit der Aufsicht über die Wasserbauten eines "Sprengels" (Bezirkes) angegeben. Dieser Bezirk wird dann auch "die Pohlschaft" (Poelacht) genannt.

 

Die Germanisten Agathe Lasch und Conrad Borchling erklärten in ihrem Werk "Mittelniederdeutsches Handwörterbuch" (1928-1934) Band II Seite 1621f, ein "Pfuhlrichter" sei ein Gemeindebeamter, der die Entwässerungsanlagen eines Bezirkes beaufsichtigt. Als Belegtexte wurden Passagen aus dem "Ostfriesischen Bauerrecht" angeführt:

 

"die pohlrichters sullen alle beesten und gansen deß sommers twemahl uphalen, umme tho vornehmen, offter ook fremde beesten ... manck sin" aus dem Jahr 1574, OstfriesBauerR. 123 (Die Pohlrichter sollen alle Rinder und Gänse zweimal im Sommer zählen, um festzustellen, ob fremde Tiere dabei sind)

 

"solle alle jahren auß jeder kluft ein, und also vier pfuhlrichter sein ... die pfuhlrichtern sollen auf die gemeine wege ... guthe aufsicht halten" aus dem Jahr 1688, OstfriesBauerR. 150

 

Lasch und Borchling nennen in ihrem Werk auch eine Rysumer "Pfuhlrichterordnung" aus dem Jahr 1688 "rysumer pfuelrichter-ordnung renoviret den 21. septembris 1688", die im OstfriesBauerR. 150 veröffentlicht wurde. Sie war eine Sammlung rechtlicher Regelungen zu Amt und Aufgaben des "Pfuhlrichters".

 

Das "Ostfriesische Bauerrecht", Abkürzung "OstfriesBauerR", auch "Ostfriesische Bauerrechte" wurden 1964 erneut von Wilhelm Ebel herausgegeben. - Aurich : Verlag Ostfriesische Landschaft, 1964. - XVIII, 184 S. (Quellen zur Geschichte Ostfrieslands ; 5)

 

Im „Saterfriesischen Wörterbuch“ von Marron C. Fort von 1980 wird das Wort „Poul“ für einen Pfuhl oder Sumpf genannt. Im „Plattdeutsch-Hochdeutschen Wörterbuch“ des Instituts für niederdeutsche Sprache von 1993 bezeichnet das Wort „Pohl“ (bzw. „Pool“) einen Pfuhl, eine Pfütze, einen Tümpel, einen Teich, ein Wasserloch oder einen Sumpf.

 

Im Rheiderland wurde dafür das Wort „Poel“ benutzt. Im Rheiderland übernahm der „Poelrichter“ auch die Verwaltung und die Aufsicht über die „Meentelande“ (Gemeindeweiden) sowie deren Verpachtung an die zahlreichen Kleinbauern und die Unterhaltung im Auftrage der Gemeinde.

 

 

Poelrichter, Bauerrichter und Schüttemeister

und ihre Aufgabenbereiche

 

Reduziert man die Aufgaben der Poelrichter, Bauerrichter und Schüttemeister auf die ursprünglichen Tätigkeiten, so war der Poelrichter für die Entwässerung der Gemeindeweiden von überschüssigem Wasser und die ausreichende Tränke der Weidetiere zuständig. Ein Schüttemeister hatte die ursprüngliche Aufgabe, die Gemeindeweiden abzuzäunen und den Weideauftrieb zu kontrollieren. Ein Bauerrichter war ein Vertreter der Interessen der Bauern in der Gemeinde.

 

Der Name Poelrichter (auch "Poolrichter") setzt sich aus den Worten "Poel" oder "Pool" für "See" oder "Tümpel" und dem Wort "Richter" als "Gerechter" zusammen. Als solcher war er ursprünglich für alle Belange der Gemeindeweiden zuständig.

Der Schüttemeister war zunächst für die "Schütten", also Weidetore zuständig. Er überwachte den Weideauftrieb, nahm ursprünglich Weidegelder ein und verhängte auch Ordnungsstrafen.

 

In Ostfriesland bildeten sich mit der Zeit verschiedene Formen der gemeindlichen Selbstverwaltung aus. Neben den Poelrichtern (Poelachten) und Schüttemeistern gab es noch die Bauerrichter und "Kedde". Kedde waren im Brookmerland die Nachfolger der mittelalterlichen Sprecher, Verkünder oder Vollstreckungsbeamten. In den verschiedenen dörflichen Gemeinden übernahm in der Regel eine der Gruppen die Führungsrolle und damit meistens auch die Aufgaben der anderen. Aus diesem Grund ist es häufig schwierig, von einer einzigen Gruppe und deren Aufgabengebiet zu sprechen.

 

Im Lauf der Jahrhunderte änderte sich das Aufgabengebiet. Die Poelrichter übernahmen die Tätigkeiten der Schüttemeister und waren nun für den Weideauf- und -abtrieb, Weidegelder, Unterhaltung der Zäune und für die Einhaltung der Weideordnung zuständig. Daneben mußten sie dafür sorgen, daß Gräben gereinigt und die Be- bzw. Entwässerung der Weideländereien sichergestellt waren. Aufgrund der zunehmenden Verwaltungstätigkeiten (Verschriftlichung) wurden dann sogenannte Poelachten gegründet, die ihre Interessen gegenüber benachbarten Gemeinden vertraten. Man kann diese mit heutigen Genossenschaften vergleichen.

 

Die Poelrichter konnten Ordnungsstrafen für Ordnungswidrigkeiten und Rechtsbrüche verhängen, die aber eher als Gebühr und als Schadenersatz denn als Strafe anzusehen waren. Die Hälfte der Ordnungsgelder ging in der Regel an den Poelrichter, die andere Hälfte an die Gemeinde. Ziel der niederen Gerichtsbarkeit war, um den Delinquenten nicht auf längere Zeit von der Gemeinschaft auszuschließen, der Ausgleich zwischen den Konfliktparteien, nicht die Bestrafung. Überschüsse der Ordnungsgelder über eine gewisse Grenze hinaus sollten an den Landesherrn abgegeben werden, was aber kaum gemacht wurde.

 

Die Schüttemeister waren später die Sprecher der Nutzungsberechtigten der Gemeindeweide und übernahmen danach auch die Tätigkeiten von heutigen Ortsbürgermeistern oder Ortsvorstehern und waren auch als Ordnungswächter oder Dorfpolizisten tätig. Die sogenannten Bauerrichter als Vertreter von "Bauerschaften" waren im Rheiderland selten oder nicht verbreitet.

 

Cramer von Baumgarten wird 1812 von der französischen Besatzungsmacht in Leer als "Maire" (Bürgermeister) eingesetzt und ist somit der erste Leeraner Bürgermeister. In den Jahren zuvor waren die "Schüttmeister" für die Geschicke der Stadt zuständig. Der Flecken Leer war in 15 "Rott" (Bezirke) unterteilt. In jedem Rott wurde ein Schüttmeister gewählt. Der Schüttmeister in Leer war in seiner damaligen Funktion mit dem eines Verwaltungs- und Polizeibeamten gleichzusetzen. Er wurde vom Örtlichen Magistrat eingestellt und stand dem Polizeiwesen des Ortes vor.

 

Poelrichter und Schüttemeister wurden in der Regel von den Bürgern einer Gemeinde auf zwei Jahre gewählt. Es gab meistens je zwei von ihnen in einem Bezirk oder Gemeinde, die sich ihre Aufgabenbereiche aufteilten.

 

 

Die Poelacht und das Poelamt

Begriffserklärung einer ostfriesischen Institution

 

Nach Stürenburgs „Wörterbuch“ von 1857 bedeutet „Pool“ stehendes, von Land eingeschlossenes, jedoch nicht zu großes Wasser, das  hochdeutsch „Pfuhl“ (Pfütze) genannt wird. Wenngleich nun solche "Poole" (als Begriff für Sümpfe) auch in anderen Gegenden vorkommen, so gibt es doch nur in den Moorgegenden Poelachten bzw. Poolachten. Das ostfriesische Wort „Acht“ hat nach Stürenburg dreierlei Bedeutung: 1. Acht, Aufmerksamkeit, 2. die Zahl 8, 3. Korporation z. B. Deichacht, Sielacht, Theelacht; ursprünglich wohl die Sitzung, Versammlung der Deichrichter, Sielrichter, überhaupt der Interessenten (Erachtenden = meene Acht). Daher „achtbar“ von Einem, der Sitz und Stimme der Acht, in der Innung hat. (O.L.R. Seite 287)

 

Auch bezeichnet Acht gegenwärtig den geographischen Bezirk einer solchen Korporation, so daß man zum Beispiel sagte, das Moor, welches verkauft werden soll, liegt in der Heerwegs-Poolacht, Meddelwegs-Poolacht oder ähnliches. "Poelrichter" oder "Poolrichter“ nannte man seit Jahrhunderten die Männer, die von den Eigentümern (Interessenten) der in der Poolacht liegenden Moore gewöhnlich aus ihrer Mitte heraus gewählt wurden und die Aufgabe hatten, über die in der Poolacht liegenden Wege, Entwässerungsvorrichtungen usw. die Aufsicht zu führen.

 

Fragt man nun nach der rechtlichen Stellung dieser Poolachten und Poolrichter, so ist solche nicht bloß heute sehr zweifelhaft und unklar, sondern war es auch schon vor 300 Jahren. Daß man aber früher die Poolachten für Korporationen oder sogenannte Juristische Personen gehalten hat, folgt daraus, daß in den Grundbüchern zu ihren Gunsten Abgaben eingetragen stehen. Im Bezirk des Norder und Beerumer Amtsgerichts, aber auch im südlichen Rheiderland gibt es viele Grundstücke, worauf in Abteilung II an besonderen Lasten eingetragen steht: eine bestimmte Menge Roggen, Gerste oder Hafer ist an die Poolacht zu zahlen.

 

Daß die Poolrichter früher Beamte waren, ist nachzuweisen in der "Ostfriesische Historie und Landes-Verfassung“ Tom II Lib. IV Nr. 2 S. 827/828 des gräflichen Kanzlers Brenneysen. In dem Werk ist die Resolution aus dem Haagischen Vergleich von 1662 aufgeführt die auf Gravamen 41 lautet: „Es soll denen Schütte-Meistern und Pool-Richtern in ihrem Amt und Bedienung kein Eintrag geschehen, sondern man soll ihnen des Effects ihrer dieserwegen gemachten und confirmierten Rollen genießen lassen“.

 

 

Von Eingesessenen, Hausleuten, Eigenerben und Schaarbesitzern

Begriffserklärungen aus dem Rheiderland

 

An dieser Stelle ist es angebracht, einige ostfriesische Begriffe zu erklären, ohne diese der restliche Aufsatz nur schwer zu verstehen ist. Wie bereits erwähnt, war der Hauptaufgabenbereich der Poelrichter in den meisten Gemeinden die Verwaltung und Aufsicht der Gemeindeweiden (Meentelande). Die Nutzung dieser Meentelande war klar geregelt.

 

Berechtigt waren in erste Linie die "Eingesessenen", also die grundbesitzenden Einheimischen eines Kirchspiels. Sie genossen das Weiderecht auf der gesamten Fläche der Gemeindeweiden. Teilten sich mehrere Gemeinden eine Gemeinschaftsweide, wurde diese in "Schaaren" (Anteile) aufgeteilt und diese in "Schaarregistern" vermerkt. Ein "Schaarbesitzer" war also jemand, der einen Anteil an der Weidenutzung hatte.

 

In den Schaarregistern wurde aufgeführt, wieviele "volle Herde", "halbe Herde", "Verendels" und "Warfen" vorhanden waren. Die Schaarbesitzer hatten nach dieser Größenangabe Auftriebs- und Weiderecht. Die Größen setzten sich wie folgt zusammen:

Ein voller Herd = 5 Kühe (ursprüngliche Schreibung - in neueren Urkunden heißt es "volle Herde"), ein halber Herd = 3 Kühe, Verendels und Warfen = je 1 Kuh.

Anstelle einer Kuh konnten die Schaarbesitzer auch ein Fohlen und drei Enter (einjährige Rinder), oder ein Enter und ein Twenter (zweijähriges Rind) auftreiben. Zwei Pferde galten für drei Kühe usw.

 

Zur genauen Berechnung der Anteile an der Weide wurde die Berechnungseinheit "Kuhschaar" angenommen. Ein "Eigenerbe" (ein landwirtschaftlicher Vollerwerbsbetrieb) besaß also 5 Kuhschaaren. Die Gesamtzahl der Kuhschaaren auf den Meentelanden Weener-Holthusen wurde laut Schaarregister im Jahr 1574 mit 307, im Jahr 1666 mit 315 angegeben.

 

 

Organisation der dörflichen Selbstverwaltung

Politische Selbstorganisation in Ostfriesland

 

Die Landesherrschaft hatte in den Jahren zwischen 1600 und 1744 kaum eine direkte Kontrolle über die gemeindliche Selbstorganisation. Versuche der Regierung, mehr Kontrolle über die Poelrichter (Bauerrichter) und Schüttmeister zu erlangen, sind weitgehend gescheitert.

 

Die Rechtsgemeinschaft der Dörfer umfaßte nur die Hausleute oder Interessenten mit vollen, halben und viertel Plätzen. Warfsleute und ländliche Unterschichten waren von dieser Organisation ausgeschlossen. Alle anfallenden an den Hof gebundenen Lasten entfielen jedoch allein auf die Interessenten. Die Bauern vertraten auf landschaftlichen Versammlungen auch die unterbäuerlichen Schichten.

Die gewählten Bauern hatten als Beamte eine starke Stellung innerhalb der Gemeinde und bedurften keiner Bestätigung durch Landesregierung. Die eigenständige rechtliche Organisation der ostfriesischen Gemeinden bestand bis etwa 1866.

 

Die Poelacht oder Bauerschaft als „politische“ Selbstorganisation in Ostfriesland war ein Teil sich überschneidender Verbindungen innerhalb einer Gemeinde. Die Kirchengemeinde war das wichtigste Bindeglied, daneben gab es Nutzungsgenossenschaften, Siel- und Deichachten, Poelachten usw. Auch Personen aus den unterbäuerlichen Schichten übernahmen manchmal innerhalb der gemeindlichen Organisationen Posten und Aufgaben. Es gibt Beispiele für die Wahl von Schüttemeistern aus diesen sozialen Unterschichten in einzelnen Orten.

 

Die Interessenten einer Gemeinde, also die Eingesessenen, Hausleute und Eigenerben mit ihren vollen, halben und viertel Plätzen, hatten aktives und passives Wahlrecht. Das galt aber nicht für die Warfsleute. Die Realgemeinde grenzte sich damit rechtlich sehr deutlich gegen ihre Unterschichten ab. Regelmäßige Neuwahlen sicherten den Wechsel im Amt, es konnte aber auch sein, das das Amt unter allen Berechtigten rollierte.

 

Die Amtdauer der Beamten währte in der Regel ein bis zwei Jahre, selten lebenslänglich. Die Zahl der Beamten war unterschiedlich je nach Größe der Gemeinden zwischen ein und vier Vertretern. Die Aufgaben der Gemeindebeamten waren von Kirchengemeinde zu Kirchengemeinde verschieden. Meistens handelte es sich um die niedere Gerichtsbarkeit, Schiedsgerichtsbarkeit (bei Allmende- und Grenz- und Flurstreitigkeiten etc.), Wiesen- und Weide-, Gräbenschau, Kassenführung usw.

 

Streitig war aber immer schon die Frage, ob die Wahl solcher Beamten der fürstlichen Bestätigung bedürfe. Der fürstlich ostfriesische Kanzler Enno Rudolph Brenneysen, behauptet, die Bauern, die bis 1430 nur Häuptlinge und keine Grafen oder Fürsten kannten, hätten diesen fürstlichen Anspruch als ihre Freiheit beeinträchtigend immer bestritten. Es heißt hierüber in Brenneysens "Ostfriesische Historie und Landes-Verfassung“ Band 1 Buch I Kap. 9 Th. 1 §22:

Zu dem Recht, Gesetz und Ordnungen zu machen, gehöret auch, daß die Eingesessenen in den Dörfern oder Flecken über die daselbst vorfallende Dorfs- oder Fleckens-Sachen e. g. von Reparirung der Wege, von ihren gemeynen Weiden u. d. gl. unter sich ohne Confirmation des Landesherrn, oder der jedes Orts bestellten Beamten, keine sogenannte Bauernrechte machen können, vermöge Haagischen Vergleichs von 1662.“

 

 

Rechtliche Grundlagen

Vom Gewohnheitsrecht zur staatlichen Ordnung

 

Die Existenz von Poelrichtern und Schüttemeistern war eine direkte Folge des friesischen Rechts, das sich in erster Linie auf Gewohnheitsrecht gründete. Die "Friesische Freiheit" war eine regierungs- und staatslose Ordnung, die sich jeder übergeordneten Macht widersetzte. Schon aus diesem Grund kam es trotz mehrerer Versuche nie zu einer Gründung eines gesamtfriesischen Staates.

 

Nach dem Verfall der Sieben Seelande als freie "Provinzen" eines lockeren Vor-Staatsgebildes übernahmen die Großgrundbesitzer und andere reiche Personen immer mehr Macht in den Ländern. Sie wachten als "Häuptlinge" eifersüchtig über ihre Interessensgebiete. Die reichsten von ihnen übernahmen die Ämter der "Richter" und waren für die Rechtsprechung nach friesischem Recht zuständig, daß in erster Linie auf Schadenausgleich und weniger als Bestrafung ausgerichtet war.

 

Mit der Reformation und den Flutkatastrophen Mitte des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts verloren auch die Häuptlinge immer mehr Macht. Die Bürger wurden selbstbewußter und nahmen in ihren Gemeinden mehr Rechte und Pflichten in Anspruch und regelten diese selbst. In dieser Zeit wurden die Poelrichter, Schüttemeister, Bauerrichter und Kedden offizielle Träger gemeindlicher Aufgaben, obwohl es sie sicher schon vorher gegeben hat.

 

Im Jahr 1515 ließ Graf Edzard I. Cirksena, genannt "der Große" das Allgemeine Ostfriesische Landrecht aufzeichnen. Er versuchte damit die gräfliche Herrschaft des gerade vereinten Ostfriesland auch in den Gemeinden und Ämtern durchzusetzen.

 

 

Protokolle und Versammlungen

Die Aufzeichnung des Ostfriesischen Bauerrechts

 

Die Selbstverwaltung der Dorfgemeinschaften als politische Realgemeinden gründete sich auf uraltes Gewohnheitsrecht. Eine Versammlung der Poelachts-Interessenten, der Mitglieder eines "Rotts", einer "Kedde" oder Bauerschaft fand in der Regel einmal jährlich oder nach Bedarf statt. In früheren Zeiten kündigte man eine Versammlung meist durch Glockenschläge an, die dann nach alter Tradition ähnlich eines "Thing" unter freiem Himmel (im Auricherland auch auf einem Kirchhof) stattfand. In seltenen Fällen traf man sich in der Kirche selbst. Über andere Orte wird weiter nichts berichtet. Die jährlichen Versammlungen fanden häufig zu Fastnacht (z.B. in Osterloog) oder Michaelis (z.B. in Ogenbargen) statt.

 

Hauptpunkte der Versammlung waren die Rechnungslegung und eventuelle Wahlen, Neuwahlen oder Bestimmung eines Poelrichters, Bauerrichters, Schüttemeisters und ähnliches. In der Sitzung wurde die Verwendung der Einnahmen aus Weidegeldern und "Brüchen" (Ordnungsstrafen) besprochen. Ein Teil dieser Einnahmen floß in die gemeindlichen Lasten. Ein wichtiger Bestandteil der Versammlungen war das Vertrinken der überflüssigen Brüche, die oft in Form von Bier geleistet werden mußten. Während die unterbäuerlichen Schichten über die Verschwendung der Brüche beschwerten, denn sie waren zu der Versammlung nicht zugelassen, bedeutete das gemeinsame Gelage für die Berechtigten ein Ritual, das der Wiederaufnahme des Büßers in die Gemeinschaft gleichkam. Der Ausgleich sorgte für die Wiederherstellung der Gemeinschaft. Auf diese Weise konnten die innerdörflichen Konflikte meist selbst geregelt werden.

 

Die dörfliche Ordnung als uralter Teil des Gewohnheitsrechts (einer Realgemeinde) dient heute als wichtige Quelle des ländlichen Lebens. Die Dorfgemeinschaft hatte sich seit dem Mittelalter Befugnisse bewahren können, die eigenen Rechte zu wahren und weiterzuentwickeln. Sie bedurfte dafür keine Anerkennung oder Erlaubnis der Regierung oder des Herrscherhauses. Damit stellte die rechtliche Situation in Ostfriesland eine Einzigartigkeit im Römisch-deutschen und später im Deutschen Reich dar. Die Grafen und später die Fürsten von Ostfriesland versuchten mehrmals diese Tradition zu brechen, jedoch ohne Erfolg.

1721 gab es im Zuge eines absolutistischen Neuordnungsansatzes einen letzten vergeblichen Versuch des Fürsten, Einfluß auf die innergemeindlichen Ordnungen zu gewinnen. Immerhin verstärkte dieser Ansatz aber den Prozeß der schriftlichen Aufzeichnung von Dorf- und Bauerrechten, der bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts eingesetzt hatte. Einzelne Gemeinden wehrten sich zwar gegen die Forderungen des Fürsten, um das eigene Rechtswesen vor Eingriffen zu schützen. Trotzdem verdankt die heutige Wissenschaft dieser Initiative des Fürsten aber die Überlieferung etlicher Rollen zum mittelalterlich geprägten Ortsrecht.

In Ostfriesland war bereits im 16. und 17.  Jahrhundert im Vergleich zum Deutschen Reich ein Großteil der Bevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig. Heutige Wissenschaftler gehen von einem hohen Grad von Schriftlichkeit aus, der in den bäuerlichen Schichten 90 % und in den unterbäuerlichen Schichten bis zu 70 % betragen haben könnte.

 

Die schriftliche Aufzeichnung des Ortsrechts war aber nicht Voraussetzung für die Wirksamkeit und Legitimation der sozialen Ordnung. Daneben stand das Ritual mit festgelegtem Datum, festgelegten Ort und Glockenschlag und die Tradition der mündlichen Überlieferung der Ordnung auf den jährlichen Versammlungen, auf denen der Poelrichter, Schüttemeister, Bauerrichter usw. das Rechts jeweils anerkannte. Das Ritual der Übergabe an den Nachfolger gewährleistete die allgemeine Gültigkeit des als eine Art „Heiligtum“ (z.B. in Victorbur) betrachteten Dorfrechts. Die Gemeinschaft schaffte sich damit das notwendige öffentliche Gehör. Die dörfliche Ordnung wurde außerdem in vielen Gemeinden mehrmals im Jahr von der Kanzel verlesen.

 

Für die Legitimität des Orts- und Bauerrechts war die schriftliche Aufzeichnung also nicht notwendig. Der Rückbezug auf altes Recht, die Tradition der mündlichen Überlieferung, die Verknüpfung mit der Person des Poelrichters, Schüttemeisters, Bauerrichters usw. führten zur unbedingten Gültigkeit auch des mündlichen überlieferten Textes.

 

Nach dem Tod des letzten ostfriesischen Fürsten Carl-Edzard Cirksena, der mit einer brandenburgischen Prinzessin verheiratet war, fiel Ostfriesland 1744 an Preußen. Während die neue preußische Herrschaft das alte Recht zunächst noch bestehen ließ, änderte sich in den Folgejahren durch die niederländische, später durch die französische Besatzung das Ortsrecht maßgeblich. Nach dem Wiener Kongreß fiel Ostfriesland an Hannover, die ihrerseits Verwaltungsreformen durchsetzte. Nach 1866 war Ostfriesland wieder preußisch. Von da an war es endgültig mit den traditionellen Osts- und Bauerrechten vorbei.

 

 

Das Ende der Poelachten

 

Nach dem Aussterben des ostfriesischen Fürstenhauses im Jahr 1744 scheint die preußische Regierung sich um die Poelachten nicht viel bekümmert zu haben. Die Deich- und Siel-Ordnung, die unter der hannoverschen Regierung am 12. Juni 1853 erlassen wurde, handelt nur von den Deich- und Sielachten; dagegen ist von Poolachten mit keinem Wort die Rede. Weil aber in §93 bestimmt wird:

"Die allgemeine Siel-Last soll getragen werden: 1. usw. 3. von allen übrigen, in solcher Benutzung stehenden, durch die Ostfriesischen Siele abwässernden Grundstücken im Binnenlande, die 6 Fuß oder weniger über der täglichen Fluthöhe liegen. Abgegrabenes kultiviertes Moorland gehört hierher, sobald es unter diese Höhengrenze fällt und Grundsteuer zahlt.

so folgt hieraus, daß alles Moorland, so lange es noch nicht abgegraben ist, nicht zu den Siellasten herangezogen werden kann.

 

In §99 Abs. 2 heißt es denn auch ausdrücklich: "Moorland, welches nur zeitweise (zum Buchweizenanbau etc.) benutzt wird, soll von der Siellast frei bleiben."

 

Dagegen heißt es in §123:

"Für den Wasserabfluß von den außerhalb der Sielachten liegenden Grundstücken in und durch die Sieltiefe, sowie für deren etwaige Beitragspflicht zur Unterhaltung und zur Erweiterung bestehender oder zur Anlegung neuer Sielanstalten treten die Vorschriften der §§22 bis 27, 37 bis 39 und 42 des Gesetzes vom 22. August 1847 ein."

Auch dies Gesetz (über Entwässerung und Bewässerung der Grundstücke, sowie über Stau-Anlagen) kennt keine Poelachten und Poelrichter mehr.

 

Aus diesen Angaben kann geschlossen werden, daß die Poelachten zu dieser Zeit (um1855) nicht mehr als rechtsfähige Korporationen und die Poelrichter nicht mehr als Beamte angesehen werden können. Die letzteren haben eben nur dann besondere Befugnisse, wenn ihnen solche von den Interessenten einer Poelacht durch besondere Vollmacht beigelegt werden. Dies war ja auch in jedem Fall so.

Schmerzlicher war es jedoch, daß die Gerichte die Poelachten nicht mehr als rechtsfähig ansahen; namentlich in folgenden beiden Fällen:

 

Will jemand, auf dessen Grundstück zu Gunsten einer Poelacht eine Abgabe eingetragen steht, diese ablösen, so gibt es keinen gesetzlichen Vertreter, der die Löschung bewilligen kann. Entweder muß die Löschung von sämtlichen Interessenten der Poelacht bewilligt und von der Verwaltungsbehörde bescheinigt werden, daß nicht mehr Interessenten beteiligt sind, oder der Vorstand der Gemeinde, in deren Bezirk die Poelacht liegt, muß die Löschung bewilligen. Das Gericht würde den Gemeindevorstand nur dann für legitimiert halten, wenn alle Poelachtsinteressenten in der betreffenden Gemeinde wohnen, was nur selten der Fall war. Auch würde das Ablösungskapital nicht in die Gemeindekasse fließen dürfen, sondern in die Poelachtskasse, wenn sich die Interessenten nicht über das Verhältnis, nach dem es zu verteilen wäre, verständigen. Diese Unstimmigkeiten zogen sich noch etwa 100 Jahre hin, bis das Amtsgericht Leer in den 1960er Jahren die Poelachten im Rheiderland offiziell auflöste und damit ein rechtlicher Rahmen geschaffen war, alte Ansprüche aufzulösen. Teilweise kommt es heute noch vor, daß noch alte Poelachts-Rechte in Grundbüchern eingetragen sind.

 

Ein anderer Mißstand ist folgender: Infolge der fortschreitenden Abgrabung der Moore sind von Zeit zu Zeit neue Dwars-(Quer-)Wege angelegt worden. Sollte nun ein solcher Weg ein öffentlicher werden, so war es erforderlich, daß alle Anlieger ihn der Gemeinde vor Gericht auflassen. Da dies aber nicht geschehen konnte und auch sehr schwierig war, weil viele Besitzer auswärts wohnten, die Poelacht ihrerseits aber als Eigentümerin nicht mehr eingetragen werden konnte, weil sie nicht mehr rechtsfähig war, mußte das Katasteramt aus dem Weg so viele Parzellen bilden, als Grundstücke von ihm durchschnitten wurden. Als Eigentümer der betroffenen Wegeteile blieben aber die Besitzer der betroffenen Grundstücke stehen, und zwar auch dann noch, wenn ein Verkauf erfolgte und die zu beiden Seiten des Weges liegenden Parzellen an die Käufer aufgelassen wurden.

 

 

Die Poelachten im Rheiderland

und im übrigen Ostfriesland

 

Meentelande Weener, Weenermoor und Holthusen

Die "Meentelande" als Gemeindeweide erstreckte sich von Weener nach Weenermoor und im Süden bis nach Holthusen und Tichelwarf. Die Nutzung des Gebietes wurde zwischen den Gemeinden Weener, Weenermoor und Holthusen geregelt. Da es immer wieder Streitigkeiten um Wege und Grenzen gab, wurden die Anteile Weenermoors in der Ersten Meentelandsteilung herausgenommen. Die Weiderechte wurden dann zwischen Weener und Holthusen ausgehandelt. Es wurden Poelrichter eingesetzt, die den Auf- und Abtrieb des Viehs und deren Zahl überwachten, Flurschäden begutachteten und Weidegelder kassierten.

Nach der zweiten Teilung der Meentelande wurde das Gebiet dann teilweise bebaut. Das Land selbst blieb im Eigentum der Gemeinde. Die Erbpacht wurde ins Grundbuch eingetragen. In einem Schreiben vom 22.04.1918 wird vom Königlichen Amtsgericht in Weener beim Königlichen Landratsamt in Weener angefragt, welche Personen die jetzigen Vertreter des Poelamtes Weener seien und wer zur Empfangnahme von Zustellungen für das Poelamt Weener befugt ist. Im Grundbuch von Holthusen war eine Erbpacht zugunsten des Poelamtes Weener eingetragen.

Nach der Gemeindereform 1974 kam Holthusen zur Stadt Weener. Danach gab es eine Meenetelandkommission, die die Weidewirtschaft auf den verbleibenden Gemeinschaftsweiden regelte. Noch heute hat die Stadt Weener einen Weidebeauftragten.

 

Poelamt Stapelmoor

Als der Rest uralter dörflicher Selbstverwaltung bestand bis zum Jahr 1965 das Poelamt in Stapelmoor. Aus dem 16. Jahrhundert sind Unterlagen über diese gemeindliche Selbstverwaltung als Realgemeinde überliefert.

Wie auch in Weener und Holthusen wurde das "Meenteland" in Stapelmoor als Gemeindeweide genutzt. Nutzungsberechtigt waren 70 Schaarbesitzer (Anteiler oder Interessenten). 39 der Süder- und 31 der Nordergemeinde, d. h. der alte Personenkreis der Haus und Hof besitzenden Realgemeinde-Mitglieder.

Standen bei Regenperioden und Deichbrüchen die Hammriche und Niederungen unter Wasser, bildeten sich Tümpel und Teiche. Die erforderlichen Entwässerungsmaßnahmen und die Unterhaltung von Wegen und Brücken im Hammrich waren schon frühzeitig ein wichtiges Anliegen der Allgemeinheit. Sie beauftragte aus ihrer Mitte zwei Bauern als Poelrichter mit der Aufsicht. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Feld- und Flurpolizei.

Die älteste schriftliche Erwähnung finden diese Poelrichter und ihre Aufgaben der "Ordonanntie" vom 14. Juni 1591, in einer sogenannten „Bauernrolle“, die fast wörtlich übereinstimmt mit der Bauernrolle von Weener von 1574.

Das Protokoll der Auflösung des Poelamtes Stapelmoor verfaßte 1965 Amtsgerichtsrat Sandkuhl am Amtsgericht in Weener. Die Grundstücke wurden verkauft. Letzter Poelrichter in Stapelmoor war der Landwirt Moritz Jürgens.

 

Poelamt Diele

Bis in das 19. Jahrhundert hinein wählten sich die die berechtigten Bauern in Diele zwei Poelrichter als Vertreter, die sich bereits 1596 bis 1598 und dann wieder 1719 nachweisen lassen.

Eine gemeinsame Gemeindeweide erstreckte sich ursprünglich ohne genaue Grenzziehung vom ostfriesischen Diele bis zum emsländischen Nachbarort Brual. Die nicht geklärte Grenze in diesem Bereich war oft Ursache für heftige Auseinandersetzungen zwischen evangelischen Ostfriesen und katholischen Emsländern. Dazu kam noch, daß die Grenze auch eine Trennungslinie der Herrschaftsbereiche des Fürstentums Ostfriesland und des Bistums Münster war. Aus diesem Grund lag innerhalb der Gemeindeweide auch die Wehranlage der Dieler Schanzen.

1830 erfolgte im Zuge einer Generalteilung die Trennung der Gemeindeweiden. 1831 wurde entlang der mutmaßlichen Grenze ein Damm zwischen den beiden Gemeinden aufgeworfen. Damit waren die jahrhundertealte Streitigkeiten beendet. Im Jahr 1859 begannen die sogenannten Poelamts-Interessenten mit der Teilung der verbliebenen, mit dem Ort Dielerheide gemeinsam genutzten Weide. Die Teilung wurde aber wegen verschiedener Widerstände erst in den Jahren 1864 bis 1866 vorgenommen. Wegen der erneuten Widersprüche der Kolonisten aus Dielerheide konnte die Teilung dann 1869 endgültig abgeschlossen werden. Ihnen wurde gegen Pachtzahlung ein 40 ha großes Weidestück überlassen, das im Jahr 1902 ebenfalls geteilt wurde.

Daneben verfügten die Deichweideninteressenten über eine weitere gemeinschaftliche Weide auf den Deichflächen, die sogenannten "Meelande", die weiterhin ungeteilt blieben. Sie wurden erst zwischen 1968 und 1972 endgültig aufgelöst.

 

Weidegenossenschaft Vellage

Nach einer Zählung im Jahr 1867 gab es in Vellage 64 Haushaltungen mit 249 Einwohnern. Es wurden danach 44 Pferde, 303 Stück Rindvieh und 123 Schafe gehalten. Somit kamen in dieser Gemeinde nur auf ca. 1,5 Haushalte ein Zugtier aber 5 Stück Rindvieh. Vellage hatte eine Gemeindeweide, die im Jahr 1898 aufgelöst und aufgeteilt wurde. Als Nachfolge des alten Poelamtes übernahm die "Weidegenossenschaft Vellage" die Aufsicht über die verbliebenen Ländereien.

In Vellage und Diele wurde von 1993 bis 2005 eine Flurbereinigung durchgeführt, die 421 Teilnehmer betraf und die Fläche von 1596 ha umfaßte. Nach Abschluß dieser Bereinigung war eine Weidegenossenschaft nicht mehr erforderlich.

Die Weidegenossenschaft wurde nach Wegfall ihrer Aufgaben und wegen des Fehlens von Vermögen vom Landkreis Leer nach den Vorgaben des Niedersächsischen Realverbandsgesetzes am 06.08.2009 aufgelöst.

 

Poelacht Oldersum

Oldersum entwickelte sich als unabhängige "Herrlichkeit" im 15. und 16. Jahrhundert weitgehend unabhängig vom ostfriesischen Grafenhaus zu einem Marktflecken mit einigen städtischen Rechten. "Herrlichkeiten" waren in Ostfriesland politisch unabhängige Herrschaftsbereiche eines Häuptlings oder eines anderen Adligen, der auch deren Erbherr blieb. Trotzdem unterstanden sie letztenendes der Oberhoheit des Grafenhauses.

Oldersum als Fleckensgemeinde wurde durch einen, zeitweise auch durch zwei "Bauermeister" verwaltet. Weitere Untereinheiten des Fleckens waren die "Rotts", im Wesentlichen Steuer- und Feuerlöschbezirke, denen ein "Rottmeister" vorstand. Für kleinere Entwässerungsgräben mit Wegen, Brücken und Stegen war die Oldersumer Poelacht zuständig, deren Aufgaben ab 1898 die politische Gemeinde übernahm. Die Unterhaltung und Pflege der Sieltiefs und der Siele hatten zuvor die Sielachten übernommen.

 

Keddschaften und Theenen in Osteel

Das Miteinander in den Dörfern Osteel und Tjüche regelte ein gemeinsames Bauerrecht. Es liegt in zwei Fassungen vor, eines vom 23. Oktober 1654 – dieses wurde dem damaligen Fürsten von Ostfriesland, Enno Ludwig, zur erneuten Bestätigung vorgelegt – und eines aus der Zeit zwischen 1665 und 1690.

Beide Orte waren in sechs "Theene" (Bezirke) eingeteilt, mit je einem beaufsichtigenden „Kedden“. Osteel bestand aus fünf, Tjüche aus einem Theen, die entsprechend den Upstrekfluren nebeneinander lagen. Das Amt wechselte jährlich in nachbarlicher Reihenfolge.

1780 wurden als „Aufsichtsbeamte“ aufgeführt: auf Dauer gewählte "Pohlrichter", die die Moorwege und -wasserungen beaufsichtigten, jährlich wechselnde Bauerrichter, denen auch Schreibarbeiten zugemutet wurden, und Sielrichter. Die gemeinen Weiden und den "Communion-Deich" (Osteeler Altendeich) durfte jetzt jeder Dorfbewohner nutzen. Jedoch waren Nutzung und Unterhaltung noch nicht zur Zufriedenheit aller Beteiligten geregelt.

Ein Rest der Aufteilung nach Theenen erhielt sich bis in die Neuzeit. Bis zur Einführung von Straßennamen in den 1970er Jahren war Osteel in neun „Rotte“ (Einzahl „Rott“ = Abteilung, Bezirk) gegliedert, in welchen die Häuser einzeln durchnummeriert waren. Die Rotte 5-9 teilten, wie die alten Theene von Norden nach Süden zählend, das Reihendorf Osteel – einschließlich der dort schon vorhandenen Neubaugebiete – in fünf parallel nebeneinander liegende Blöcke auf.

In das Jahr 1782 fällt die Aufteilung der "Dreesche", des gemeinsamen Weidelands. Sie wurde in jedem Theen, jetzt Keddschaft genannt, getrennt geregelt, nachdem ihm vorher ein Anteil des Gesamtbereichs zugewiesen worden war. Ein schmaler restlicher Streifen, der sich vom Altendeichsweg nach Süden hin zog und den 63 Warfsleuten des 1.-3. Theens zustand, wurde erst um 1810 aufgeteilt. Die neu entstandenen Parzellen wurden als Weide- und Ackerland genutzt.

 

Poelacht Leezdorf

Leezdorf war schon vor seiner Verselbständigung in mehreren Poelachten gegliedert, denen je ein Poelrichter vorstand. Die Poelrichter hatten hier die Pflege der Wege und Wassergräben zu überwachen. Fünf Poelachten erstreckten sich entlang der Hauptwege von Westen nach Osten: Moorthunswegs-, Junkerswegs-, Adeweger-, Gatjeweger- und Kirchwegerpoelacht. Die Rechte der Poelrichter waren alte Gewohnheitsrechte.

1948 sollten die Poelrichter beauftragt werden, Satzungen auszuarbeiten, die dann von den Achten genehmigt werden sollten. Die Pflege der Gräben dritter Ordnung durch die Anlieger ist bis in die Gegenwart geblieben und wird heute durch die Samtgemeinde Brookmerland geschaut.

 

 

Literatur

Quellen zum Nachlesen

 

Siebs, Dr. Benno Eide; "Das Rheiderland - Beiträge zur Heimatkunde", 1930, Nachdruck Verlag Schuster, Leer 1997

Risius, Aeilt Fr.; "Stadt Weener/Ems - Beiträge zur Heimatchronik", 1979, Verlag H. Risius, Weener

Risius, Aeilt Fr.; "Weener (Ems) Geschichte der Stadt im Rheiderland", 1983 und 1994, Verlag H. Risius KG, Weener

Wiemann, Dr. Harm; "Die Grundlagen der Landständischen Verfassung Ostfrieslands", 1974, Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich

Albers, Dr. Hans Joachim; "Im Zeitenstrom - Ostfriesische Geschichte", 2006, Artline Druck & Verlag, Bunde

Bielefeld, Dr. Rudolf; "Ostfriesland - Eine Heimatkunde", 1924, Nachdruck Verlag Schuster, Leer 1975

Verschiedene; "Heimatchronik des Kreises Leer", 1962, Archiv für deutsche Heimatpflege GmbH, Köln

Verschiedene; "Dorfchronik Weenermoor - Möhlenwarf - Beschotenweg", 1993, Arbeitskreis Dorfchronik, Verlag H. Risius KG, Weener

Verschiedene; "Holthusen, Tichelwarf und Holthuserheide im Wandel der Zeit", 1988, Arbeitsgemeinschaft Ortschronik Holthusen, Verlag H. Risius KG, Weener

Verschiedene; "Stapelmoor - Beiträge zur Chronik eines Geestdorfes", 1993, Interessengemeinschaft Stapelmoorer Park, Verlag H. Risius KG, Weener

Internetseite der Ostfriesischen Landschaft in Aurich zur Arbeitsgruppe der Ortschronisten

http://www.ostfriesischelandschaft.de/ortschronisten/