Ostfriesisches Namensrecht

Rheiderländer Vor- und Nachnamen früher und heute

 

 

Vorwort

Familienforschung

 

Jeder, der sich mit Familienkunde beschäftigt, versucht sich im Lauf seiner Forschungen mit seinen Vorfahren in Verbindung zu bringen. Man sucht nach Erkenntnissen über die Art, das Wesen und die Entwicklung der Familie. Namen spielen dabei eine wichtige und zentrale Rolle und sind das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.

 

Die Tradition der patronymischen Namensgebung (Übernahme des Vaternamens) wurde in Ostfriesland und vor allem im Rheiderland praktiziert und auch nach der Verordnung Napoleons noch bis in unsere Zeit gepflegt. Schaut man heute in ein örtliches Telefonbuch, findet der genaue Betrachter eine Fülle von alten ursprünglichen ostfriesischen Vor- und Familiennamen, die eine jahrhundertelange Tradition haben. Sie sind eine lebendige Brücke und Verbindung zu unserer Vergangenheit.

 

Geburtsanzeige mit traditioneller Namenswahl

in plattdeutscher Sprache

Das Kind wurde nach dem Groß- und Urgroßvater benannt

 

 

Kurze Geschichte des Rheiderlandes

Von den Seelanden nach Niedersachsen

 

Die "Sieben friesischen Seelande" waren im Mittelalter selbständige friesische Freistaaten, die zwischen 1200 und 1300 versuchten, einen großfriesischen Einheitsstaat zwischen Maas und Wesermündung zu schaffen. Das Reiderland (damals noch ohne "h") war der 5., das übrige Ostfriesland das 6. und Rüstringen das 7. Seeland. Wegen der vielen internen Konflikte scheiterte das Vorhaben und die Seelande zerfielen.

 

Im 14. Jahrhundert rissen die Großgrundbesitzer immer mehr Macht an sich und regierten als "Häuptlinge" das Land. Häuptling Keno tom Brook aus dem Brookmerland versuchte seinerseits Friesland zu einigen und scheiterte nach einigen erfolgreichen Kämpfen. Sein Feldherr Fokko Ukena beerbte ihn und führte sein Werk fort. Ihm folgten die Cirksenas, die Ostfriesland einten und die Reichsgrafenwürde erhielten. Später wurde Ostfriesland Fürstentum. Als 1744 mit Fürst Georg-Albrecht der letzte Cirksena kinderlos verstarb, kam Ostfriesland zu Preußen.

 

1805 kam Ostfriesland unter dem Militärdiktator General Daendels unter niederländische Herrschaft. Vor 1810 bis 1813 war Ostfriesland als "Departement Oosteems" ein Teil des napoleonischen Frankreichs. 1813 befreiten die Preußen Ostfriesland und blieben bis 1815. Der Wiener Kongreß schlug das Land dem Königreich Hannover zu. 1866 verlor Hannover den Krieg gegen die Preußen und so kam Ostfriesland bis 1947 erneut zu Preußen. Seitdem gehört Ostfriesland zu Niedersachsen.

 

 

Rheiderländer Isolation

Friesen und Deutsche

 

Die Ems bildete seit jeher die Nord- und Ostgrenze des Rheiderlandes. Heute sorgen zwei Kraftfahrtbrücken, eine Eisenbahnbrücke und der Emstunnel für ausreichende Verbindungen. Das war nicht immer so. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden bei Leerort, Weener und Halte diese heute so wichtigen Übergänge gebaut.

Im Westen trennte zunächst der Dollart, nach den Eindeichungen die deutsch-niederländische Staatsgrenze die Rheiderländer von anderen. In dieser relativen Abgeschiedenheit bildete sich ein ursprünglicher rheiderländischer Charakter heraus, der sich, wie der Heimatforscher Rudolf C. Hoek glaubte, von den übrigen Ostfriesen rechts der Ems unterscheidet.

 

Im Süden kam neben der politischen auch die konfessionelle Grenze hinzu. Selten findet man eine Binnengrenze, die so stark ausgeprägt ist. Die Gegensätze zwischen Rheiderländern bzw. Ostfriesen und den benachbarten Emsländern sind noch heute sehr groß. Vom Volksstamm her sind die Rheiderländer Friesen, die Emsländer dagegen Sachsen. Beide haben sich nicht nur ihre Sitten und Gebräuche, sondern auch ihre Sprache bewahrt. Als konfessionelle Grenze zwischen evangelischen und katholischen Christen war diese auch jahrhundertelang heiß umkämpft. Noch heute findet man an der Grenze die Reste der Dieler Schanzen.

In einer Urkunde vom 20. Juni 1463 über die Grenzziehung zwischen den Dörfern Diele und Brual wurde vermerkt, daß die Grenze "in bywesent un jegenwordigheit alle der buiren van Diele un Buirwaehl (Brual) un ander guiden luiden, beiyde Duitschen un Freesen gemaecht" worden ist. Die Grenzziehungsurkunde wurde also von "guten Deutschen" auf der einen und "guten Friesen" auf der anderen Seite unterzeichnet.

 

Diese isolierte und abgeschottete Insellage war in früheren Zeiten prägend für das Rheiderland. Es bildeten und bewahrten sich - wie auch im Saterland - besondere Ausdrücke und Wörter, Sitten, Gebräuche und Namen.

 

 

Ursprüngliche Namensgebung

Friesische und christliche Namen

 

Der Name des Menschen sei ein bedeutendes Zeichen. "Nomen est omen" heißt es dazu in alter Zeit. Hier waren es wohl besonders in der germanisch-vorchristlichen Zeit ursprünglich die Eigenschaften eines Menschen, die diesen zu einem ausdrucksvollen, starken und persönlichen Namen verhalfen (z.B. "Moiy un Läw", oder "Gau un Moet").

Nach der Christianisierung aber, als man als Mensch einen Vornamen erhielt, ging die heidnische Namensgebung in eine christliche über. In dieser Zeit finden Jacob, Johannes, Peter und Paul, Maria, Sarah, Veronica und Judith die größte Verbreitung im Rheiderland.

 

Die wichtigste Quelle über die Kenntnis der Personennamen des Rheiderlandes aus der friesischen Zeit bildet das ostfriesische Urkundenbuch. In der Zeit um 1500, aus der die überlieferten Namen stammen, war im Rheiderland die friesische Sprache noch lebendig. Es gibt im Rheiderland noch heute genügend Namen und Ableitungen, die aus der friesischen Sprache stammen, oder einen friesischen Klang haben. Als Beispiele seien folgende Vornamen genannt: Wielf, Hasso, Aalderk, Frieling, Baye bzw. Bojo, Fenne usw.

 

Mit der Einführung der Reformation gelangte auch die deutschsprachige Bibel nach Ostfriesland. Das Lateinische verschwand aus den Kirchen aber auch das Friesische. Die Ostfriesen ersetzten das Friesische durch das Plattdeutsche. Aus dieser Zeit haben sich viele einsilbige Vornamen erhalten wie z.B. Jan, Freerk, Berend, Geerd, Harm, Willm, Roelf usw.

 

 

Namen während der Häuptlingszeit

Geschlechternamen und Reformation

 

Die Reformation fiel in eine für Ostfriesland eher ungünstige Zeit. Die Seelande waren zerfallen und viele örtliche Häuptlinge kämpften um die Macht in Ostfriesland. Trotzdem waren die Ostfriesen gerne bereit, den neuen lutherischen Glauben anzunehmen, während die Rheiderländer sich der calvinistischen (evangelisch-reformierten) Lehre zuwandten. Dazu kam, daß die (reformierten) Rheiderländer die niederländische Sprache als Kanzelsprache anwandten, die übrigen (lutherischen) Ostfriesen jedoch die hochdeutsche. Streitigkeiten waren also wieder einmal nur eine Frage der Zeit. In dieser Periode entwickelten sich neben den verschiedenen Sprachen auch die Namen.

 

Das Rheiderland war ganz im Gegensatz zum übrigen Ostfriesland evangelisch-reformiert (calvinistisch). Als aber die Herrschaft über das Dorf Pogum nach dem Tod der Häuptlinge Thyo und Igi Gerit an ihre Verwandten, die (lutherischen) Herren von Petkum auf der anderen Seite der Ems überging, wurde die Gemeinde nach dem Grundsatz "cuius regio, eius religio" (Der Herrscher bestimmt den Glauben seines Landes) lutherisch. Ähnlich erging es auch den Kirchengemeinden Holtgaste und Bingum. Diese drei Kirchengemeinden sind noch heute die einzigen (ursprünglichen) lutherischen Gemeinden im Rheiderland (neben den erst nach dem Krieg durch Flüchtlinge gegründete lutherischen Gemeinden von Weener und Bunde).

 

 

Wie der Vater und der Großvater

Patronymische und lateinische Namen

 

Während die einfachen Bürger im Rheiderland und auch im übrigen Ostfriesland die patronymische Namensgebung ausübten, waren es die Häuptlinge, Studierten, Gelehrten, Richter, Ärzte, Pastoren und zu einem geringen Teil auch die Schulmeister, die ihrem Namen ein lateinisches Aussehen gaben, auch wenn das Friesische im Wortstamm nicht zu übersehen war. Viele dieser lateinisierten, aber typisch friesischen Hausnamen sind im Rheiderland noch heute gängig.

 

Von ausgewählten 50 lateinisierten Hausnamen endeten 22 auf "ga" (auch -inga oder -enga), 17 auf "ma" (auch -ema oder -ima), 8 auf "us" und die restlichen auf "na" oder "la". Diese Familien heißen z. B. Kromminga, Poppinga, Hüttinga, Druivinga, Immenga, Bronsema, Zuidema, Gersema, Venema, Büürma, Regnerus, Reddenius, Malchus, Risius, Hülsebus, Molanus, Barkela, Vienna, Bültena, Wübbena.

 

Dr. Hinrich Zarenhusen und Frau Irma Raveling haben in ihren Büchern über die ostfriesischen Vornamen, ihrer Herkunft, Bedeutung und Verbreitung erschöpfende Auskunft gegeben. Das Benennungsbrauchtum bei der Namensgebung bei Neugeborenen war es, das dazu beitrug, daß sich viele alte Namen bis in unser Jahrhundert erhalten haben. Die ersten vier Kinder einer Ehe wurden nach den Großeltern benannt. Die danach Geborenen erhielten Namen nach den anderen nahen Verwandten, nicht zuletzt, um dafür später von den sogenannten "Benömten" (Benannten) beerbt zu werden.

 

Bis zum Jahr 1811 war es in Ost- und Westfriesland alter Brauch, Kindern, ohne daß sie einen Familiennamen führten, dem eigenen Vornamen den Namen des Vaters mit der Endung "s" hinzuzufügen. Bis zu dieser Zeit nannte man sich z.B. Freerk Harms. Das bedeutet: ich heiße Freerk und bin der Sohn des Harm. Im Rheiderland ging man oft auch einen Schritt weiter. Da war der Name des Großvaters ebenfalls ein Teil des Namens, bei dem man ein "sen" (eine Abkürzung für "sien Söhn" oder "sien Dochter") anhing. So nannte man sich z.B. Freerk Janssen Harms. Des bedeutete: ich heiße Freerk, bin ein Sohn des Harm, dessen Vater Jan hieß. Aus dieser Zeit stammen viele der häufigsten ostfriesischen Namen (Janssen, Claasen, Dirksen usw.). Dazu im nächsten Kapitel mehr.

Man kann sich vorstellen, daß es mit der Zeit immer schwieriger wurde, Unterscheidungen zu treffen, zumal die Vornamen sehr häufig vorkamen.

 

Geburtsanzeige mit friesisch-ostfriesischer Namenswahl

in plattdeutscher Sprache

Alle Kinder erhielten traditionelle Namen

 

 

Die erzwungene Namensreform

Die Verordnung Napoleons und die Folgen

 

In der französischen Besatzungszeit erkannte man das Problem in den friesischen Landesteilen und deshalb verordnete Kaiser Napoleon am 18. August 1811 in allen friesischen Departements, daß ab diesem Tag alle Einwohner einen festen Nachnamen zu führen hätten.

Beim zuständigen "Maire", dem Ortsvorsteher oder Ortsbürgermeister, lagen Listen aus, worin jeder Dorfbewohner seinen künftig gewünschten Nachnamen eintragen lassen mußte.

 

In der Regel wurde, wie bereits oben erwähnt, der damals geführte Name des Vaters in genitiver Form als Familienname angenommen. Dadurch kam es, daß nur die Kinder von Brüdern den gleichen Namen erhielten, während die Kinder von Vaterbrüdern ganz andere Hausnamen führten. Das Familien- und Verwandtschaftsgefühl ging dabei oft verloren. Noch heute findet man in Ostfriesland sehr häufig diese ehemaligen Vatersnamen: Jans, Janssen, Gerds, Willms, Harms, Freerks, Sanders, Diddens, Hemmes, Ubbens, Reents, Wilts und viele andere mehr.

 

 

Häuser, Farben, Bäume, Tiere und Berufe

Die neuen Haus- oder Nachnamen der Ostfriesen

 

Aufgrund der Tatsache, daß viele Ostfriesen den gleichen Namen trugen, wünschten sich andere einen "schöneren" Namen. Sie ließen sich mit Goldhoorn, Goldenstein, Goldhammer, Goldschweer, Goldbloom, Rosendahl usw. eintragen.

 

Naheliegend und deshalb auch sehr gebräuchlich war es, den zu dieser Zeit ausgeübten Beruf als Hausnamen eintragen zu lassen: Windmüller, Bakker (Bäcker), Smidt (Schmied), Watermülder (Wassermüller), Blickslager (Blechschläger), Schoemaker (Schuhmacher), Buhr oder Boer (Bauer) usw.

 

Dem westfriesischen stark angelehnt nahm man auch Hausnamen mit dem Hinweis auf den Herkunftort des Trägers an (von):

van Anken, van Hoorn, van Scharrel, van Essen, van Göns, van Loo, van Koten, van Slooten, van Vügt usw.

 

Der Namenszusatz "von" kommt in der ursprünglichen ostfriesischen Namensgebung nicht vor. Familien dieses Namens stammen daher von außerhalb oder haben sich in der Preußenzeit den Adelszusatz erworben. Im Rheiderland gibt es davon fünf Familien:

von Wedel, von Dankelmann, von Felbert, von Essen, von Glan

 

Andere Formen davon sind (von der):

van der Laan, van der Tuuk, van der Wal, van der Slyk, van der Pütten, van der Hülsen usw.

 

Diese Namen kommen im Rheiderland und den benachbarten Gebieten häufig vor (zur):

ter Hark, ter Veer, ter Veen, ter Haseborg usw.

 

Seltener sind dagegen diese Namen (zum):

ten Have, ten Anker, ten Doornkaat

 

Die meisten nicht-patronymischen Hausnamen im Rheiderland und in Ostfriesland werden mit der Vorsilbe "de" (als Artikel "der") angeführt:

de Wiljes, de Groot, de Haan, de Hoog usw.

 

davon ist als Besonderheit "der Friese" zu nennen:

de Vries, de Fries, de Freese - aber auch; Freseman, Freesemann, Friesemann

 

Auch die vier Himmelsrichtungen wurden bei der neuen Namenswahl nicht vergessen:

Ostendorp, Südtmann, Noordmann, Westermann

 

Nicht speziell rheiderländisch, jedoch ostfriesisch sind die Namen, die sich auf Haus- und Grundbesitz beziehen und daher meistens auf "hoff" oder "kamp" enden:

Eekhoff, Kruithoff, Boekhoff, Wolthoff, Kolthoff, Saathoff, Olthoff, Wolthoff, Diekhoff usw.

oder:

Holtkamp, Saatkamp, Roßkamp, Veldkamp (oder Feldkamp), Heidkamp (oder Heydkamp), Katenkamp, Schildkamp usw.

 

Durch eine gewisse Sturheit, Gleichgültigkeit oder als Zeichen des Widerstandes gegen die französischen Besatzer konnte es aber auch geschehen, daß sich in einigen Dörfern nicht alle Bewohner mit einem festen Namen in die Listen eintragen ließen. So geschah es, daß bei Terminschluß der durch die französische Militärmacht verängstigte "Maire" (Ortsbürgermeister oder Ortsvorsteher) die in der Liste vorhandenen Lücken mit selbst erfundenen Namen schloß. Vor allem in südlichen Rheiderland gab der Bauermeister (Burmester) niederländische bzw. plattdeutsche Farben- und Blumennamen an. So heißen viele dort lebenden oder ursprünglich dort beheimatete Nachfahren :

 

Swart (schwarz), de Witt (weiß), Groen (grün), Blaauw (blau), Gehlker (gelb), Grauw (grau), Rood (rot), usw.

oder:

Bloem (Blume), Roefzaad (Rübesamen), Heibült (Heuhaufen), Rosema (Rose), Tülp (Tulpe), Klaver (Klee), Appel (Apfel), Bloempott (Blumentopf), Bosker (Wald) usw.

 

Im Norden des Rheiderlandes, vor allem im Gebiet um Pogum erhielten die Säumigen häufig Tiernamen:

Stindt (Stint), Voß (Fuchs), Karper (Karpfen), Spin (Spinne), Aap (Affe), Specht, Stöhr, Haan (Hahn), Kiewit (Kiebitz), Robbe, Otter, Swalve (Schwalbe) usw.

 

In selteneren Fällen gaben sich manche Familien auch den Namen von Edelsteinen:

z.B. Rubien, Diamant usw.

 

 

Aussprache der rheiderländer Namen

Konfessionelle Unterschiede

 

In Unkenntnis antworten heute immer noch viele Rheiderländer, woher ihr Hausname stamme mit "ursprünglich aus den Niederlanden". Das ist nicht ganz richtig und auch nicht ganz falsch. Die meisten Namen im Rheiderland stammen aus diesem Gebiet und aus der Zeit der Reformation. Die niederländische Sprache war bis in die Mitte des 19. Jahrhundert im größtenteils evangelisch-reformierten Rheiderland die Amts- und Kanzelsprache. Die wenigen evangelisch-lutherischen Gemeinden predigten auf Hochdeutsch.

 

Im Vergleich mit hochdeutschen Namen fallen dem Fremden im Rheiderland die vielen Namen mit "oe" und "ui" auf. Der rheiderländer Heimatforscher Rudolf C. Hoek aus Weener hat sich mit diesen Namen eingehender beschäftigt und über 70 Namen zum Vergleich herangezogen.

 

Demnach führen viele einsilbige Namen das "oe" z.B. Poel, Broek, Koets, de Boer, Snoek, Hoek, Loer usw. wobei die jeweilige Aussprache des Namens verschieden ist. Einmal wird das "oe" wie ein "u" ausgesprochen, also nach niederländisch-calvinistischer oder evangelisch-reformierter Tradition. Das andere Mal wird der Name wie ein "o" ausgesprochen, nach hochdeutscher oder evangelisch-lutherischer Tradition.

 

Bei den mehrsilbigen Namen ist die Aussprache ähnlich z.B. bei Boerma, Wildeboer, Winterboer, Tilboer usw. ist die Aussprache niederländisch/reformiert, lautet also auf "u". Bei den Namen Boelsen, Boelen, Boelmann, Boekhoff usw. spricht man den Namen dagegen deutsch/lutherisch aus, das heißt, es wird ein langgezogenes "oo".

 

Seltener, aber teilweise noch gebräuchlich, ist die friesische Aussprache des "oe" im Rheiderland. Das "oe" wird in diesem Fall mit "iau" ausgesprochen. Aus "Boekhoff" wird so z.B. "Biaukhoff", aus "Poel" wird "Piaul", aus "Hoek" wird "Hiauk" usw.

 

Rudolf Hoek fand allein 24 Namen mit den zusammenhängenden Buchstaben "ui", die sowohl in der Vor- als auch in der Nachsilbe in jedem Fall als "ü" ausgesprochen werden:

Luitjens, Huisinga, Buising, Kruithoff, Kruizinga, Ruiter, Buiter, Tuimann, Druivinga, Luiking, Luif, Duin, Gruis, Sluiter, Schuiver, Zuidema, Kuil, Muising, Kuiper usw.

Hier ist das "ui" in der zweiten Silbe:

Leemhuis, Walhuis, Holthuis, Wolthuis, Pathuis, Beekhuis, Veenhuis usw.

 

 

Rheiderländer Eigenheiten

Lateinisierte Namen der zweiten Generation, patronymische Doppelnamen

und die Schreibweisen des Hausnamens bei Umzügen

 

Nicht selten hören wir im Rheiderland patronymische Doppelnamen, die sich häufig aus einer langen Familientradition ergeben haben, wie z.B.:

Diddo Diddens, Otto Otten, Jan Janssen, Hemme Hemmes, Ubbo Ubbens, Focke Fockens, Gerd Gerdes, Reent Reents, Lüppe Lüppens, Wilt Wilts usw.

 

Manche Patronymika (Vatersnamen - siehe oben) sind erst nach der Festlegung des Familiennamens 1811 lateinisiert worden. Man spricht daher von lateinisierten Namen der zweiten Generation. Beispiele: aus "Geerds" wurde "Geerdsema", aus "Reemts" wurde "Reemtsema", oder Mennen=Mennenga, Tammen=Tammena, Roelfs=Roelfsema, Betten=Bettenga, Nannen=Nannenga, Rose=Rosema, Poppen=Poppinga usw.

 

Wie bereits oben erwähnt, gab es in den evangelisch-reformierten und den evangelisch-lutherischen Gemeinden des Rheiderlandes leichte sprachliche Unterschiede, die vor allem in der Aussprache des Namens deutlich wurden. Diese Unterschiede führten im Lauf der Zeit zu einer Anpassung des Familiennamens und deren Schreibweise. Rudolf Hoek führte einmal in einem Vortrag zwei passende Beispiele an:

 

Flüchtlinge aus dem im Dollart untergegangenen Dorf Fletum wurden in Pogum, einer später lutherischen Kirchengemeinde im Norden des Rheiderlandes, seßhaft und nannten sich "van Fleeten". In mehreren Fällen heirateten Söhne und Töchter dieses Stammes nach Hatzum, Nendorp und Bunderhammrich, also in evangelisch-reformierte Gemeinden ein, deren Amts- und Kanzelsprache niederländisch war. In Kirchenbüchern, Dokumenten und Urkunden heißen die Namensträger fortan nicht mehr "van Fleeten", sondern "van Vlyten".

 

Ebenso verhält es sich mit der Familie Schuiver, die ursprünglich in Pogum beheimatet war und sich "Schuver" schrieb. Mit dem Umzug in das evangelisch-reformierte Hatzumerfehn nahm sie den Namen "Schuiver" an. Nachkommen der beiden Familien "Schuver" und "van Fleeten", die sich später in Westrhauderfehn, einer ebenfalls lutherischen Gemeinde, ansiedelten, schreiben sich noch heute so, wie sie in den Kirchenbüchern von Pogum beurkundet sind.

 

Als weitere Beispiele sollen hier noch einige andere reformierte und lutherische Namen aus jeweils derselben Familie genannt werden:

Bruins=Bruns, Groeneveld=Grünefeld, de Boer=de Buhr, Ruiter=Rüther, Visser=Fischer, Kuiper=Kuper, Mulder=Müller, Schoemaker=Schuhmacher, Meulenkamp=Möhlenkamp, Vry=Frey, Bouman=Baumann, Bakker=Becker, Wever=Weber, Kruse=Krause und viele andere mehr.

 

 

Besondere Männer- und Frauennamen

Ostfriesische Kreativität bei der Vornamensgebung

 

Männernamen

 

Endung auf "-ke": Ubke, Heike, Sönke, Mimke, Fokke, Eike, Engelke, Wilke, Uke, Renke, Siefke, Popke, Hopke,

 

Endung auf "-ko": Tako, Uko, Renko, Fokko, Hilko, Okko, Hako, Menko, Tjarko

 

Endung auf "-e": Ubbe, Lüppe, Tamme, Hemme, Tebbe, Temme

 

Endung auf "-o": Ubbo, Swano, Trino, Bonno, Monno, Menno, Hiebo, Lüppo, Onno, Enno, Meino, Siebo, Temmo, Heijo

 

Endung auf "-ert": Ulfert, Evert, Eilert, Sweert, Rickert, Hilfert, Lammert, Folkert

 

Endung auf "-elt": Garrelt

 

Endung auf "-ino": Trino, Krino

 

Endung auf "-ye": Heye, Teye

 

Endung auf "-jen": Lütjen, Casjen

 

 

Frauennamen mit Herkunft aus Männernamen

 

Endung auf "-a": Peta, Dieta, Alberta, Hermanna, Gerharda, Wilhelma

 

Endung auf "-e": Siegfriede,

 

Endung auf "-mine", "-bine", "-dine", "-sine", "-line": Tjabine (von Tjabe, Tjabo, Tjabbe usw.), Peterdine (von Peter), Eilerdine (von Eilert), Boukeline (von Bouke, Bouko usw.), Okkeline (von Okke, Okko usw.), Helmine (von Helmer), Harmine (von Harmen oder Harm)

 

Endung auf "-mina", "-bina", "-dina", "-sina", "-lina": Beispiele ähnlich der obengenannten.

 

Endung auf "-je": Trientje (von männl. "Trino"), Swaantje (von "Swano"), Ge(e)rtje (von "Ge(e)rt"), Berndje (von "Bernd")

 

Endung auf "-ke": Roelfke (von männl. "Roelf"), Hilke (von "Hilko")

 

 

Frauennamen

 

Endung auf "-ea": Wea, Thea,

 

Endung auf "-kea": Nomkea, Fekea

 

Endung auf "-ette": Swanette, Trinette

 

 

Brauchen wir eine Rechtschreibreform?

Schreibweisen ostfriesischer Namen

 

"Ich sag' ohne Übertreibung,

vielgestaltig ist die Schreibung

uns'rer Namen", sagt Elise,

"denken wir doch mal an diese:

Es gibt Dide und auch Diede,

Tide, Tiede, Thiede, Tyde,

Meike, Meyke, Maike, Mayke." -

"Maaike, Maicke auch", sagt Hayke,

"und zu Foolke, Fohlke, Foelke

stellt sich Voolke, Vohlke, Voelke,

und zu Eilt und Eielt und Eylt

Ailt, Aeilt, Aielt, Aield, Ayldt und Aylt."

"Ob ihr meine Meinung teilt",

sagt der Musterschüler Seben,

"es sollt' Rechtschreibregeln geben."

 

(Irma Raveling)

 

 

 

Rheiderländische und ostfriesische Aussprache der Namen

Lange, kurze, verkürzte und veränderte Vornamen

 

Kürzung bei Männernamen:

Aus "Wilhelm" wird "Willem", danach "Willm".

Aus "Friedrich" wird "Friederk", danach "Freerk".

Aus "Hermann" wird "Harmen", danach "Harm".

 

Kürzung bei Frauennamen:

Aus "Margarethe" wird "Margret", danach "Marga" oder "Grete"

 

Frauennamen mit Endung auf "-thilde"): Mouthilde, Knuthilde - Verkürzung auf "Tilli"

 

Erster Selbstlaut mit Aussprache als langes A: Antje = "Aantje"

 

Letzter Selbstlaut "A" mit Aussprache als "-au": Kea = "Keau", Gesa = "Gesau"

 

Frauennamen mit Herkunft aus Männernamen (Endung auf "-dine", "-sine", "-line"): Verkürzung auf "Dini", "Sini", "Lini"

 

 

 

Jan - ein schicksalhafter Name

Der Vorname und seine Geschichte(n)

 

"Jan" war früher in ganz Nordwestdeutschland der häufigste männliche Taufname. Die Schreibart "Jan" läßt darauf schließen, daß der Name aus den Niederlanden kommt und der Träger der evangelisch-reformierten Religion angehört (siehe oben). Die Schreibung "Jann" läßt vermuten, daß Namensträger aus dem östlichen Ostfriesland stammt und Lutheraner ist.

 

Mit "Jan" bezeichnete man gerne einen dummen oder einfältigen Menschen. In älteren niederdeutschen Schauspielen war Jan im allgemeinen der Name des Tölpels. "Jan van't Moer" (Jan vom Moor) war dagegen weniger ein wertfreier Name für einen "Moerhahntje" (einem Moorkolonisten), sondern stand vielmehr für einen unkultivierten, rückständigen Menschen. Das mag auch daran gelegen haben, daß in früheren Zeiten in einigen Gegenden vor allem Sträflinge die Moore kolonisieren mußten.

 

Im Volksmund kennt man aber auch andere Varianten: "Mall-Jan" (ein geistig Zurückgebliebener), "Klook-Jan" (der Kluge), "Mooi-Jan" (der Schöne/Hübsche), oder "Blau-Jan" (eine Art Galgenvogel) und einige andere mehr.

 

"Blau-Jan", "Jan-Fink" und "Jan-Rüst" sind aber auch alte Bezeichnungen für den Teufel, der die braven Ostfriesen immer wieder zu verführen sucht.

 

Das weibliche Gegenstück zu "Jan" ist "Greetje".

 

Die Namen "Jan" und "Hinnerk", zuweilen auch "Gerd", gab man im 19. Jahrhundert gerne Gesprächspartnern in fiktiven politischen Streitgesprächen.

 

"Mall-Jan", "Maljan" oder auch "Jan-Hinnerk" nennt man auch das meistens mit Ornamenten verzierte Giebelzeichen am hölzernen Firstdreieck eines Bauernhauses, wie es noch heute in Ostfriesland, vor allem in Geestgebieten, zu finden ist. Dieses Zeichen stammt noch aus heidnischer Zeit und soll Unheil vom Haus abhalten.

 

 

 

Von der Benennung älterer Leute

und vom vorlauten Hans

 

Mit der Anrede "Ohm" (von "Oheim" = ehrenwerter Onkel) oder als Zusatz wurden ältere und angesehene Männer versehen. Es gab z.B. "Jan-Ohm" oder "Gerd-Ohm". Wenn der Name "Jan Geerdes" war, wurde er "Jan-Ohm Geerdes" genannt. Entsprechendes galt für den "Buur-Ohm" (Bauer), "Mester-Ohm" (Lehrer) oder "Pastor-Ohm" (Pastor).

 

Älteren Frauen wurde der Name "Möh" (von "Muhme" = ehrenwerte Tante) beigegeben. Diese Bezeichnung erfolgte ohne Unterschied des Standes.

 

Der hochdeutsche Name "Hans" ist und war in Ostfriesland ein wenig gebräuchlicher Name. Er wurde aber oft und gerne in abwertenden Verbindungen verwendet. Als bekanntester Begriff ist hier "Handje-Vörmei(h)er" zu nennen, also jemand, der den Ton angibt, der immer das erste Wort hat, oder sich unbeteiligt und ungefragt einmischt.

"Handje" steht dabei für "Hansje", so daß die wörtliche Bedeutung "Hänschen-Vormäher" ist.

 

Als "Hannekemaaier" wurden früher im Groningerland die deutschen (vor allem westfälischen) Wanderarbeiter und Hausierer bezeichnet.

 

 

 

Neue und alte Vornamen in Ostfriesland

Traditionelle Namensgebung und der Einfluß der Medien

 

Die Stamm-, Haus- oder Nachnamen wurden während der französischen Besatzungszeit 1811 festgelegt und auch vom Königreich Hannover nach dem Wiener Kongreß 1815 in Ostfriesland beibehalten. Seit dieser Zeit können sie nicht mehr nach Gutdünken geändert werden.

 

Ganz anders verhält es sich mit den Vornamen. Sie werden seit jeher von den Eltern ausgewählt. Der Name soll ein Zeichen sein, sagten die Lateiner (nomen est omen). Dort, wo noch Brauchtum herrscht, werden die Kinder nach den Eltern, Großeltern oder sonstigen Verwandten benannt. Die meisten Eltern jedoch wählen heute einen Namen unter ganz anderen Gesichtspunkten. Die wichtigste Rolle spielt dabei offenbar der lautliche Klang. Oft verbindet man heute die Wahl des Namens mit einem vermeintlichen Vorbild aus der sogenannten Regenbogenpresse.

 

 

Geburtsanzeige mit "moderner" Namenswahl

 

 

Im Jahr 1950 hatten von rund 1700 befragten Schulkindern nur 470 einen freigewählten Namen. Die übrigen Kinder wurden nach Verwandten benannt, auch wenn die Namen selbst mehr oder weniger stark geändert wurden. Nach einer Ermittlung der Namensforscherin Irma Raveling wurden in Ostfriesland zur gleichen Zeit von rund 1000 Kindern 380 Namen nicht geändert, 280 Namen sinnvoll geändert und 290 Namen sinnlos geändert. 50 Namen waren frei gewählt. Die sinnlos geänderten Namen kann man mit den freigewählten Namen fast gleichstellen, so daß man zu dieser Zeit sagen konnte, um 1950 wurden noch die Hälfte aller Kinder nach "Benömten" genannt.

 

Die Gleichmacherei unserer Tage in Deutschland hat sich leider auch auf die Namensgebung im Rheiderland ausgewirkt. Auch bei uns macht sich ein fragwürdiger Geschmack bei der Namensgebung immer mehr breit. Das sind oft Vornamen aus anderen Ländern, vornehmlich aus südlichen Breiten, die oft von den eigenen Eltern weder richtig geschrieben noch halbwegs richtig ausgesprochen werden können. So kommt es nicht nur bei Standesämtern zu Verwirrungen. Ein falsch geschriebener und falsch ausgesprochener Vorname kann für den Träger eine große Belastung werden, vor allem, wenn man einen futuristisch klingenden Vornamen, jedoch einen uralten ostfriesischen Nachnamen hat. Glücklicherweise besinnen sich immer mehr junge Eltern darauf, wieder traditionelle Namen zu vergeben. Passend zum jeweiligen Nachnamen erhalten die Kinder wieder friesische, ostfriesische, rheiderländer oder norddeutsche Vornamen, die sich vor allem in der Heimatsprache gut anhören.

 

 

Quellen

Literaturangaben

 

Hoek, Rudolf C., "Rheiderländer Vor- und Nachnamen früher - 1811 - heute" (Manuskript), 1986

 

Schuster, Theo, "Jan un Greetje - Ostfriesische Vornamen", Verlag Schuster, Leer 1987

 

Raveling, Irma, "Die Ostfriesischen Vornamen - Herkunft, Bedeutung und Verbreitung", Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1988