Redensarten

 

"Dor hett he mi een 'P' vörsett"

Die Bedeutung bildhafter plattdeutscher Redewendungen und ihrer Herkunft

 

 

Die plattdeutsche Sprache ist bemerkenswert reich an bildhaften Redewendungen. In ihnen spiegeln sich lokale Begebenheiten und Erfahrungen aus dem täglichen Leben in vielfältiger Form. Bei dieser Auswahl handelt es sich um sprichwörtliche Redensarten aus dem geschichtlichen Bereich, die auch noch heute gebräuchlich, deren Herkunft jedoch nur zum Teil bekannt ist.

 

 

"He kummt so laat as't Leerder Schipp"

(Er kommt so spät wie ein Leeraner Schiff)

In früherer Zeit beförderte regelmäßig ein Beurtschiff (Frachtschiff) Waren von Leer nach Norderney. Vermutlich kam es häufig später an als vorgesehen, so daß sich dieser Ausdruck allgemein einbürgerte, wenn sich jemand verspätete.

 

"He is van Kniephusen un Hollfast"

(Er ist von "Geizhausen" und "Haltfest")

Dieses Wortspiel bezieht sich auf einen Geizkragen, wahrscheinlich in der Verbindung von "kniepsch" (kneifend, karg, geizig) und von "holl' fast" bzw. fasthollen (festhalten, nicht aus der Hand geben), abgeleitet. Eine auf den ersten Blick angenommene Verbindung zu dem Familien- und Ortsnamen Kniephausen im Jeverland und/oder zu Holtgaste im Rheiderland ist nicht auszumachen.

 

"Nu is Holland in Nood"

(Nun ist Holland in Not)

Dieser Ausdruck deutet entweder auf die Zeit der spanischen Herrschaft über die Niederlande im 16. Jahrhundert durch Herzog Alba hin oder bezeichnet die häufige Gefährdung des Nachbarlandes Holland durch Deichbrüche bei Sturmfluten.

 

Die Bezeichnung "Duckdalben"

für die im Hafenbereich eingerammten Pfähle geht möglicherweise ebenfalls auf diese Zeit zurück, und zwar soll der Herzog von Alba (Duc d'Alba) diese später nach ihm benannten Pfähle durch Erlaß zuerst in Holland eingeführt haben. Der Erlaß schrieb den Kapitänen vor, ihr Schiff bei der Ankunft im Hafen nicht an der normalen Anlegestelle, sondern an einem der entfernt stehenden Duckdalben festzumachen, um auf diese Weise ein mögliches Einschleppen von Seuchen, zum Beispiel der gefürchteten Pest zu verhindern und eine Kontrolle ankommender Schiffe vor dem Anlegen zu ermöglichen.

 

"Dor hett he mi een 'P' vörsett"

(Davor hat man mir ein "P" gesetzt)

Die Bedeutung: Bei Ausbruch der Pest, die im Mittelalter nachweislich auch Norden mehrfach heimgesucht hat, wurde das Wohnhaus der an Pest Erkrankten durch ein auffälliges "P" gekennzeichnet. Wie überliefert, erschien in solchen Fällen ein städtischer Bediensteter und schrieb mit Kreide diesen Buchstaben zur allgemeinen Warnung an die Haustür. Heutiger Sinn: Ich habe seinem Treiben ein Ende gesetzt. Ich habe ihm einen Riegel vorgeschoben.

 

"Well over d' Hund kummt, de kummt ok over d' Steert"

(Wer über den "Hund" kommt, kommt auch über den "Schwanz")

Im Dollartgebiet vor Emden liegt im westlichen Teil der Ems die früher von Segelschiffern gefürchtete, auf alten Karten noch verzeichnete Sandbank mit Namen "De Hund(t)". War diese Untiefe nach schwierigem Manöver nach der Ausfahrt aus dem Hafen Emden und der Einmündung zum Emsfahrwasser glücklich überwunden, so atmete der "Schipper" auf, weil die berechtigte Hoffnung bestand, den Borkumer "Steert" (auch "Möwensteert", südlich der Insel Borkum gelegen) ohne Hindernisse zu überwinden. Heutige Bedeutung: Habe ich den größten Teil des Vorhabens geschafft, so schaffe ich auch noch den verbliebenen Teil.

 

"He hett de Bucht um de Arm"

(Er hat weite Ärmel)

Dies erinnert an die Gewänder mit besonders weiten Ärmeln, wodurch sich im Mittelalter die Wohlhabenden von dem einfachen Volk zu unterscheiden trachteten. Heutige Bedeutung: Er hat es geschafft, es erreicht.

 

An weitgeschnittene Ärmel erinnert auch der Ausdruck

"He schüttelt 't ut d' Mauen"

(Er schüttelt es aus den Ärmeln)

Das heißt: Er (der Priester, Pastor oder auch Predigermönch), dessen Talar weite Ärmel aufwiesen, predigt aus dem Stegreif oder aus dem vollen.

 

Aus dieser Zeit mag sich auch der Ausdruck herleiten lassen

"Dat fallt mi in d' Hand" oder "Dat fallt mi ut d' Hand"

(Es fällt mir in die / aus der Hand)

der dann gebraucht wird, wenn eine Sache erwartungsgemäß gut oder schlecht ausfällt. Vermutlich entstand dieser Ausdruck beim Wiegen: Neigte sich die Waagschale mit der abgewogenen Ware nach unten in die geöffnete Hand, so bedeutete dies einen nicht erwarteten Zugewinn, andernfalls wurde die Ware als "zu leicht befunden".

 

Negative Erfahrungen mit der Obrigkeit spricht aus dem Satz:

"Verspreken is adelk, man hollen is börgerlik"

(Versprechen ist adlig, aber einzuhalten ist bürgerlich)

 

Auch früher erhoffte man sich einen plötzlichen Geldsegen, um sich diesen oder jenen Wunsch erfüllen zu können:

"Ik koop mi dat, wenn't Schipp mit Geld over't Diek kummt"

(Ich werde es mir kaufen, wenn das Schiff voller Geld über den Deich kommt)

 

Beim Viehhandel ist noch heute die Redewendung üblich:

"Is dar neet noch quaad Geld bi?"

(Ist da nicht auch falsches Geld dabei?)

Bedeutung: Läßt sich davon nicht noch etwas abhandeln?

 

Bei der Ausverkaufswerbung taucht häufig der Ausdruck auf:

"...vör 'n Ei un Appel"

(...für ein Ei und einen Apfel)

Die Entstehung dieses Begriffs ist wie folgt zu erklären: Mit Eiern und Äpfel wurden früher Kinder beschenkt, wenn sie den Verwandten oder nachbarn in den Wintermonaten nach dem "Swienslachten" (Schweineschlachten) etwas vom "Sniertjebraa" (frisches, an der Luft gekühltes Schweinefleisch) überbrachten. Über das Beschenken der Überbringer mit keinen Gaben wurde darüber hinaus erwartet, daß sich die Beschenkten bei Gelegenheit revanchierten. Geschah dies nicht, hieß es sehr bald:

"He will't all vör'n Ei un Appel hebben"

(Er will alles für ein Ei und einen Apfel haben)

Das heißt, für die (gute) Ware wird nichts Gleichwertiges abgegeben. Heute wird die Redewendung im positiven Sinne von "günstig und preiswert einkaufen" gebraucht.

 

"Dar hett 'n Ul seten" oder "Dann hett dar 'n Ul seten"

(Da saß eine Eule / Dann hat dort eine Eule gesessen)

Dies wird gesagt, wenn man enttäuscht feststellt, daß jemand seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, oder daß nichts, wie eigentlich erwartet, passiert.

 

Aus früherer Zeit stamt folgende Redensart:

"Se is noch ut olle Welt, se dracht de Neers achter"

(Sie ist noch aus der alten Welt, sie trägt den Hintern nach)

Diese ironische Feststellung bezieht sich auf die höfische Sitte, die Kleider hinten bauschig und faltenreich zu tragen.

 

Die Moderichtung der knöchellangen Kleider wird auch bei folgendem Ausdruck Pate gestanden haben:

"Well't lang hett, lett't lang hangen"

(Wer es lang hat, der läßt es lang hängen)

Der Sinn: Wer viel hat, es sich leisten kann oder glaubt es sich leisten zu können, gibt viel aus oder will seinen Reichtum zeigen.

 

Der Schicksalsglaube findet sich - ironisch verpackt - in folgendem Spruch:

"De to't hangen geboren is, versuppt neet"

(Wer zum hängen geboren wurde, ersäuft nicht)

 

Lebenserfahrung spricht aus der Volksweisheit:

"Hebb dien Nahbar leev, man laat de Heeg tüsken jo stahn"

(Hab deinen Nachbarn lieb, aber laß die Hecke zwischen euch stehen)

Im südlichen Ostfriesland gibt es auch die Redewendung: "Wi nahbern mitnanner, man wi laten de Heeg tüsken uns stahn" (Wir verkehren nachbarschaftlich miteinander, doch wir lassen die Hecke zwischen uns stehen).

 

Eine gewisse Gelassenheit und Souveränität gegenüber dem Unwägbaren des Lebens schließlich klingt aus den Redewendungen:

"Dat schukelt sück all's torecht"

(Das schaukelt sich schon zurecht)

 

"Laat gewähren, 't sall sück wall riegen" oder "Kummt all' in't Rieg"

(Laß es gewähren, es wird alles auf die Reihe kommen)

 

"Dat kummt sachts all um Stee"

(Es wird gewiß alles wieder gut)

 

Text von Dr. Gerhard Canzler

veröffentlicht am 03.01.1998

in Ausgabe Nr. 2 der Grenzlandzeitung "Rheiderland"

 

 

 

Weitere Redensarten

Nachtrag zum oberen Artikel. Kennen Sie noch mehr?

 

"He hett sien Koopmann rakt" oder "He is sien Koopmann ankomen"

(Er hat seinen Kaufmann getroffen)

Zu allen Zeiten gab es gerissene Händler und Kaufleute, die ihre Kunden und Lieferanten übervorteilten, ausnutzten oder gar betrogen. Wenn aber diese Menschen selbst an solche (noch schlauere) Kaufleute gerieten, war die Schadenfreude groß. Heute wird dieser Spruch oft bei unehrlichen Leuten angewendet, die irgendwann einmal selbst die Konsequenzen ihres Handelns tragen müssen.

 

"He is net as Tabak" oder "De/Dat/Hum kannst in Piep roken"

(Er ist wie Tabak oder Den/Das/Ihn kannst du in der Pfeife rauchen)

Die ursprüngliche Bedeutung ist nicht ganz geklärt. Beide Redensarten werden aber meistens gemeinsam, aber auch einzeln verwendet. Die heutige Bedeutung ist aber unterschiedlich. Häufig werden sie für dumme und einfältige Menschen gebraucht, mit denen man sich nicht abgeben sollte. Sie werden aber auch bei Situationen angewandt, bei denen sich eine Sache "in Rauch auflöst", also schiefgeht.

Möglicherweise stellte der Tabak, den sich in damaligen Zeiten nur reiche Leute leisten konnten, ein Statussymbol dar, der sich buchstäblich in Rauch auflöste. Er kostete viel Geld und es blieb nichts von ihm übrig. Es war daher wohl kein Anreiz für die einfachen Leute, ihr Geld für Derartiges zu verschwenden.

 

"Proten is good koop, man doon is en Ding"

(Reden ist ein guter Kauf, aber (etwas) tun ist ein Ding)

Diese Redensart könnte man in Anlehnung an ein deutsches Sprichwort mit "Reden ist Silber, handeln ist Gold" übersetzen. Ostfriesen wird nachgesagt, daß sie schweigsame aber auch tatkräftige Leute seien. Es gilt als Tugend, weniger zu reden, dafür aber mehr anzupacken.

 

"Dat is as Kat en Hex" oder "Nu is Kat en Hex"

(Das ist wie Katze und Hexe oder Nun ist Katze und Hexe)

Diese seltsame Redensart bezeichnet eine Situation des Chaos oder Unordnung bzw. Verwirrung. Seeleute (besonders bei der Marine) nennen so etwas gerne auch nur "Zustand" (Es herrscht/es ist wieder 'Zustand'). Sie stammt aus Uplengen.

Diese Redewendung ist wohl in dem alten Aberglauben begründet, Hexen (die immer auch Katzen als Begleiter haben) würden Unfrieden stiften.

 

"Düvel sit up lüttje Stee"

(wörtlich: "Der Teufel sitzt auf der kleinsten Stelle" im Sinne von "Der Teufel sitzt im Detail")

 

"Mit Mettwurst nah`t Speck smieten"

(wörtlich: Mit einer Mettwurst nach dem Speck werfen")
Mit einem großen Aufwand einen (zu) kleinen (oder nur gleichwertigen) Gewinn bzw. Verlust machen.

 

"He mutt in't Holt"

(wörtlich: "Er muß ins Holz")
Der Mensch ist sterblich und muß sich irgendwann einmal damit abfinden, in einer "Holzkiste" (Sarg) liegen zu müssen.

 

"Mors tegen Dieselboom ansmieten"

(wörtlich: "Den Hintern gegen die Deichsel werfen")
Widerspenstige Pferde stellen sich gerne vor einer Deichsel quer, wenn sie z.B. vor einen Wagen angespannt werden sollen. Menschen die sich "quer stellen", sich drücken oder gar eine Sache aufgeben, wird dieser Spruch gerne nachgesagt.